04.04.2016
Flüchtlingspolitik – eine andere nötige Sichtweise

Warum wir am Burgplatz keine Lieder singen

Schwarze Frau mit Kind / Foto Jo Geschke für NDOZ.de

Nein, wir haben nicht auf dem Burgplatz gesungen und getanzt. Wir haben im Fernsehen gesehen, wie Amnestie International protestierte, weil die Türkei syrische Flüchtlinge zurück ins Kriegsland Syrien schickt. Wie am Tag vor den ersten Abschiebungen von Lesbos in die Türkei gerade mal zwei (2) Dixie-Klos im türkischen Ort Dikili für Hunderte Flüchtlinge aufgestellt wurden. Wir haben gelesen, wie DSSQ in einem offenen Brief gegen rassistische Vorurteile von Anwohnern in Lichtenbroich und Wersten protestiert. Wir konnten nicht mehr auf dem Burgplatz „We are the World“ singen.

Ja, die ehrenamtlichen HelferInnen für die Flüchtlinge sind eher die wünschenswerte Welt  als das humanitäre Versagen der EU, als jene, die vermeintliche Sorgen äußern und doch nur rechte Parolen paraphrasieren. Ich gehörte Ende 2014 zu den Gründern der Initiative „Flüchtlinge willkommen in Düsseldorf“. Ich habe einen großen Respekt und große Anerkennung vor der enormen Leistung, mit der sich Ehrenamtliche in der Flüchtlingshilfe engagieren,  mit viel Zeit, mit Geld sogar, mit großen emotionalen Einsatz.

Aber ich weiß auch: Es ist leider nicht die Mehrheit der DüsseldorferInnen, auch wenn manche immer wieder betonen, wie „weltoffen“ doch die Stadt sei. In Lichtenbroich und Wersten, aber auch in anderen Stadtteilen reden Bürger etwa auf Informationsabenden davon, dass ihre Eigenheime oder Wohnungen an “Wert“ verlieren – Wertverlust, weil Nachbarn aus anderen Ländern nebenan einziehen? Verfolgte, von Krieg und Leid gezeichnete, ziehen  in die Nachbarschaft, und vorbei ist es mit den christlichen Werten, die gerade zu Ostern noch gefeiert wurden ...

Da ist eben nichts mehr übrig von  „weltoffen“. Wer im Fernsehen das abgebrannte Dach einer geplanten Flüchtlingsunterkunft in Tröglitz sieht, wer einen ehemaligen Bürgermeister sieht, der wegen Morddrohungen zurück getreten ist, der wegen der fehlenden demokratischen Einstellung in seinem Heimatort seine Heimat verlassen will – der kann einfach nicht mehr mitsingen bei „we are the world“.

Die HelferInnen am Flughafen, am „Drehkreuz“ für Flüchtlinge, haben bewunderswerte Arbeit geleistet, auch viele Mitarbeiter der Stadtverwaltung haben in ihrer Freizeit dort geholfen.

Aber dennoch: Schon das Wort „Drehkreuz“ weckt ungute Assoziationen. Das klingt nach Drehtür – hier rein, und wieder raus.

Wir sind die Welt? Auf dem Mittelmeer zwischen Libyen und Lampedusa – schon vergessen ? -  werden jetzt wieder Frauen, Kinder, Jugendliche ersaufen, weil die EU ihre Grenzen schließt. Menschen können nicht mehr auf dem Landweg vor dem Krieg über Land flüchten, weil sie an den EU-Außengrenzen in Matsch, Schlamm, Kälte mit ihren Kindern vegetieren müssen. Weil die Türkei sie offenbar wieder zurück ins Kriegsgebiet schickt. Weil die EU Staatengemeinschaft ihre humanitären Werte verrät. Weil ein deutscher Innenminister kaum verklausuliert die rechten Parolen wiederholt, dass wir hier keine Flüchtlinge mehr wollen.

„We are the World“ ? Wirklich? Stehen wir optimistisch für diese Welt?

Wir hatten mal annähernd 11 Millionen Flüchtlinge hier. Sie erinnern sich, der Jugoslawien-Krieg? Merken Sie noch was davon? Und jetzt verlieren Wohnungen an Wert, weil fremde Nachbarn einziehen.

Weder das desoganisierte BAMF (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge)  noch die Stadt – noch die Ehrenamtlichen, die weit weniger Ressourcen haben – schaffen es, die dringend nötigen Sprachkurse für die nicht mehr Schulpflichtigen, für Erwachsene und Jugendliche, zu koordinieren. Die Flüchtlinge müssen nicht nur in Düsseldorf monatelang waren, bis sie Sprachkurse absolvieren können. Aber alle möglichen Offiziellen betonen, wie wichtig doch Sprache für Integration sei.

