18.11.2018
Der zerbrochne Krug im D‘Haus

Der zerbrochne Krug: Männer, Macht und #metoo in ausgezeichneter Inszenierung

Eve, Richter Adam und hinten Gerichtsrat Walter (Links) und der Gerichtsschreiber / Foto Sandra Then D Haus

Die Herren im Anzug sind zufrieden, das Mädchen Eve liegt vergewaltigt im Hintergrund, für den Richter Adam, auch er plötzlich ungewohnt im Anzug, wird sich schon bald ein Job finden, meint der Gerichtsrat Walter. Der zerbrochne Krug, in der Inszenierung nah an der Kleistschen Sprache, wendet sich zum Ende zu einem hochaktuellen Kommentar zur #metoo-Debatte, über Missbrauch von Abhängigkeiten und Gleichgültigkeit im Umfeld der Opfer. Regisseurin Laura Linnenbaum hat den Monolog der Eve, der 200 Jahre lang fast immer gestrichen wurde, mit der verstörend intensiven Cennet Rüya Voss gegen Ende des Stücks auf die Bühne gebracht. Und damit Kleist und einem Theater als Denkanstoß einen Dienst getan.

Kleists „Der zerbrochne Krug“ von 1806 kommt zunächst als die Komödie daher, wie Kleist das Drama um den Richter Adam und seinen Machtmissbrauch ja auch geschrieben hat. Hinreißend bringt Andreas Grothgar den Dorfrichter Adam, schleimend, um den Gerichtsrat herum scharfenzelnd, weinerlich und sentimental. Mit bauernschlauen Ausreden versucht der Mann sein nächtliches Eindringen in die Kammer von Eve zu vertuschen. Denn die Mutter Marthe ist vor Gericht gezogen, ihres zerbrochenen Krugs wegen, der in Eves Kammer lag. Der Verlobte Ruprecht besteht aber darauf, er habe den Krug nicht zerbrochen. Weswegen er auch machoartig die Verlobung lösen will. Doch Eve schweigt dazu, wer in ihrer Kammer war. Zunächst.

Zu Beginn wird in einer Pantomime, umwebt von Vogelzwitschern und süßlicher Symphonie, sehr deutlich, wie Kleists Krug mit dem Mythos von Eva und Adam verwoben ist. Eve umgarnt halbnackt den Richter mit einem Apfel. Durchaus im Kleistschen Sinne, zeigt aber auch die einseitige männlich dominierte Sicht auf Mythos – und das Stück ohne den Monolog.

Der Gerichtsschreiber (Rainer Philippi) ahnt, was wirklich passiert ist, denkt aber an seinen Vorteil als Nachfolger des Richters. Und Richter Adam leitet die Untersuchung im Beisein des Gerichtsrats, versucht aber immer wieder, einen Umweg an der Wahrheit vorbei zu finden. Sogar der Gerichtsrat wird stutzig.

Auffällig bei Kleist (1806) : Der Prozeß um den zerbrochenen Krug als Beweisstück wird immer um das Mädchen herum verhandelt – aber nicht mit ihr.  Eve steht abseits, wenn auch sehr präsent. Mutter Marthe (Michaela Steiger) greift zur Flasche.  Erst als Ruprecht der Tat verdächtigt wird, springt Eve auf. Und schildert schließlich im eindringlichen  Monolog, wie der Richter sie mit seinen Machtmitteln zum Besuch in ihrer Kammer drängte. Wo der Richter vor dem eintreffenden Ruprecht flüchten muss und den Krug dabei zerbricht. Der Richter hat offensichtlich eine Erpressung benutzt, um von ihr Sex zu erzwingen: Eves Verlobter Ruprecht soll nach „Batavia“, also Asien, geschickt werden. Und er, der Richter, könne das verhindern und Eves Liebster könnte bei ihr bleiben. Macht, die Sex erzwingt. Das kennen wir.

Richter Adam flieht. Kleist klagt durchaus an, wenn Eve nun die Verruchte ist, die sich auf den Richter eingelassen hat. Denn nun nimmt der Gerichtsrat (Florian Lange) das Mädchen beiseite, täuscht ebenso Einfluss zugunsten des Verlobten vor. Und vergewaltigt sie, während der Gerichtsschreiber die Richterrobe vor der Szene schützend ausbreitet.

Und dann kommt es wie heutzutage oft: Die Herren im Anzug bleiben, für den Richter wird sich bald ein neuer Job finden, die Mutter trinkt den Wein leer, und der Verlobte geht nach Batavia. Im Hintergrund liegt die missbrauchte Eve.

Anklage wegen sexueller Übergriffe gegen einen Richter kennen wir hochaktuell etwa aus den USA: Ein Richter, Wunschkandidat von Pussy-Trump, wurde ins hohe Amt gewählt. Aber auch in Deutschland ist das Ausnutzen männlicher Macht gegenüber Frauen durch die #metoo-Debatte zur Sprache gekommen. Hat sich etwas verändert ?

Tosender, langer Applaus, für das exzellente Ensemble und die Inszenierung.

(Autor Jo Achim Geschke)

Wir empfehlen wie immer das ausgezeichnete Programmheft.

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