02.03.2016
Schulpolitik in Düsseldorf - Interview mit Patrick Schiffer

Patrick Schiffer (Piraten): Losverfahren bei der Zuweisung zu Schulen ist ungerecht

Patrick Schiffer ist derzeit Vorsitzender des Vorstands der NRW-Piratenpartei und als sachkundiger Bürger Mitglied im Schulausschuss des Rates der Stadt Düsseldorf.

Ergänzend zu unseren Beiträgen über der Umgang mit Eltern von Kindern, die an ihrem Wunschgymnasium keinen Platz bekommen („Bildungslotterie auf dem Rücken der Kinder“ – Teil 1 und Teil 2) sprach "the dusseldorfer" mit Patrick Schiffer über Sinn und Unsinn des neuen Gymnasiums an der Schmiedestraße, über das unsägliche Losverfahren bei der Zuweisung zu den Gymnasium und die Haltung der Piratenpartei zur hiesigen Schulpolitik. Das Interview ...

Das Interview führte Rainer Bartel / the düsseldorfer

Frage: Hältst du die Umwandlung der ARS in ein Gymnasium für sinnvoll?

Antwort: Grundsätzlich habe ich diese Entscheidung mitgetragen, ja. Aber letztlich werden die Eltern darüber entscheiden, ob die Umwandlung der Adolf-Reichwein-Hauptschule in ein Gymnasium in der Schmiedestraße angenommen wird. Bisher haben sich erst 20 Schülerinnen und Schüler dafür angemeldet, aber es werden sicher noch mehr.

Die Zügigkeit der weiterführenden Schulen in Düsseldorf wurde für das kommende Schuljahr insgesamt angehoben. Dazu gehört auch, dass wir sowohl eine neue vierzügige Gesamtschule als auch ein neues Gymnasium schaffen wollten. Die Situation bleibt aber angespannt. In dieser Übergangsphase können wir es leider nicht allen recht machen.

Die Ampel hat mit Unterstützung der Piraten in den letzten zwei Jahren mit mir im Schulausschuss und Frank Grenda im Rat sehr viele Dinge auf den Weg gebracht, um die langjährig sträflich vernachlässigte Schulpolitik in Düsseldorf unter Erwin und Elbers so gut wie möglich aufzuholen. Wir haben beispielsweise einen Antrag zur Modernisierung der sogenannten Schulbauleitlinien durchbekommen. Das war für uns ein großer Erfolg.

Ein weiteres Ziel von uns war und ist es, mithilfe von Open Data, also der freien Verfügbar- und Nutzbarkeit von öffentlichen Daten die gesamte Schulsituation in Düsseldorf transparenter und übersichtlicher zu gestalten. Allerdings gibt es in der Verwaltung noch Vorbehalte datenschutzrechtlicher Natur, was wir aber sicher in den nächsten Monaten gelöst bekommen.

Frage: Glaubst du, dass es für das Schuljahr 2016/17 genug Anmeldungen für das Gymnasium an der Schmiedestraße geben wird?

Antwort: Dort wird für die Schülerinnen und Schüler ein neues, attraktives Angebot mit musischem Schwerpunkt [1] geschaffen, und geplant ist auch die Mitwirkung der Schüler beim Aufbau der Schule. Aber es ist natürlich jetzt Aufgabe der Politik und der Stadt, weitere Eltern von dieser Attraktivität des neuen Gymnasiums zu überzeugen. Ich empfehle den Eltern und Kindern, sich selbst ein Bild vor Ort zu machen. Es ist übrigens ein innerstädtischer Standort, der aus allen Richtungen sehr gut zu erreichen ist.

Es gibt mehrere hundert Schüler, die noch nirgendwo angemeldet wurden oder deren vorrangiger Wunsch nicht berücksichtigt werden konnte. Wir hoffen natürlich, dass sich viele Schülerinnen und Schüler auch für die Schmiedestraße entscheiden.

Frage: Was soll deiner Meinung nach ein solches Gymnasiums-Provisorium, wo doch die Eltern viel dringender Gesamtschulplätze suchen?

Antwort: Das Gymnasium ist weiterhin die beliebteste Schulform in Düsseldorf. Auf diese Nachfrage mussten wir antworten und zusätzlichen Platz schaffen. Nach den Sommerferien werden am Georg-Büchner-Gymnasium in Golzheim (bislang nur Oberstufe), am neuen Jüdischen Gymnasium in Rath und am neuen Gymnasium Schmiedestraße in Oberbilk zusätzliche Kapazitäten geschaffen.
Zudem kommen mit der Umwandlung der Sekundarschule am Hermannplatz in Flingern in eine Gesamtschule und dem für August geplanten Start einer neuen Schule dieses Typs an der Stettiner Straße auch mehr Plätze für Gesamtschulen ins Spiel.

