06.03.2017
Der Fall Simon als Schauspiel im Dreischeiben-Haus

Der Fall Simon oder : Vier Schauspieler und ich allein – brillante Inszenierung im Dreischeiben-Haus

Simon Phillippi in Die dritte Haut / Foto Heinz Holzmann D‘Haus

Es ist die wohl außer-gewöhnlichste, die wohl eigen-artigste und faszinierendste deutsche Aufführung des Jahres. In mehreren Räumen des Dreischeiben-Hauses spielen Schauspieler nur für jeweils einen Zuschauer: „Die dritte Haut – der Fall Simon.“ Wer sich darauf einlässt, wird einen Blick auch in sein Innerstes, unter seine eigene Haut erleben – und eine phänomenale Aussicht von der Terrasse auf der 22. Etage über die abendlich erleuchtete Stadt. Düsseldorfer erleben diese Inszenierung für einen Zuschauer nach dem anderen zudem mit Erinnerungen: Sie gehen durch das Dreischeiben-Haus, ein Wahrzeichen der Stadt. Und erinnern sich an den Fall des verschwundenen, vielleicht sogar ermordeten Millionärs Otto Erich Simon, der ein Haus der Kö besaß, das er nicht verkaufen wollte, und den später folgenden Prozess ohne Leiche - der obskur ausging.

Im Kopfhörer eine Stimme, die einen zu den Stationen des Spiels führt, mit ihrer Stimme zu den Stationen des Spiels ver-führt. Jeder ist allein mit den Schauspielern, hautnah, im wörtlichen Sinn – da klopft einem der Makler mal ganz jovial auf die Schulter. Mal wird der alleinige Zuschauer als Simon, mal als Makler angesprochen. Mal weiß man nicht so genau, wer man eigentlich ist, jetzt gerade, in diesem Stück. Plötzlich ist der Zuschauer mit einer Person allein - mit Simon, mit einem gierigen Makler, mit einer Frau … und jeder steht allein einem Menschen gegenüber, ist Teil einer Geschichte. Bin ich jetzt der Kaufinteressent ? Bin ich jetzt der Käufer? Bin ich jetzt Simon? Allein in einem Raum mit einem Schauspieler, das ist irgendwie unwirklich. Herumgeführt mit einer dunklen Krawatte vor den Augen von stummen Begleitpersonen … Man tritt schließlich nach der Begegnung mit der intensiven Tabea Bettin (- die Stimme im Kopfhörer ? - ) auf die Terrasse, hinauskomplimentiert – und neben dem atemberaubenden Blick auf die abendlich erleuchtete Stadt denkt wohl mancher: Hat er sich hier irgendwo versteckt? Damals ?

Zuviel vom Inhalt, vom Text und der genialen Inszenierung zu verraten, würde allerdings den Reiz der Aufführung für künftige Zuschauer stören.

Im Programmheft sind die vier Schauspieler ohne Rollennamen aufgeführt. Es spielen in brillanter Weise : Tabea Bettin, Andreas Grothgar, Konstantin Lindhorst, Rainer Philippi. Und mehrere stumme,schwarz gekleidete Begleitpersonen. Es ist ein Spiel, indem auch der Zuschauer /Zuschauerin in der Rolle des geldgierigen Käufers, des Kaufinteressenten in den Räumen steht, die ohnehin etwas Unwirkliches haben. Ein Spiel mit der Wahrnehmung: Wer ist das, der oder die da vor mir steht? Und wer bin ich in diesem Dialog?

Lassen Sie sich darauf ein. Es ist spannend. Und es ist bestes Schauspiel. Mit Ihnen zusammen. Nur mit ihnen.

 Tabea Bettin in Dritte Haut / Foto Heinz Holzmann D‘Haus

Es gibt viele Bezüge zu dieser Düsseldorfer Geschichte: Wenn der Makler, der das Haus an der Kö kaufen will, im 22. Stockwerk von seinen Visionen für den Neubau spricht, die Galerie, die glitzernde Fassade, die Läden, die tausenden Kunden, die dort (täglich) hinein gehen – dann erinnert das manche Düsseldorfer an den früheren Planungs- und Baudezernenten mit seinen prestigeträchtigen Prachtobjekten.

