26.01.2020
„Blick zurück nach Vorn“ der Bürgerbühne im Schauspielhaus

„Blick zurück nach Vorn, Familienchroniken gegen das Vergessen“ - Bürgerbühne zeigt aufwühlende Aufarbeitung der Nazizeit

Ensemble „Blick zurück nach vorn“, / Foto © D Haus Melanie Zanin

Es ist ein Stück, dass gut zu dem heutigen Gedenktag an die Opfer des Nazizeit und der Befreiung der KZ Auschwitz passt: Waren der Onkel, der Opa, der Vater vielleicht doch Nazis, nicht nur Mitläufer, sondern aktiv? Die Inszenierung „Blick zurück nach Vorn, Familienchroniken gegen das Vergessen“ der Bürgerbühne mit ihren Laiendarstellern berührt zutiefst, zeigen doch echte Düsseldorfer*innen diesen Teil ihrer – und unser aller – Geschichte. Bei manchen Szenen war es sehr sehr still im Zuschauerraum bei der Premiere in der vorigen Woche. Was war mit Großvater Heinz, mit den Großeltern, den Onkeln, den Eltern ? Waren sie aktiver Teil der Nazis? Oder haben sie es nur hingenommen? Wie war das mit der eigenen Familie?

Die Bühne wird begrenzt von grauen Projektionsflächen, grau wie die damaligen Wehrmachtsuniformen. Auf ihnen erscheinen die Familienfotos der zehn Düsseldorfer*innen, in Uniform. „“Das ist mein Onkel Paul, 1917 geboren“, heißt es zu einem Bild, zum Vater in Uniform, zur Mutter, zu „drei Generationen Heinz“ in der Familie.

„Und, haben sie keinen Nazi in der Familie gehabt? 49 % sagen das. Aber irgendjemand muss es ja gewesene sein, Hitler hat sich ja nicht selber zugejubelt.“ Die 23, 27 Jahre Jungen auf der Bühne, die 50 bis 70-Jährigen Bürger-Schauspieler versuchen, das für sich und die Zuschauer herauszufinden. Regisseur Christof Seeger-Zurmühlen und Dramaturgin Juliane Hendes haben mit den Düsseldorfer*innen ein aktuelles, sehr nahe gehendes Stück geschaffen, das gerade in dieser Zeit erstarkender Rechtsextremer und Faschisten wichtig ist.

Da sind die gestorbenen Verwandten, die Feuerwehrmann waren, die im Russland-Krieg waren, in Frankreich … „aus Opa war ja nichts rauszukriegen“, sagt eine. Die Laienschauspieler*innen der Bürgerbühne erzählen von ihren Familien, vom Onkel, der im Schützenverein war … Bilder von Wohnhäusern erscheinen, von Ruinen in Düsseldorf, vom Bombenangriff auf Düsseldorf 1943, der vor allem die Gegend um die Rüstungsschmiede Rheinmetall traf. Ruinen gab es noch 1958/ 59, in denen auch der Rezensent spielte, wir fanden noch Gewehr- und Pistolen-Munition in den Trümmern. Rheinmetall hatte an der Ulmenstraße eine Produktion gehabt.

Bilder erschienen vom KZ, von den Aufmärschen der Nazis. Und Video-Interviews mit den Alten, die noch den Eid auf den Führer abgelegt hatten, die Kamera schwenkt auf das Bücherregal, auf „Mein Kampf“, das Original …

Stopp, „stopp“, ruft die Frau ihrem Mitspieler und Mann zu, „Ich bin es satt, dass der Onkel Paul sich nie positionierte“. Sich nie explizit lossagte ….

Die junge 27-jährige meint noch, dass es mal gut sein muss mit dem Erinnern. Aber sie, mit eindeutigem „Migrationshintergrund“, wird dem Faschismus, der Feindlichkeit gegenüber Mitmenschen, fälschlich „Fremdenfeindlichkeit“ genannt, noch begegnen.

Eine Ausnahme zu den Bürgern auf der Bühne macht Hanna Werth: Die Schauspielerin des Düsseldorfer Ensembles tritt auf im „Hitler“-Kostüm aus der Aufführung des „Schwejk“. Es war ihr sehr wichtig, auch ein Teil dieser Aufarbeitung der Nazizeit zu sein, trotz der vielen Proben zu einer anderen Inszenierung. Und Hanna Werth, diesmal eher Düsseldorferin als Profi, lenkt in einem Video die Aufmerksamkeit auf ein anderes wichtiges Stück Geschichte Düsseldorfs, die „Aktion Rheinland“ und auf Jeanne Andresen, die im Publikum sitzt. Sie ist die Enkelin von Theodor Andresen, der zur Aktion Rheinland gehörte.

Die Aktion Rheinland: Die Amerikaner standen bereits in Oberkassel, als der Nazi-Gauleiter Florian wollte, dass Düsseldorf der Erde gleichgemacht werde. Ein Gruppe Widerständler um Aloys Odenthal und Theodor Winkens wollte das verhindern. Die Gruppe mit dem Kommandeur der Schutzpolizei Franz Jürgens wurde jedoch verraten, fast alle wurden hingerichtet. Zu den hingerichteten Widerständlern gehörte auch Theodor Andresen. August Wiedenhofen und Aloys Odenthal erreichten am 16. April 1945 amerikanische Linien und konnten nach langen Verhandlungen die Stadt kampflos an die amerikanischen Truppen übergeben. So wurde ein verheerender Luftangriff verhindert.

Und die Verwandten, die Onkel, Väter, Opas ? Waren sie gezwungen, in die NSDAP einzutreten? Waren sie Mitläufer, haben sie mit gemacht? Im Hintergrund erscheint immer wieder ein Brief, wie gerade geschrieben.  Gegen Ende wird klar: Die darin erwähnt sind, wurden im KZ umgebracht.

Geschichte ist auch immer Politik, sagt der 24-Jährige auf  der Bühne einmal. Wie wir mit Geschichte umgehen, beeinflusst unsere Zukunft.  Und „Ich muss meinen Mund aufmachen, keiner darf mehr wegschauen“.

Wir haben uns als Gesellschaft noch lange nicht genug mit den Verbrechen, mit der verbrecherischen Ideologie der Nazis beschäftigt. Denn noch immer können rechtsextreme Menschen sagen: Es war nur „ein Vogelschiss“, es sollte keine Erinnerung geben, Es ist genug, lass es uns abschließen. Solange Neonazis und Rechtsextreme ausgerechnet in Deutschland ihr Unwesen treiben und laut schwadronieren dürfen, so lange muss es ein Erinnern, so lange muss es Stücke wie „Blick zurück nach vorn, Familienchroniken gegen das Vergessen“ geben.

Nach dem langen Applaus wurden die Zuschauer eingeladen, mit den Darstellern ein Glas zu trinken und mit ihnen zu diskutieren. So kam es nach dem Stück noch zu langen teils intensiven Gesprächen.

(Autor Jo Achim Geschke)

Termine weiterer Aufführungen und Karten unter www.dhaus.de