Größte Hochachtung verdient die Zeit und sogar das Geld, das ehrenamtliche HelferInnen aufbringen,  um Flüchtlinge in Düsseldorf willkommen zu heißen. Doch es sind – viele Ehrenamtliche müssen es verärgert erfahren – die politischen, die bürokratischen Hindernisse, die einem Weg zur Integration entgegen stehen.

Doch wer die Geschehnisse in diesem Teil der Welt, in der Türkei, in Mazedonien, in Griechenland, Italien, nicht sieht und dagegen angeht, der bleibt stumm. Wir alle sind so lange nicht „the World“, wie wir uns nicht gegenüber der Politik gegen die Ausgrenzung von Asylsuchenden, von Zuwanderern lautstark wenden.

Es ist die vom amerikanischen Kommunitarismus geprägte Art, sich und sein Engagement zu feiern,  nach dem berühmten und immer noch faschen Satz „Frage nicht, was dein Land für dich tun kann, sondern was du für dein Land tun kannst.“ In der Konsequenz heißt das, ich engagiere mich ehrenamtlich, weil der Staat seine Hilfeleistungen ja zurück fährt. Weil ohne Ehrenamt kaum noch etwas im sozialen Bereich funktionieren würde.

Live-Aid for Afrika .... neben mir liegt die Kassette mit den DVD von 1985, mit dem berühmten Lied „We are the World“. Noch immer fliehen Menschen aus Afrika vor Ausbeutung, Hunger, Armut, Verfolgung in teils korrupten Staaten.

Ohne Druck auf PolitikerInnen keine Lieder

Wir alle arbeiten nicht auf eine wirkliche Integration, eine Aufnahme von Flüchtlingen hin, wenn wir nicht bei PolitikerInnen gegen die inhumanen Zustände an den EU-Außengrenzen protestieren. Wer schreibt denn Briefe, Petitionen an unsere EU-PolitikerInnen? Wer schreibt denn an unseren Finanzminister, der auf seinen Geldsäcken sitzt und wegen einer mysteriösen „schwarzen Null“ (die auch noch gelogen ist) kein weiteres Geld ausgeben möchte für die Integration der schutzsuchenden Asylbewerber?

Haben Sie protestiert gegen diffamierende Begriffe wie „Maghreb-Viertel“ oder die Soko „Casablanca“?

Wer zugleich mit der konkreten Hilfe vor Ort die Augen und den Mund verschließt vor der politisch von einigen gewollten Un-Christlichkeit, der Inhumanität der deutschen und europäischen Politik, der möge sich fragen, ob da nicht etwas fehlt in der Hilfsbereitschaft. Man muss dafür nicht gleich in eine Partei eintreten.

Wir regen uns auf über lange Warteschlangen im Straßenverkehrsamt. Familien, Frauen, Kinder, Jugendliche, gut ausgebildete Erwachsene müssen monatelang voller Ungewissheit darauf warten, bis ihr Asylantrag überhaupt bearbeitet wird. Aber haben Sie mal ihre Bundestagsabgeordnete  gefragt, was sie gegen das Chaos beim BAMF tun?  Haben Sie mal ihre EU-Parlamentarier gefragt, was sie gegen die inhumanen Verhältnisse in der Türkei, in Griechenland unternommen haben?

Wie wollen wir alle, in dieser Welt, etwas für eine humane, auch christliche Willkommenskultur tun, wenn wir nicht Druck machen auf jene, die dafür Entscheidungen zumindest vorbereiten und auch treffen?  Für unsere Welt, für unsere Stadt.

Es ist schön, mal zu feiern, mal zu zeigen, dass diese Flüchtlingshilfe ohne die Arbeit von Ehrenamtlichen schier zusammen brechen würde. Aber ohne den Druck auf die PolitikerInnen wird eine gelungene Integration im KleinKlein und in frustrierenden Ansätzen stecken bleiben. Es helfen nur noch böse (Leser-)Briefe. Und immer wieder Fragen an die Politiker. Das ist gelebte Demokratie. In einer Welt, in der auch die Verhältnisse in Düsseldorf von der EU und dem Europäischen Parlament abhängt.

Wenn sich in Straßburg und Brüssel, wenn sich in der EU und in den deutschen Ministerien etwas grundlegend ändert, dann – ja dann können wir wirklich wieder Lieder singen und Gedichte schreiben.

(Kommentare erwünscht – in NDOZ.de, nicht in facebook !)

(Autor Jo Achim Geschke)