02.12.2018
Verleihung des Heines Preises 2018 an Prof. Dr. Leoluca Orlando, Palermo

Heine-Preisträger Leoluca Orlando, Palermo: Plädoyer für internationale Freizügigkeit als unveräußerliches Menschenrecht

OB Thomas Geisel, Preisträger Prof. Dr. Leoluca Orlando sowie Regisseur und Laudator Wim Wenders,(c)stadt Düsseldorf/ David Young

In seiner Rede zur Verleihung des Heine-Preises 2018 sagt Prof. Dr. Leoluca Orlando:„Palermo, auf der Suche nach der Harmonie von Ästhetik und Ethik, dankt den Migranten und erkennt durch die Charta von Palermo 2015 die internationale Freizügigkeit als unveräußerliches Menschenrecht an und regt die Abschaffung der Aufenthaltserlaubnis an.“ Der Jurist und langjährige Bürgermeister von Palermo Leoluca Orlando ist auch der Autor der ‚Charta von Palermo‘, die er 2015 verfasst hat. Darin legt er ein Gegenbild vor zum zerstrittenen und teils populistischen Europa unserer Tage. Es ist ein Manifest, untertitelt mit der These: ‚Von der Migration als Problem zur Freizügigkeit als unveräußerlichem Menschenrecht.‘ Und fordert, dass Migrant*innen nicht als solche, sondern klar als Mitbürger, als Mitmenschen anerkannt sind. Die Laudatio hielt Regisseur Wim Wenders.

Der langjährige Bürgermeister von Palermo, Kämpfer gegen die Mafia, formuliert in seiner Rede ein nachdrückliches, ja leidenschaftliches Plädoyer für eine Freiheit, für eine Identität jedes Einzelnen, die frei ist von Herkunft, Religion oder staatlicher Zugehörigkeit. Es ist die Identität des Menschen, für jeden. Und „Vaterland“ ist der Ort, für den sich der Mensch entscheidet, und das ist eine Freiheit, die nur in der Vielfalt existieren kann, die wir alle sichern müssen.

Der Heine-Preis zählt zu den bedeutendsten Literatur- und Persönlichkeitspreisen in Deutschland und wird seit 1972 verliehen; er ist mit 50.000 Euro dotiert. Der Preis wird traditionell rund um Heinrich Heines Geburtstag (13. Dezember) überreicht.

Der Kämpfer gegen die Mafia, der zeitweise auf deren Mordliste stand und fliehen musste, veränderte das Aussehen und die Kultur der Stadt Palermo. Preisträger Orlando: „Palermo hat sich kulturell verändert, im Kopf und im Lebensstil der Palermitaner. Palermo: noch bis in die 80er-Jahre Hauptstadt der Mafia - und Palermo heute: Kulturhauptstadt Italiens 2018, Sitz der Wanderausstellung 'Manifesta 12', eine Stadt unter den 5 ersten touristischen Städten Italiens, eingetragen im UNESCO-Kulturerbe auf Grund ihrer Geschichte und ihrer arabisch-normannischen Gegenwart, Palermo, internationaler Bezugspunkt für die Willkommenskultur."

Palermo habe sich, so Orlando, „für eine Verschmelzung entschieden: wir sind heute eine der am besten vernetzten Städte am Mittelmeer und wir sind zugleich eine Stadt, deren Bürgermeister jeden Tag wiederholt, dass ‚es in Palermo keine Migranten gibt‘. Keine 80.000, keine 100.000 Migranten in Palermo; wer in Palermo lebt, ist Palermitaner‘. …..Alle sind untereinander unterschiedlich, weil sie Personen, menschliche Wesen sind; alle sind gleich, weil sie Personen, menschliche Wesen sind. …. Palermo, auf der Suche nach der Harmonie von Ästhetik und Ethik, dankt den Migranten und erkennt durch die Charta von Palermo 2015 die internationale Freizügigkeit als unveräußerliches Menschenrecht an und regt die Abschaffung der Aufenthaltserlaubnis an.