Der Fall hat bis heute die Phantasie vieler angeregt. So ist auch der angebliche Kaufpreis des Kö-Hauses 76-78 mit magischen Zahlen verbunden: Mal sollen es 30 bis 40 Millionen, mal sogar 100 Millionen Euro gewesen sein. Der rund 70-Jährige soll mit dem Koffer voller Millionen – laut Wikipedia und anderen Zeitungen 40 bis 50 Kilo schwer – von dannen gefahren sein.

Der sogenannte Kö-Millionär war mal ein Freund, mal ein durchschnittlich Gekleideter, mal wieder einer, der sich in der Kö-Schickeria herumtrieb (wo man ja unauffällig, aber teuer gekleidet ist).

Interessantes Detail auch, dass die Vermisstenanzeige vom Bäcker Zaunbrecher kam, der bekanntermaßen eine Vorliebe für Leute von Rechtsaußen hatte und ein Café an der Mittelstraße betrieb. Und unbestreitbar gab es mehr als eine Handvoll solventer Interessenten für den Kauf der Kö-Häuser.

 Konstantin Lindhorst in Dritte Haut/ Foto Heinz Holzmann D‘Haus

Wenn Theater wie hier solche Experimente wagt, solch phänomenale Aufführung mitten in die Stadt bringt, wie bereits bei Gilgamesch im Theaterzelt an der Kö, oder „Faust to go“ in der Oberbilker Kirche, wenn ein Theater und ein Ensemble mitten in der Stadt spielt und nach 22 Uhr noch Improvisationstheater (Satirisch- komische Improvisation in der NachtCentrale D‘Haus) bietet – dann ist das Theater in der Stadt angekommen, ist Teil der Stadt und regt an zu gesellschaftlichen Diskussionen. Bestes zeitgemäßes Theater also.

Video-Installation im K 20

Begleitend zur „szenischen Installation im Dreischeibenhaus von Bernhard Mikeska, Lothar Kittstein und Alexandra Althoff („Raum + Zeit“)“ besteht auch eine Video-Installation des Teams im Foyer des K 20 am Grabbeplatz „Disappearences:: Der Fall Simon“ in Zusammenarbeit mit der Kunstsammlung NRW – Eintritt frei.

Weitere Aufführungen, Karten: www.dhaus.de

Die Historie des Fall Simon:

An der Kö herrscht nach 1986, der Eröffnung der (ersten) Kö-Galerie Goldgräberstimmung, die Grundstückspreise erreichen Fabelsummen, es wird gekauft, abgerissen und neu gebaut für neue teure Geschäfte und Laden-Galerien. In einem alten Haus an der Kö logiert der von der Mosel stammende Otto Erich Simon. Der fast 70-Jährige will nicht verkaufen, soll Bekannten erzählt haben: Ich verkaufe nie. Das Haus an der Kö 76 – 78 weckt aber Begehrlichkeiten. Im Juli 1991 aber ist Simon, in der Presse als der „Kö-Millionär“ tituliert, verschwunden. Ein bekannter Investor taucht auf und präsentiert einen in Zürich notariell beglaubigten Kaufvertrag. Der Investor will eine weitere Ladengalerie eröffnen. Doch dann findet sich der Pass und ein Testament des Verschwundenen, das besagt: Die Häuser sollen nicht verkauft werden. Und es stellt sich bald heraus, dass die Unterschriften im Vertrag gefälscht sind.

Es kommt zum Prozess, zum Mord-Prozess gegen den Investor. Aber es gibt keine Leiche, Simon bleibt unauffindbar. Der Angeklagte wird im Prozess schwer psychisch krank. Das Mordverfahren wird 2002 ergebnislos eingestellt. Der Angeklagte ist nicht verhandlungsfähig. 2006, also 15 Jahre nach seinem Verschwinden, wird Simon für tot erklärt. Der Erbe, ein Mosel-Winzer, verkauft die beiden Häuser, sie werden 2006 abgerissen. Heute firmieren dort zwei Mode-Label.

(Autor Jo Achim Geschke)