22.11.2016
D‘ Haus: Käthchen von Heilbronn, Premiere

Käthchen von Heilbronn, eine Reise ins Innere des Heinrich von Kleist

Käthchen von Heilbronn, André Kaczmarczyk, Lieke Hoppe/ Foto D‘Haus Matthias Horn

Eine Bühne voller Wasser, auf der aus großen Lüftungsschläuchen mal eine Burg, mal ein Schlachtfeld entsteht, und unverwechselbar der berühmte Holunderbusch emporwächst. Käthchen läuft, taumelt durch dieses flache Wasser, das verwirrende Spiegelungen erzeugt. Bis sie schließlich dort hineinsinkt. Fällt sie vor Glück in Ohnmacht? Ist sie gar doch vergiftet? Siegt hier die Intrige, die Gewalt in Form des Giftanschlags von Kunigunde auf Käthchen? Es ist wohl eher Kleist, der stirbt, bevor sich sein Glück erfüllen könnte. Dieses „Käthchen“ ist ein mal leises, mal donnerndes Ritter-Spiel hin zu Kleist, seinem Leben, seinen Krisen, dargestellt durch hinreißende Schauspieler in der Inszenierung von Regisseur Simon Solberg. Auf die Bühne kommen nicht die vielen Dramatis Personae, die Kleist in seinem Ritterspiel vorsah – es sind nur sechs, sechs Ichs des Kleist, wie es der Regisseur formuliert, die hier die Bühne bewundernswert bespielen.

Kleist, der Große, war zu seiner Zeit ja gar nicht groß, eher unbekannt, daran sollten wir denken, erinnerte Intendant Wilfried Schulz in seiner aufschlussreichen Einführung vor der Premiere.

Kleist hat nie eine Aufführung seines Stücks gesehen. Das „Käthchen“gilt, wegen der vielen Rollen, als so nicht aufführbar. Seit 1810 ist daher immer wieder viel gestrichen worden für die Bühne.

Regisseur Solberg setzt das konsequent fort, reduziert auf sechs - herausragende – SchauspielerInnen. Und hat mit Dramaturgin und dem Ensemble das „Käthchen“ zudem viele Zitate aus den Briefen Kleists in den Text hineingearbeitet. Und so kommt, gesprochen vom Ritter von Strahl, eine Art Beschreibung des Käthchen auf die Bühne, die Kleist 1799, also vor Entstehung des Stückes, schrieb: „Ein frei denkender Mensch bleibt da nicht stehen, wo der Zufall ihn hinstößt. Er fühlt, dass man sich über das Schicksal erheben, ja es leiten kann. Er bestimmt nach seiner Vernunft, welches Glück für ihn das Höchste sei und strebt seinem Ziele, mit allen seinen Kräften, entgegen, er entwirft sich einen Lebensplan.“ Er hat sich lange an Immanuel Kant abgearbeitet, dieser früh gestorbene, unverkennbar findet sich dies in der Inszenierung wieder.

Dazu korrespondiert, wie Regisseur Simon Solberg im Gespräch mit Dramaturgin Janine Ortiz im Programmheft schreibt: „Ein bisschen Kantkrise tut jedem gut, weil sie neben dem Zweifel an allem doch auch die Möglichkeit in sich birgt, bestehende Muster zu hinterfragen und keine noch so feste Struktur als unumstößlich ansehen. ... Eventuell ermöglicht sie, wie jede Krise, nach dem Sturz aus dem Hamsterrad, das von innen immer nach Karriereleiter aussieht, den Blick auf all jene zu richten, die wahrhaft von Bedeutung sind.“

Auch wenn Kleist eine Aufführung nie erlebte – das „Ritterspiel“ war im 19. Jahrhundert sehr beliebt, es gab sogar Sammelbilder der Firma Knorr von 1900 bis 1915. Die Inszenierung gibt auch die Anspielungen auf die Romantik, den Somnambulismus, der bei den Romantikern so beliebte. Ohnehin: die Romantik … Deutlich auch in der Szene, als Ritter vom Strahl und Käthchen sich näherkommen, und Kunigunde sich seitab bewegt und - es ist die Puppe „Olimpia“ des E T A Hoffmann, des romantischen Dichters, die da automatenhaft mit Armen und Kopf zuckt.

Minna Wündrich als Kunigunde von Turneck glänzt als die skrupellose Intrigante, die nach den Ländereien des Friedrich Wetter Graf von Strahl lechzt und sie schließlich durch Heirat mit dem Graf erobern will. Dieser Graf (André Kaczmarczyk) wehrt sich lange gegen das Käthchen, welches ihn traumsicher verfolgt, auch durchs Schlachtgetümmel. Dieses Schlachtgetümmel überfällt im ausgezeichneten Bühnenbild von Sabine Kohlstedt den Zuschauer mit brutalem Lichtgewitter und Metalband-Gedröhn.

Lieke Hoppe gelingt ein wundervolles Käthchen, das traumwandelt durch das Schlachtenchaos, das “Bild“ samt Futteral aus der brennenden Burg rettet, und träumend-schlafend unterm Holunderbusch liegt, wo der Ritter klar erkennt, dass sie ihm schon im Traum erschien.

Ob Jonas Friedrich Leonhard als Knecht Gottschalk, Rainer Philippi als Waffenschmied oder Thiemo Schwarz als Rheingraf vom Stein - sie alle erfüllen in dieser Reise ins Innere von Kleist Schauspielkunst höchsten Anspuchs.

Nein, es ist kein postmodernes „nichts ist wie es scheint“, es ist auch nicht nur ein Stück über den Mut der Liebe, über den Sieg der Nonkonformität, des unbeirrbar Anders-seins, es ist ….

Aber ein Text über diese mitreißende Aufführung leidet unter dem, was Kleist immer umtrieb: Das Wort und Wirklichkeit nicht übereinstimmen. Man muss sie sehen, diese Inszenierung, die einen auch von jedem noch so bequemen Theatersessel zum Applaus hochreißen wird.

(Text Jo Achim Geschke)

Karten und Informationen zu den Aufführungen unter www.dhaus.de