11.04.2018
Bücherverbrennung 1933 in Düsseldorf – Gedenken – Kommentar

Damals haben Bücher gebrannt – heute schweigen wir zu viel - Kommentar

Die öffentliche Verbrennung undeutscher Schriften und Bücher auf dem Opernplatz in Berlin! File:Bundesarchiv Bild 102-14598, Berlin, Opernplatz, Bücherverbrennung, CC BY-SA 3.0 de

Heute werden keine Bücher mehr verbrannt. Können wir uns also zurücklehnen? Nein. Es ist eine Mahnung, und wenn heute in der Tonhalle an die Bücherverbrennung in Düsseldorf vor 85 Jahren gedacht wird, ist das eine Notwendigkeit. Es gibt kein „Wir haben es ja nicht gewusst“ … Heute werden Stimmen immer lauter von einer „konservativen Revolution“, von „konservativen Wertekommissionen“, die zurück wollen zu Frau am Herd, zu „Mann, Frau mit Kind sind die einzigen Familien“.... Es beginnt ungeniert und offen eine Rückwärts-Wendung zu einem Familienbild der 50er Jahre, weg von einer freien, offenen, pluralen Gesellschaft von heute. Jens Spahn (CDU), Söder, Seehofer (CSU) sind nur die Beispiele für eine rückwärtsgewandte Einstellung, Haltung, die vieles aus der Zeit ´33 bis ´45 wieder aufnimmt, um von der großenteils rechtsextremen AfD Wähler zu gewinnen. Akademiker_innen unterschreiben eine quasi fremdenfeindliche „Erklärung 2018“. Und rechtskonservative Burschenschaften sind wieder im Aufwind. Identitäre können mit ihrer staatsfeindlichen Ideologie, die verdächtig nahe am Nazi-Geschwätz ist, ungeniert ein Haus in Halle mieten.

Zur Erinnerung: Am 12. April 1933 wurden die „12 Thesen wider den undeutschen Geist“ veröffentlicht. Nach der Bücherverbrennung wurden die Gewerkschaften zerschlagen, Sozialdemokraten, Linke, Gewerkschafter verhaftet und gefoltert, viele wurden ermordet.

Es gibt heute kein „wir haben es ja nicht gewusst“.

Es gibt die „Erklärung 2018“, die Forderungen nach konservativen Werten, die nichts anderes sind als ein Anbiedern an die ewig Gestrigen.

Aber wir ziehen uns zu oft zurück zu einer privaten Meinung, nicht immer durch Information gestützt, und so manche meinen resigniert, es nütze ja eh nichts. 12 Jahre Merkel etc haben auch zum bleiernen Stillstand im Kopf geführt.

Wir alle müssten uns einmischen. Aufschreien. Protestieren.

Wir trauern medial und im Netz um die Opfer von Münster – und das ist auch richtig so.

Wir haben getrauert um die Opfer des Terrorismus in Nizza, Paris und anderswo. Und das ist auch richtig so.

Aber wir trauern nicht mehr und schweigen zu den 3000 und mehr toten Kindern, Frauen und Männern, die im Mittelmeer ertrunken sind, die heute noch ertrinken. Oder die in Lagern in Libyen gefoltert, gequält, vergewaltigt, als Sklaven verkauft werden. Und das ist nicht richtig so.

Wir schweigen dazu, dass ein deutscher Minister (Jens Spahn CDU) einem Victor Orban gratuliert einem Orban, der die Grenzen schließt und nationalistisch gegen Flüchtlinge und die EU wettert.

Wir schweigen zum Entwurf eines bayrischen Polizeigesetzes (das auch in der NRW-Regierung Freunde hat), und das unsere fundamentalen Grundrechte außer Kraft setzen will. Das wie zu unheilvollen Zeiten Bürger_innen schon beim bloßen Verdacht festsetzen will.

Wir schwiegen zu einer „konservativen Revolution“, die bereits in den 20er Jahren unheilvolle Entwicklungen eingeleitet hatte.

Wir schweigen zu Forderungen von „Werten“, die uns nichts anderes aufzwingen wollen als die muffigen, frauenfeindlichen Zeiten der 50er Jahre, als Frauen ohne ihren Mann keine Waschmaschine kaufen konnten, und noch der Geist von ´33 durch die Wohn- und Wirtshausstuben waberte.

Wir schweigen zur Diskriminierung von Armen und Ausländer-innen, zu Hetze, die offen von AfD und vielen Stammtischgrölern geäußert werden dürfen.

Wir schweigen zu lautstark verkündeten aber verfehlten Integrationskonzepten, wir schweigen und fordern nicht, dass stattdessen über Ideen für eine sich rasant wandelnde moderne Gesellschaft diskutiert werden muss.

Wir schweigen viel zu viel.

Wir alle müssten uns einmischen. Aufschreien. Laut werden. Protestieren.

Heute werden unheilvolle rückwärtsgewandte Bewegungen deutlich sichtbar in Deutschland. Wollen wir wirklich weiter schweigen – bis wieder Bücher verbrannt werden?

(Autor Jo Achim Geschke)

Fotohinweis: Die öffentliche Verbrennung undeutscher Schriften und Bücher auf dem Opernplatz in Berlin! File:Bundesarchiv Bild 102-14598, Berlin, Opernplatz, Bücherverbrennung, CC BY-SA 3.0 de