Laudator Wim Wenders drehte unter anderem „Palermo Shootin“ mit Campino in Düsseldorf und Palermo, in der der heutige Preisträger in einer Rolle auftrat. In seiner Laudatio betonte Wim Wenders, „Diese Charta von Palermo ist die kühne Antwort auf eine der großen Herausforderungen unserer Zeit, die gewaltigen Migrationsbewegungen, deren Zeugen wir sind. Die gängige Antwort darauf in weiten Teilen Europas ist heute eine weitgehend populistische und fremdenfeindliche. Orlando und mit ihm Palermo haben eine bessere Lösung und halten uns die einfachste Formel des Rechts, des Menschenrechts entgegen: „Io sono persona!‘ Ich bin ein Mensch, eine Person, die etwas wert ist, und das gilt für alle, für Heimatlose genauso wie für Beheimatete. Orlando sagt: ‚Io sono persona‘, ‚Ich bin ein Mensch.‘ Ich habe ein Recht auf Zukunft und auf Leben, wie jedermann.“

Orlando, so Wenders, habe auch den Mut gehabt, „gegen seine Regierung im Mittelmeer gestrandete Flüchtende aufzunehmen, die keinen Hafen mehr anlaufen durften, oder seinen in Haft genommenen Bürgermeisterkollegen aus Riace zu verteidigen.“

OB Thomas Geisel verwies auf die langjährige Freundschaft zwischen Düsseldorf und Palermo, „für die man sich aus der Bürgerschaft heraus stark gemacht hat. […] Umso mehr freut es mich, dass Leoluca Orlando heute diesen Preis erhält. Das stärkt auch die Verbindungen zwischen Palermo und Düsseldorf. Vor allem aber ehren wir Leoluca Orlando als außergewöhnliche Persönlichkeit, als außerordentlich engagierten, furchtlosen Menschen. Sein Kampf gegen die Mafia, sein Einsatz für ein lebenswertes Palermo und für Flüchtlinge beeindruckt tief."

Die Heine-Preis-Jury traf ihre Entscheidung für Leoluca Orlando am 8. Juli und begründete ihr Votum wie folgt: "Der Heine-Preis der Landeshauptstadt Düsseldorf 2018 wird an Leoluca Orlando, den Bürgermeister von Palermo, verliehen. Leoluca Orlandos Einsatz bei der Aufnahme von Flüchtlingen an der Schnittstelle zwischen Afrika und Europa ist vorbildlich – ganz im Sinne der Grundrechte des Menschen und der Statuten des Heine-Preises. Mutig und konsequent hat Leoluca Orlando den Kampf gegen die Mafia geführt und damit seiner Heimatstadt Palermo erfolgreich das demokratische Selbstbewusstsein zurückgegeben. Nicht zuletzt dank Leoluca Orlando ist Palermo in diesem Jahr zur 'Italienischen Kulturhauptstadt' erklärt worden."

Kurzvita:

Preisträger Orlando, 1947 auf Sizilien geboren, studierte Jura und promovierte, war international unter anderem bei der OSZE tätig. 1985 wurde er zum Bürgermeister von Palermo gewählt. Seine Amtszeit wird als "Frühling von Palermo" bezeichnet, da er sich entschieden gegen die Mafia einsetzte. 1992 mussteer vor der Mafia mit seiner Frau fliehen. 1993 kandidierte Orlando bei den ersten direkten Bürgermeisterwahlen Italiens erneut in Palermo und setzte sich durch. Von 1994 bis 1999 saß er im Europaparlament, und wurde 1997 als Bürgermeister Palermos bestätigt.

2012 trat Orlando erneut zur Wahl des Bürgermeisters in Palermo an und bekleidet seither das Amt. In der "Charta von Palermo 2015" forderte Leoluca Orlando unter anderem von der EU die Einrichtung eines humanitären Korridors für Flüchtlinge von Libyen nach Europa. 2016 stellt Leoluca Orlando die App "Noma" (für "No Mafia") vor, die Straßen und Plätze in Palermo beleuchtet, an denen die Mafia mordete. Zudem wird die Geschichte der Opfer erzählt. Er veröffentlichte zahlreiche wissenschaftliche Publikationen und Essays, wie "Palermo" (1990), "Ich sollte der Nächste sein: Zivilcourage - die Chance gegen die Korruption und Terror" (2002), "Der sizilianische Karren" (2004) oder "Ich sollte der Nächste sein: ein Politiker im Fadenkreuz der Mafia" (2010). Zudem veröffentlichte Orlando Chansons, Drehbücher, Erzählungen und trat auch selbst als Schauspieler auf.

(Autor Jo Achim Geschke, mit Material der Stadt)