14.01.2015
Kommentar: Gniffkes Märchenstunde

ARD Trauermarsch in Paris - Directors Cut

paulniestroj / photocase

Seitdem die TV-Zwangsgebühr eingetrieben wird, darf ich wieder rechtmäßig die Tagesschau und die Tagesthemen gucken. Das mache ich nach wie vor selten, weil mir der vom Staatsfernsehen servierte Spin selten zusagt und stets auch ein wenig Skepsis an der Neutralität der Macher aufkommen lässt. Am 11.01.2015 habe ich aus gegebenem Anlass dann doch eingeschaltet. Und ich war beeindruckt. Der Trauermarsch hunderttausender Menschen in Paris wurde angeführt von Angehörigen der ermordeten Journalisten und von 50 Staatsoberhäuptern. Laut Tagesschau-Zitat: „solidarisch und geschlossen unter den Millionen“ ... was? … wandelten? Das dachte ich jedenfalls. Und die gezeigten Bilder belegten das eindrucksvoll. Ich habe das geglaubt. Ich war tatsächlich berührt.

Jetzt stellt sich raus, es war alles nur… geträumt. Die Staatsoberhäupter befanden sich, im Nachhinein absolut nachvollziehbar, aus Sicherheitsgründen auf einer Nebenstraße und ließen sich dort ablichten.

Man hätte das zeigen können. Es hätte auch genügt, es wenigstens kurz zu erwähnen und mit der Sicherheitslage zu begründen. Das hätte jeder sofort verstanden. Und die Wirkung wäre bei einem guten Schnitt sicher nur mäßig (wenn überhaupt) gemindert worden.

Aber nein. Auf die bewegenden Bilder und vor allem die Emotionen, die diese beim Wahlvolk hervorrufen würden, wollte die ARD nicht verzichten. Man wollte die Inszenierung nicht als solche outen. Jeder Hollywood Regisseur würde mit Recht zustimmen.  Das bringt Sympathie-Punkte. Da werden Politiker zu Menschen, werden anfassbar und emotional, das berührt.

Doch wir sind weder in Hollywood noch führt Roland Emmerich Regie bei der Tagesschau. Im Sinne einer ehrlichen journalistischen Arbeit, die zur Aufgabe hat, über die Geschehnisse möglichst wahrheitsgetreu und neutral zu berichten, wäre es richtig und professionell gewesen, ein paar erklärende Worte zu sagen. Dass es rauskommen würde, war ohnehin selbstverständlich. Warum also das Risiko eingehen? Warum für den Effekt die journalistische Tugend opfern?

Und wenn sich gestern der Kai Gniffke nicht so furchtbar aufgeblasen und diesen unerträglichen Schwall heiße Luft gegen Kritiker, vor allem die taz abgelassen hätte, wäre alles noch verzeihbar und erklärbar gewesen.

Ich habe mir nach Lektüre des wütenden ARD Blogeintrags von Gniffke die beiden Berichte noch einmal genau angesehen, um nicht in die Falle zu laufen und über etwas zu schimpfen, was dann doch ganz anders war. Denn so was passiert ja heute leider recht schnell.

Tagesschau 11.01.15 / 20:00 Uhr:  http://goo.gl/w9JP4e

Tagesthemen:  11.01.15 / 23:03 Uhr: http://goo.gl/0Ehauv

Beide Berichte aus Paris waren bewegend und auch ein Blinder würde es vermutlich bestätigen, die 50 Politiker führten zusammen mit den Angehörigen den Trauerzug an.

War aber gar nicht so.  Und das an sich ist auch gar nicht schlimm.

Schlimm ist im Nachhinein,  dass es seitens der ARD mit keinem Wort erwähnt wurde. Bei RTL und Konsorten mag ich noch darüber hinwegsehen, die sind auf die Quote und entsprechende Einnahmen angewiesen. Bei der ARD ist das schlicht schlechte Arbeit und damit einhergehend ein Verlust an Glaubwürdigkeit und Legitimation.

Schlimm ist, dass dies gerade jetzt und dann auch noch zu diesem Anlass passiert. Jetzt, da jeden Montag politisch und sozial unterbelichtete  Kreaturen durch die Straßen ziehen und „Lügenpresse“ skandieren. Wie kann man sich und den Kollegen so ins Knie schiessen und den üblen DINGSDAS auch noch Futter geben?

Schlimm ist, dass der unsägliche Gniffke, nachdem die taz ihm wegen der zu schönen Bilder ans Bein gepinkelt  hat jetzt auch noch meint, sich wehren zu müssen.

Und ganz schlimm ist, wie der Mann sich wehrt, das lässt nämlich befürchten, dass er seinen Auftrag gegenüber den Bürgern nicht verstanden  hat.

Gniffke: „Kritiker bemängeln, dass die Darstellung der Staats- und Regierungschefs am Sonntag in Paris eine reine Inszenierung gewesen sei. Ich möchte versuchen zu erklären, warum ich das für kompletten Unfug halte.“

Da gibt es nach Betrachtung aller aktuell vorliegenden Fakten ja wohl nichts dran zu deuteln, zumal Gniffke sich weiter unten im Text selbst widerlegt:

Gniffke: „Aber es ist doch so:  Wenn sich Politiker vor eine Kamera stellen, ist das immer eine Inszenierung“

Ach so jetzt doch? Ist es dann nicht Aufgabe des Journalisten hinter die Fassade zu schauen? Die Inszenierung als solche, wenn schon nicht zu entlarven (was hier sicher völlig fehl am Platz gewesen wäre), dann zumindest behutsam als solche zu kennzeichnen? In einem Nebensatz zu erwähnen, dass es aus nachvollziehbaren Gründen eine Inszenierung war? Nur mit einem kurzen Schnitt die Realität abzubilden? Wo ist der Anspruch, die vierte Gewalt im Staate darzustellen geblieben?

Gniffke:  „Halten wir es doch einfach mal aus, dass es eine große Geste von Millionen von Menschen und zahlreichen Politikern gab, an der nichts auszusetzen ist. Versuchen wir nicht, solche Gesten gleich als Inszenierung zu diffamieren.“

An der Geste und der Durchführung, nennen wir es soweit es die Politiker angeht ruhig Inszenierung, gibt es gar nichts auszusetzen. Was Herr Gniffke nicht verstanden hat, dass es an der Berichterstattung etwas auszusetzen gibt.  

Es wird nicht dem Auftrag der ARD entsprechen, den Zuschauer zu täuschen und die Tatsachen zu verdrehen bzw. um den Effekt willen dieselben teilweise unter den Tisch fallen zu lassen. Und leider genau das ist hier passiert. Hollywood. Tränen. Große Gefühle. Mit Verlaub, das ist nicht die Aufgabe einer vom Bürger finanzierten Nachrichtensendung. Wir dürfen Fakten erwarten.

Eine Entschuldigung oder wenigstens eine Erklärung der Motive seitens Herrn Gniffkes wäre daher angemessen gewesen. Nicht jedoch sein wütender Blogeintrag und das Geschwafel von Verschwörungstheorien. Das haltlose Gerede von einem Gift der Furcht, welches in den Berufsstand einsickert. Das macht es nur schlimmer. Da wurde jemand erwischt und versucht nun mit aller Macht gegen den Shitstorm anzukämpfen, anstatt diesem einfach den Wind aus den Segeln zu nehmen. Es wäre so einfach gewesen.

Gniffkes unpassender Blogeintrag http://goo.gl/uVhiye
Eine sehr feine Antwort dazu vom Herrn Niggemeyer: http://goo.gl/d0RhF4

Der Herausgeber