09.11.2015
Tour de France-Bewerbung - Kommentar

Rad ab oder was ?

Rad mit Hund,/ Foto Archiv Jo Achim Geschke NDOZ.de

Da haben sie aber alle schwer am Rad gedreht – zwei Stunden lang. Wenn im Rats-Plenum zwei Stunden lang über eine Zweirad- Sport- und Werbeveranstaltung geredet wird, dann ging es sicherlich nicht um die Sache. Die hätte in 30 Minuten rundum abgehandelt werden können. Sicherlich nicht die glücklichste Wahl, den Tour-de-France-Start als Werbe-Buhei nach Düsseldorf zu holen, aber Werbung kann die Stadt ganz sicherlich gebrauchen- auch national. Also war die Ratsdebatte am vergangenen Freitag auf Seiten von CDU und FDP wohl eher ein politisches Signal in Richtung Ratssitzung zum Haushalt 2016. Die dreht sich am 10. Dezember rund um das Geld – und um Schuldenbremse und „Schuldenfreiheit“.

Große „Events“ als Werbeblock hatten wir in der Stadt auch beispielsweise für den ESC, den Schlagerwettbewerb. Und ein Reh, das vor allem die Kassen vom Burda-Verlag und anderen vergoldet, wurde auch vor laufenden Kameras in Düsseldorf verleihen. Das hat alles viel Geld gekostet.

Wer schon etwas länger in Düsseldorf lebt, kann sich noch gut an den ohrenbetäubenden Lärm  auf der Kö erinnern, als 500 PS-Boliden dort im Rund die Luft verpesteten. Das war zu CDU-Zeiten, beispielsweise 2008 und 2009, mit 500 Metern Leitplanken aus Stahl auf der Kö. Könnte man heute ja auch mal aufbauen, für die Lamborghinis und Ferraris – aber das ist eine andere Geschichte. Aber sehr teure und sehr schnelle Autos – das passte ja auf die Kö und hatte  das Image Düsseldorfs als „reicher Stadt“ schön laut bebildert.

Nun also der Radsport.  Der könnte, bei aller Kritik an diesen Rundfahrten mit Werbetrikots,  zumindest helfen, Düsseldorf  als Stadt bekannter zu machen, das Image der Stadt national und international aufzubessern.

Worum geht’s denn? Darum, dass die Tour de France 2017 – ein Wahljahr ! – in Düsseldorf starten soll, und sich die Stadt dafür bewirbt.  Vielleicht nicht die allerbeste Idee, schließlich drehten sich bei der Radtour durch Frankreich ja auch viele Berichte um Doping-Vorfälle. Aber im allseits beliebten Alltags-Ablenkungs-Event Fußball ist ja auch nicht alles so astrein. Internationale Fußball-Spiele nach Düsseldorf zu holen ist wahrscheinlich auch teurer als eine Tour de France-Eröffnung, und wer will schon Geld nach Bayern transferieren ... .

Der Grand Départ – der große Start – der Tour von Radprofis also. Das Spektakel auf zwei Rädern wird auch in alle Welt übertragen, kommt sicherlich auch in die beliebteste Sendung deutscher Männer, die Sportschau,  und soll etwa 6,5 Millionen für die Stadt kosten. Die Stadt kann Werbung vertragen, der Kölner Fernsehsender geht gerne und oft an der Landeshauptstadt vorbei, und Düsseldorf leidet noch immer an dem Image der „reichen Stadt“ – siehe PS-Boliden. Wenn Sponsoren für die Werbeklamotte auch noch einspringen , wird der Abflug, pardon der „Départ“ der Tour sicherlich noch billiger. Bringt aber für Hotels, Gastgewerbe, Läden in der Innenstadt einiges an Gewinn. Wenn also für die Kosten des Tour-Starts keine anderen Projekte leiden müssen, dann ist das eine (relativ leise und saubere) Werbeveranstaltung für die Stadt, gegen die eigentlich niemand etwas haben kann. Wenn denn alle Doping- Sünden ausgeräumt sind.

Das alles hätte man in 30 bis 40 Minuten diskutieren können.

Aber zwei Stunden darüber debattieren? Nö – das hatte wohl andere Gründe.

Hintergrund dieser Debatte war die Verteidigung einer Ideologie der „Schuldenfreiheit“, die schon im Wort ihren Unsinn darbietet, denn „Freiheit“ von Schulden ist, mit Verlaub,  Blödsinn. Niemand, auch keine Kommune, kann frei sein, wenn sie für ihre Bürger keine Schulen mehr bauen kann, keine Schwimmbäder mehr bauen kann, und keine bezahlbaren Wohnungen. Weil sie für ihre Bürger keine Kredite aufnehmen will, mit denen Handwerker, Baufirmen bezahlt werden, mit denen Gebäude errichtet werden, die Bürgern Wohnungen und Schulen bringen und die auch in zwanzig Jahren noch einen Vermögenswert darstellen. Die Schuldenbremse benachteiligt nur jene, die eh schon weniger Geld haben, die kaum bezahlbare Wohnungen finden, deren Kinder Gesamtschulen brauchen,  und sich erst recht kein eigenes Schwimmbad leisten können.

Die FDP hat in dieser Debatte recht eigentlich ihre Position für die Haushaltsdebatten bis zum Dezember gegenüber der Ampel (und nach außen für ihre Wähler) klargestellt : Keine Schulden. Das entspricht,  NDOZ.de hat es mehrfach erläutert, der neoliberalen Ideologie, die auch die CDU rundum verteidigt.

Die CDU stößt, schon um OB Thomas Geisel zu schaden, ins gleiche Horn und verweigert sich. Im Sinne einer “Sportstadt“  müssten FDP und CDU eigentlich dem „Depart“ – also dem der Radfahrer – zustimmen. Oder sich enthalten, weil sich die CDU dabei an die lärmenden Auftritte der  DTM-Boliden auf der Kö  erinnert. Und daran, dass die CDU (und die FDP) Verantwortung tragen an der knappen Kassenlage der Stadt – was die CDU ja nicht zugeben will.

Dass bei der knappen Abstimmung  (40 : 39) auch der rechte Rand zugestimmt hat – das war nicht der beste Moment. Dass OB Geisel und die Fraktionen der Ampel jetzt mit der FDP reden müssen, ist klar. Das Sponsoren aus der Wirtschaft sich jetzt nicht mit „Hurra, wir unterstützen den SPD-OB“ melden, ist auch klar. Aber die Sponsoren werden sich schon finden, das ist vergleichsweise billige Werbung.

E ist wirklich nur eine Werbeveranstaltung für die Stadt.  Die jetzt von konservativer Seite hochgekocht wird. Die Debatte um andere Investitionen, und wie die bezahlt werden können – und müssen – ist viel wichtiger. Und die läuft  jetzt – bis zur Etatsitzung des Rates am 10. Dezember.  

Es gibt übrigens auch eine „Tour de France à la Voile“ – eine Segelregatta, mit vielen Amateuren, die rund um Frankreichs Küsten führt. Sehr schön anzusehen, mit Millionen von Zuschauern in den vielen Etappenhäfen. Da starten wirklich noch Amateure!  Aber die kann Düsseldorf leider nicht an die Kö holen.

(Autor Jo Achim Geschke)

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