17.09.2018
Das Schloss von Franz Kafka – Premiere D Haus

K. oder der hartze Abstieg – Premiere von Kafkas „Das Schloss“

Moritz Führmann (K), Tabea Bettin (Frieda) und Ensemble in Das Schloss / Foto Thomas Rabsch, D Haus

K. klettert die Wand hoch, doch er wird diese hölzerne Bretterwand, diese unüberwindliche Barriere auf dem Weg zu einem nie gesehenen Schloss nie überwinden können. K. wird im Dorf bleiben, deren Bewohner er verstehen möchte, bei Frieda vom Ausschank des Dorfwirtshauses, bei Pepi, dem Zimmermädchen, oder der Wirtin und dem Lehrer, und den unverständlichen Mechanismen der Verwaltung. Er steigt ab vom qualifizierten Landvermesser zum Mann ohne Job, zum Spielball anonymer Amtsleute, zum Ausgegrenzten, zur Hilfskraft im Dorfgasthaus. Kafkas Romanfragment „Das Schloss“ ist in der Interpretation von Regisseur Jan Philipp Gloger ein fesselndes Theatererlebnis, aber die Interpretation kann auch Fragment bleiben wie Kafkas Roman. Ist es ein Scheitern an der Bürokratie, ein Sinnbild für eine anonyme Macht des Staates, an der der Einzelne klein wird, oder …. Theater als Stoff zum Nachdenken – dafür ist das Schauspielhaus, das D‘Haus, ja inzwischen zu Recht hochgelobt.

Die Kapitel stehen mit Kreide an der Bretterwand, K. (Moritz Führmann) schreibt sie teils selber, etwa „Ankunft“. K. will den Vorsteher sprechen, für den er als Landvermesser am Schloss arbeiten soll. Dieses Schloss ist nie zu sehen, ebensowenig wie der Vorsteher „Klamm“. Dieser Name den Kafka ihm gab: „klam“ bedeutet im tschechischen „Illusion, Täuschung, Schein“, informiert das ausgezeichnete Programmheft.

K. steht, klettert, rennt gegen eine nicht zu fassende Hierarchie der Bürokratie an. Steht dem Sekretär des Sekretärs des Vorstehers, die nichts zu sagen haben, gegenüber. „Was der Vorsteher sagt, hat keine Bedeutung“, verunsichert ihn außerdem die Wirtin (herrlich abweisend Claudia Hübbecker). K. begegnet auch dem Beamten im Bett (Thomas Wittmann), der nur während eines Gesprächs, einer „Einvernehmung“, einschlafen kann.

Er bekommt einen Brief, der arg an die computergenerierten Anschreiben von heute erinnert, mit Sätzen wie „Lassen Sie nicht nach in ihrem Eifer. Ich behalte Sie im Auge“.

K. will sich anpassen. Teil der Dorfgemeinschaft werden. Beginnt eine Liebschaft mit Frieda, dem Mädchen im Ausschank des Dorfes (wandelbar und stark wie immer Tabea Bettin). Sie ist es, die aus ihrer Liebe heraus für K. zusagt, den Job als Schulgehilfe anzunehmen. Und Frieda steigt damit auch auf …

Die Macht der Autorität zeigt dann die rothaarige Familie Barnabas. Amalie (auch Tabea Bettin mit roter Perücke) hat sich einst der Anordnung eines Beamten aus dem Schloss widersetzt. Seitdem sind sie geächtet, leben am Rand der Dorfgemeinschaft.

Pepi (mitreißend Cennet Rüya Voß), das Zimmermädchen aus der Familie Barnabas, hatte sich einen Aufstieg erhofft, denn Frida war ja nun mit dem Gehilfen in der Schule. Doch Frieda trennt sich enttäuscht von K., weil er sich mit den Barnabas einließ, mit Pepi.

Die Familie Barnabas, die „Barnabas-schen, wie es auf der Wand steht, flechten schwarze Fäden, wie die Parzen oder die Nornen der Mythologie die Schicksalsfäden, die K. schließlich um den Hals hängen.

Zimmermädchen Pepi besorgt K., dem Entlassenen, dem Ausgegrenzten, schließlich den Job im Hinterzimmer des Dorfausschanks. Schuhe putzend, Fässer schleppend, irrt K. als Gehilfe des Dorf-Wirtshauses umher, gebeugt und letztlich dann am Boden liegend. Als Landvermesser ist er im Dorf angekommen, um zum Schloss zu gelangen, aber als ihm gegen Ende seines Abstiegs eine Arbeit als Gehilfe im Pferdestall angeboten wird, folgt er dem untergeordneten Sekretär und Gehilfen.

Es ist eine Top-Besetzung, mit Moriz Führmann, Tabea Bettin, Cennet Rüya Voß, Claudia Hübbecker, Jonas Friedrich Leonhardi oder auch Thomas Wittmann. Sie alle agieren in einem kongenialen Bühnenbild von Christof Hetzer: Wände aus Brettern, mal roh mit Borke, mal dünn weiß oder schwach grün lasiert im neuen Hip-Stil, fügen sich anfangs zu abweisend scheinenden Wänden. Um dann, von den Akteur_innen gedreht und verschoben, sich in Zimmer, Räume, Gänge zu verwandeln. Immer wieder klettern K, oder der Lehrer oder die Wirtin diese Wände hoch, nie wirklich erfolgreich. Bis die Wände eine große Amtsstube mit Gängen bilden, in die schwarz Gekleidete sinnfrei und doch hektisch Aktenstapel hin und her tragen. Gänge, zwischen denen K. seine Akte nicht findet und schließlich an der anonym bleibenden Amtsmacht, der fernen Bürokratie, scheitert.

Langer langer Applaus und Bravo-Rufe für diese Premiere im D Haus.

(Autor Jo Achim Geschke)

Weitere Termine und Karten unter

www.dhaus.de