18.02.2018
Der Kaufmann von Venedig, Premiere im D´Haus

Über marodierende Netz-Kommentare, Hass und Ausgrenzung: „Der Kaufmann von Venedig“ im Schauspielhaus

„Der Kaufmann von Venedig“, Ensemble, / Foto Thomas Rabsch, D´Haus

Wenn eine Gruppe Männer hasserfüllt „Jude“ brüllt, hallt das in Deutschland doppelt nach. Im „Kaufmann von Venedig“ Shakespeares, der am Samstag Premiere im D´Haus feierte, bringt die Inszenierung aber nicht nur ein Beispiel für Antisemitismus auf die Bühne. Es ist die „Leitkultur“ der Christen im Drama und „der Jude“, die uns zum Nachdenken zwingen über Hass, das Verharren in den eigenen Vorurteilen, über den verlorenen Respekt vor dem Anderen und dem Anderssein, vor marodierenden Kommentaren im Netz und hochmütigem beharren auf einem „Besser-Sein“. Und gar nicht nebenbei wird auch klar: es geht um globalisierten Handel, um Geld, um Kapital. Schließlich geht es ja um einen „Kaufmann“ im reichen, internationalen Venedig.

Dieser Shylock im „Kaufmann von Venedig“ beruft sich auf eine geradezu alttestamentarische Gerechtigkeit. Er ist der Geschundene, der Erniedrigte, der Ausgegrenzte, der sich auf eine gnadenlose Auslegung des Rechts zu seinen Gunsten versteift. Und damit scheitert.

Die Freunde des Antonio und Bassanio, sie haben ihn beschimpft, verlacht, verspottet, erniedrigt, sie bespucken ihn mit Hass – und werfen Shylock Hass vor. Es sind diese Mechanismen des Hassens, die wir aus rassistischen, neonazistischen Kommentaren im Netz und auf Demonstrationen von Rechtsradikalen, ja jüngst aus Tiraden etwa von AfD-Redner Poggenburg kennen.

Die Inszenierung steht nicht im leeren ahistorischen Raum. Versteckter und offener Antisemitismus aus der vermeintlichen „Mitte“ der Gesellschaft ist allgegenwärtig. Shakespeares „Kaufmann“ wird als Komödie geführt, aber es ist heute doch eher ein Drama mit den Shakespeareschen komödiantischen Einlagen. Zu Shakespeares Zeiten – das Stück wurde 1600 erstmals aufgeführt – waren die Juden aus England verbannt, es gab nur kleine Gruppen, die in London lebten. Shakespeare hat also wohl den „Juden“ eher als Allegorie angelegt.

Portia, mitreißend verkörpert von Minna Wündrich, und ebenso Bassanio, der werbende und spätere Mann Portias, scheuen weder vor Schmeicheleien noch vor Tricks zurück, um ihre Ziele und damit den Erhalt ihres Kapitals zu erreichen. Ihre Werte sind biegsam, anpassungsfähig. Und fragwürdig, wenn sie fröhlich feiern, nachdem sie dem Juden Shylock schließlich Ehre und Vermögen abgetrickst haben. Portia allerdings wird verkleidet als Richter schließlich als die intelligenteste in der Reihe der venezianischen Männer erscheinen und mit ihren Winkelzügen den Untergang des Shylock besiegeln.

Bassanio ist der leichtsinnige, der sein Vermögen verlor und die reiche Erbin Portia heiraten will. Er ist in der Inszenierung der zumindest latent schwule Freund des Antonios, ihm gilt die Männerfreundschaft doch mehr als der Ring von Portia. Und Antonio, dessen „Pfund Fleisch“ Shylock fordert, ist ein ebenso ein schwuler Kaufmann und Judenhasser. So zeigen Antonio und Bassanio ein weiteres Beispiel für Ausgegrenzte. Antonio ist aber auch ein selbstloser Freund Bassanios, der sich Geld leiht, um dem Freund zu helfen.

Der Kaufmann Shylock, von Burghart Klaußner mal bös scherzend, dann gnadenlos engherzig auf dem Einlösen seines Schuldscheins beharrend gespielt, pocht mechanisch auf das Gesetz und will das „Pfund Fleisch“ aus Antonio herausschneiden. „Welch Urteil soll ich fürchten, da ich recht habe?“ Und Klaußner bringt das wohl bekannteste Zitat als Kaufmann im Anzug, als unerschütterlich an seinen Vorurteilen festhaltender : „Wenn ein Christ einen Juden beleidigt, was muss seine Geduld sein nach christlichem Vorbild? Nu, Rache. Die Bosheit, die ihr mich lehrt, die will ich ausüben, und es muss schlimm hergehen, oder ich will es meinen Meistern zuvortun.“

Doch wohin führt Hass als Antwort auf Hass, der einem widerfährt ? Als Portia als vermeintliche Richterin ihm Gnade vor Recht vorschlägt, lehnt er ab. Das führt zu Portias „Denn weil du so auf Recht pochst, sei gewiss: Recht sollst du bekommen, mehr als du begehrst.“ Shylock ist schließlich doppelt geschlagen: Er verliert einen Teil seines Vermögens – und seine geliebte, aber sich beengt fühlende Tochter Jessica. Die ist mit Lorenzo auf und davon, nachdem von ihm Geld und Schmuck gestohlen wurden, und sogar zum Christin geworden. Lou Strenger als Jessica begeistert auch in dieser Rolle und bekommt, sehr verdient, für ein jiddisches Lied brausenden Szenenapplaus.

Den hat auch Matthias Luckey als Diener Shylocks und Bassanios verdient: Seine Lieder intonieren die elisabethanische Zeit. Wie auch die Musik von Gitarre und Bass auf der Bühne sich nahtlos in diesen Shakespeare einfügen. Umrahmt wird diese Bühne von Muriel Gerstner von hohen schwarzen Wänden, auf denen englische Zitate aus dem Kaufmann als wandernde Leuchtschrift herumlaufen, wie „I stand here for law“.

Regisseur Roger Vontobel und das Team mit den hervorragenden Schauspieler_innen bringen einen „Kaufmann von Venedig“ auf die Bühne, der die Komplexität des Shakespeareschen Dramas mit den Widersprüchen der Figuren behält. Und der mit den hasserfüllten, ja unbelehrbaren Freunden Antonios und Bassanios und ihrem gebrüllten „Jude!“ zum Nachdenken über die marodierenden Kommentare voller Hass und Antisemitismus in unserem Alltag zwingen.

Langer verdienter Applaus und eine „Rakete“ für die Darsteller_innen.

(Autor Jo Achim Geschke)

Weitere Aufführungen und Kartenbestellung unter www.dhaus.de