02.02.2018
„Düsseldorf first“ – Bürgerbühne des Schauspielhauses

Wie bringt man Stadtpolitik interessant auf die Bühne? Genau so! „Düsseldorf first“ der Bürgerbühne

Ensemble Düsseldorf first / Foto Thomas Rabsch D´Haus

Was manche Politiker nicht schaffen, ist der Bürgerbühne gelungen. Ein Stück von und mit Bürgern, aufgebaut wie eine Rats- oder Bezirksvertretungssitzung, „Düsseldorf first“ bringt Themen der Kommunalpolitik, aber auch die Einstellungen der Laien-Darsteller zur Stadtpolitik auf die Bühne. Grüne, SPD-Genossen, FDP-Mitglieder und ein CDU-Mitglied bringen zu Tagesordnungspunkten (TOP) Chaos oder Reden auf die Bühne, ebenso ein Anarchist und eine Sozialarbeiterin. Vorweg gesagt: Sie hatte die meisten Sympathien im Publikum. Denn die Zuschauer dürfen zu ganz vielen Fragen auch abstimmen.

Schließlich sind wir ja kein „Neuland“ im Schauspielhaus, technisch lief die Abstimmung mit einem kleinen Gerät ähnlich einer Fernbedienung. Und so kommen auf die Bühne zwei FDP-Männer, eine FDP-Frau, und dazu ein Anarchist – es geht gut, keine Sorge. Und was die Priorität des Marktes angeht, sind manche FDP-Mitglieder ja auch nahezu anarchistisch. Außerdem zwei Genossen und Grüne und eben die Sozialarbeiterin, die ja ganz nah dran ist an einigen Problemen der Gesellschaft. Es spielen Menschen, die sich in ihrer Freizeit in der Politik für die Stadt odeer ehrenamtlich sozial engagieren. Es ist kein vorgegebenes Theaterstück, Text und Inszenierung stammen von Regisseurin Miriam Tscholl und Dramaturgin Dagrun Hintze. Und von den Akteuren selbst: Die wurden zuvor ausgiebig interviewt.

Daraus entstand „Düsseldorf first“, was im besten Sinne als kurzweilige und Interesse weckende Einführung in die Kommunalpolitik bezeichnet werden kann.

Es gibt, klar, eine lange Tagesordnung mit 12 Punkten. Und die üblichen Vorurteile zu Anfang: „die labern doch nur“, oder : „bringt doch nix“ . Und eine CDU-Karteileiche – komplett bandagiert Heiner Geldermann. Der CDU-Jurist fragt dann etwas noch, wer im Publikum konservativ ist – es sind 17 %.

Es fehlt an Wohnungen – also wird Düsseldorf Stadtstaat und kann einen Volksentscheid organisieren ? Da kommt die erste Abstimmung für das Publikum: 57 % sind dagegen.

Nun kommen wir zum Tagesgeschäft für Bezirksvertretungen – das sind die 10 Stadtteilparlamente in Düsseldorf, in der 190 Ehrenamtliche aus allen Parteien über so einiges abstimmen. Und debattieren. Die FDP stellt einen Antrag, die SPD will erst mal Zahlen sehen, die Grünen mit dem BUND beraten. Wer wie der Rezensent sehr viele Sitzungen der Bezirksvertretungen beruflich begleitet hat, weiß: Es ist alles sehr realitätsnah.

Es geht um Kanada-Gänse im Zoopark, Fahrradständer in Flingern – also um Themen der Bezirksvertretung 2. 57 % des Publikums meinen zu wissen, was das ist. Mit stilisierten Parteiständen – also Schirm, Tisch und oft ohne Charme – gehen die Parteien vor die „Bilker Arcaden“ und wollen Menschen ansprechen. Die wollen aber eher einkaufen oder ihren Frust abladen – also wird hier wenigstens die überholte Politikwerbung aufgegeben.

Das Düsseldorfer Publikum wird immer wieder beteiligt: Zur Frage ob es mehr Großveranstaltungen in der Stadt geben sollte / dürfte. 33 % Nein, 31 % ist super so, 30 % sagen, es müsste eher nachhaltig sein.

Sichere Altstadt? 32 % sagen „ist sicher“, 40 % „geht so, 28 % „unsicher. Der CDU-Mann will ganz wie im Rat mehr Polizei und Kameras in der Altstadt: 5% sind dafür, 62 % wollen lieber weniger Junggesellenabschiede.

Mehr Fahrradwege auch zu Lasten des Autoverkehrs? 60 Prozent sind dafür.

Sozialarbeiterin Britta Kollmann legt schließlich den Finger in die größte Lücke der Stadt: Fehlende Wohnungen und viel zu hohe Mieten. Wer 1600 Euro Netto verdient, zahlt bald 50 % für die Miete, kann für die Rente nichts zurücklegen, klagt die Sozialarbeiterin. Eine Mehrheit ist für den Vorschlag des Anarchisten Aljoscha, die Tausenden leerstehenden Wohnungen an Sozialverbände zu übereignen. Und ganz realistisch wird’s bei der Frage: Soll die Stadt den Wohnungsmarkt regulieren? Die FDP (Markt vor Staat) ist dagegen, die CDU auch – die Mehrheit des Publikums dafür.

Sozialarbeiterin Kollmann berichtet auch, wie sie immer mehr in kürzerer Zeit mit ihrer Klientel abarbeiten muss. Dazu ist übrigens auch das Programmheft zu loben, in denen sich die Akteur*innen beschreiben.

So wird auch auf der Bühne beschrieben, wie lax die Parteien mit neu Eingetretenen umgegangen sind. Anna-Maria Lienau etwa legt auf der Bühne klar, warum sie inzwischen in der Kirche und einer Schule tätig wird.

Aufschlussreich sind die als Projektionen eingeblendeten Interviews auf der Straße: „Kennen sie den Oberbürgermeister?“ Antwort oft: Ja. „Wie heißt er ?“ … Antwort oft: „ähh, ja, liegt mir auf der Zunge ….“ Was der OB als Chef von rund 9000 Mitarbeitern verdient, weiß kaum jemand (14.000 Euro brutto), dass im Stadtrat 33 % Frauen vertreten sind, weiß ein Drittel des Publikums.

Schließlich erfährt das Publikum noch, dass die Stadt von 2017 bis 2019 fast 300 Millionen Euro investieren wird, und der Haushalt, der Etat, doch schwer zu lesen ist.

Und dann kommt der echte, richtige Ratsherr auf die Bühne, in einer römischen Toga tritt auf: Ulf Montanus, Ratsherr der FDP, und hält eine Rede. In den nächsten Aufführungen werden alternierend auftreten: Angela Hebeler (Grüne Ratsfrau), Andreas Paul Stieber (CDU-Ratsherr), und Philipp Tacer (SPD-Ratsherr).

Wenn schließlich die Göttin „Demokratia“ fragt, wer von den Darsteller*innen denn wohl am meisten für das Gemeinwohl getan hat, ist die Meinung des Publikums eindeutig: Die Sozialarbeiterin. Das könnte Kommunalpolitiker nachdenklich machen …

Bei der letzten Abstimmung sagen 19 im Publikum, sie werden in eine Partei eintreten, 47 meinen, niemals, und 75 sagen, sie haben etwas Neues erfahren.

Theater mittendrin in der Stadt – eine kurzweilige und bestens informative, auch lustige Inszenierung der Bürgerbühne. Für Kommunalpolitiker aller Couleur dringend empfohlen. Für Nicht-Parteimitglieder sowieso.

(Autor Jo Achim Geschke)

Weitere Aufführungen und Karten-Bestellungen: www.dhaus.de