12.11.2017
Die Dreigroschenoper – Premiere im Schauspielhaus

Dreigroschenoper – SchauspielerInnen gelingt Brecht am 11.11. im Schauspielhaus

Dreigroschenoper Szene Ensemble / Foto Sandra Then, D‘Haus

Diskutieren könnten wir, ob ein deutlicher Bezug zu aktuellen Themen (Panama- und Paradise Papers, Automobil-Skandal) brechtisch im Sinne von epischem Theater bei dieser Dreigroschenoper möglich wäre. So diskutierten auch Zuschauer in der Pause des 3 ¼ -Stunden-Aufführung. Es ist aber doch eine mitreißende Inszenierung mit gelung punkig-altertümlichen Kostümen, und mit wunderbar agierenden Schauspieler_Innen. Allen voran Lou Strenger als Polly Peachum, Claudia Hübbecker als Frau Peachum, einer dieses Mal komödiantischen Tabea Bettin, und einer beeindruckend guten „Moritat von Meckie Messer“ durch Cennet Rüya Voß zu Beginn. Ach, eigentlich waren alle wirklich gut, und das kleine Orchester begeistert mit Weills Musik. Dass der kölsche Dialekt irgendwann plötzlich über die Bühne kommt, ist ja irgendwie auch Brecht: Dialekt ist durchaus eine Form der Verfremdung im brechtschen epischen Theaters. Vielleicht war es aber auch nur dem Datum 11.11. („Hoppediz Erwachen“) geschuldet bei der Premiere.

Es ist, aus eigener Erfahrung gesagt, sehr schwer, Kurt Weills Musik richtig zu singen. Lou Strenger gelingt das mit einer offenbar an Operngesang geschulten Stimmkraft. Diese Stimme ergreift die Zuschauer mit Macht beim Lied der „Seeräuber-Jenny“. Gänsehaut und Szenenapplaus. Strenger singt die Ballade auf dem Käfig aus Stangen, der das Bühnenbild beherrscht und in dem die Musiker sitzen. Ebenso musikalisch beeindruckend Sonja Beißwenger als Jenny. Tabea Bettin als Lucy bringt die brechtsche Distanzierung in einer Szene mit einem Divahaften „Mi-mi-mi“ und „Ich brauche immer den ersten Ton, um zurecht zu kommen“, bevor sie ihre Arie anstimmt.

Apropos Bettin und Strenger: Ihr Duo beim Torten essen auf dem Bühnenrand, schon über den Rand zu einer Slapstick-Szene, aber sehr gelungen, bringen sehr viele Lacher beim Düsseldorfer Publikum. Auch der im übrigen überzeugende „Mackie“ Serkan Kaya zeigt Komödenqualitäten, nicht nur wenn er als Gefangener mit Klebeband am Gitterkäfig hängt

Vorne: Lou Strenger, Serkan Kaya und Tabea Bettin / Foto Sandra Then, D‘Haus

Der hochgelobte und vielfach ausgezeichnete Regisseur Andreas Kriegenburg bleibt ganz dicht am Originaltext. Verfremdet sind die Gesichter der Huren, der Diebe und Betler durch weiße körnig-lehmige Farbe, die Risse während der drei Stunden bekommt. Brechts Projektionen sind bei Kriegenburg Pappschilder mit Edding Texten, etwa: „Gib so wird Dir gegeben“. Peachum als Chef der unternehmensstraff organisierten Bettler-Organisation hat schließlich „eine ganze Bibliothek“ davon. Peachums Geschäftsmodell: Dafür und für die Klamotten und Beistümpfe zahlen die Bettler ja an ihn. Die Konkurrenz zu macheath / Mecki Messer ist ja den allermeisten schon aus der Schule bekannt.

Der Brechtsche Text wird allerdings immer wieder durchbrochen, etwa wenn plötzlich Frau Peachum anstimmt „Johnny, wenn du Geburtstag hast … ich schweife ab..“ (Das Lied ist von Friedrich Hollaender, der 1933 vor den Nazis fliehen musste.) Die Schauspieler beziehen das Publikum zudem mit ein, etwa wenn sich einige kurz auf den Schoß der Zuschauer in der ersten Reihe setzen oder sie auch direkt ansprechen. Schnell, kurz und doch kennzeichnend und durchaus mit aktuellem Bezug: Macheth / Meckie spult vor aufgemalten Sofas und Chaiselonge Dialekte ab – und : „Ein deutscher Schauspieler spielt Brecht mit französischem Akzent ...“ das mündet in „Leitkultur“und „Alahu akbar“… und dann „Machen wir weiter mit Brecht und Ordnung“.

Die Hochzeitsszene im Pferdestall begleiten Schauspieler_Innen mit Pferdeköpfen aus Pappe, die Süße fügt sich durchaus dem Spott Brechts. Sehr beeindruckend die Puppen, die alte Huren darstellen und erschreckend realistisch-fremd sind, mit denen die Schauspieler am Bühnenrand als Chor agieren.

Wenn Spelunken-Jenny und der Chor aus Ganoven und Huren und Bettlern das zweite Dreigroschen-Finale anstimmen, steigert sich das zu einem geradezu aggressiven „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“, der gewaltig auf das Publikum herabschreit.

Die „Dreigroschenoper“gehört zu den bekanntesten Stücken auf der Bühne, wird in der Schule gelesenen, gehört zum Standard des Bildungsbürgertums. Brecht hat in einem Selbstinterview beklagt, dass der Erfolg des Stücks all das ausmache, worauf es ihm nicht ankam, und der Spott über die Romantik etwa und die Sentimentalität weggelassen werde. Er fürchtete, er werde als der überdauern, der geschrieben hatte: „Erst kommt das Fressen, dann die Moral.“ Die vereinzelten „Lacher an der falschen Stelle“ im Publikum scheinen dem Recht zu geben.

Minutenlanger, höchst verdienter Applaus und Bravo-Rufe für die Schauspieler_Innen und Musiker.

Eine Empfehlung: Kaufen Sie und lesen Sie das Programm-Heft.

(Autor Jo Achim Geschke)

Termine weiterer Aufführungen und Kartenbestellung:

www.dhaus.de