Frage: Warum macht Wolfgang Scheffler systematisch PR für das Gymnasium Schmiedestraße, wo er doch eigentlich gegen die Umwandlung war?

Antwort: Ich denke, dass die weitere Schaffung eines Gymnasiums ein Kompromiss mit der FDP war, so steht es jedenfalls in der Kooperationsvereinbarung von SPD, Grünen und FDP. Wir Piraten tragen diese Vereinbarung aus vielfachen Gründen und durch einen Beschluss unserer Mitgliederversammlung kurz nach den Kommunalwahlen mit. Ich arbeite als sachkundiger Bürger sehr konstruktiv und durchaus auch mal mit harten Bandagen mit der SPD-Fraktion und den Ampelpartnern zusammen.
Natürlich sind wir nicht immer mit allen Entscheidungen der Ampel einverstanden. Aber ich kann Wolfgang Scheffler hier nur unterstützen, wenn er an der Entspannung der Gesamtsituation arbeitet und dieses Gymnasium bewirbt.

Frage: Wie ist die Haltung der Piraten auf kommunaler Ebene zur Frage des dreigliedrigen Schulsystems?

Antwort: Wir sind der Meinung, dass Kinder in Deutschland viel zu früh und falsch den unter­schiedlichen Schultypen innerhalb des Systems zugeführt werden. Es mangelt u.A. an sozialer Durchlässigkeit, ein Migrationshintergrund bestimmt beispielsweise die eigenen Bildungschancen und eine Zweitsprachenförderung ist kaum existent. Das viergliedrige System, bestehend aus Hauptschule, Realschule, Gymnasium und Ge­samtschule, selektiert zu früh und fördert zu wenig.

Die ein­gliedrigen Schulsyste­me, wie z.B. die PISA-Spitzenreiter Finnland und Kanada haben sich in der Vergangenheit als leistungsfähiger erwiesen. Meiner Meinung sollten alle Schüler grundsätzlich die Möglichkeit haben, ohne Schulwechsel das Ab­itur anzusteuern. Natürlich geht das nur durch eine schrittweise Umsetzung unter Ein­beziehung aller Beteiligten auf allen Ebenen: Bund, Länder und Kommunen müssten für eine solche Schulreform an einem Strang ziehen.

Desweiteren fehlt es in den Schulen an Demokratie: Entscheidungen werden regelmäßig autoritär-hierarchisch-bürokratisch getroffen. Demokratisch regeln heißt aber für mich, dass gemeinsam in gemeinsamer Verantwortung Entscheidungen getroffen werden. Ich würde gerne in Düsseldorf eine Modellschule für Partizipation und Demokratie wie in Rheinland-Pfalz aufbauen.
Denkbar wäre auch, mit einer Düsseldorfer Schule das sehr vielversprechende Projekt namens AULA [2] auszuprobieren, welches Marina Weisband gemeinsam mit Politik Digital entwickelt hat. Dabei sollen die Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit erhalten, ihr eigenes schulisches Umfeld mithilfe eines Online-Demokratie-Tools aktiv zu gestalten.

Frage: Was hältst du vom Losverfahren bei der Zuweisung von Schülern zu den Gymnasien?

Antwort: Ich würde mir wünschen, dass das unsägliche Losverfahren in der Stadt durch ein gerechteres Entscheidungsverfahren ausgetauscht würde. Jedenfalls solange es nicht genügend Plätze gibt, denn momentan behandelt es abgelehnte Kinder einfach ungerecht.

Denkbar wäre zum Beispiel die Einführung einer Schulwunschliste mit mindestens 3 und höchstens 5 Schulen, bei denen gewisse Kriterien greifen. Dafür müssten die Auswahlkriterien der Schulen auf den Webseiten veröffentlicht werden. Damit die Eltern besser Bescheid wissen, auf was geachtet wird. Desweiteren werde ich mich dafür einsetzen, dass die Schulverwaltung den Prozess der Anmeldung noch transparenter und nachvollziehbarer gestaltet.

Quellen:
[1] Westdeutsche Zeitung – Neues Gymnasium in Oberbilk mit musischem Schwerpunkt: www.wz.de/lokales/duesseldorf/neues-gymnasium-in-oberbilk-mit-musischem-schwerpunkt-1.2127646
[2] aula – Gemeinsam Schule gestalten – Politik digital mit Marina Weisband: politik-digital.de/news/aula-gemeinsam-schule-gestalten-147178/

 

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[Zuerst erschienen in: the düsseldorfer]

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