29.09.2017
Wahlanalyse oder : Warum die SPD verlor und AfD Gewinne bekam

Wahlanalyse: AfD wurde stark in eher einkommensschwachen Stadtteilen; Zusammenhang zwischen Wohnen, Einkommen und Wahlen

Collage Wahlverluste Wohnen AfD/ Fotos Collage Jo Geschke

Die AfD ist nicht so stark geworden nur wegen der Flüchtlingsfrage, oder der Angst vor Ausländern. Diese Angst ist nach Meinung vieler Politologen oft vorgeschoben. Schaut man sich die Ergebnisse in den einzelnen Stadtteilen an, wird klar, dass es diesmal einen deutlicheren Zusammenhang von Wohnverhältnissen, Mietsituation, Arbeitslosigkeit, Bildung und Zukunftsperspektiven mit den Wahlergebnissen gibt. Das gilt ebenso für das Abschneiden von CDU und FDP wie für die AfD. Die beiden Parteien SPD und Grüne sind – was die Lage in der Jamaika-Kooperation nicht einfacher macht - nun gut beraten, noch mehr auf die soziale Lage und die Lebenssituation in den Stadtteilen zu reagieren, in denen CDU und auch AfD große Gewinnen erzielten. Die Linke hat übrigens Stimmen hinzugewonnen. Eine Analyse mit den Ergebnissen in den Stadtteilen.

Folgerungen mal zuerst:

Eines wird aus den Vergleichen der Zahlen doch recht deutlich: Es kann nicht nur an der Flüchtlingsfrage gelegen haben. Der Zusammenhang zwischen Wohnverhältnissen, Mietsituation, Arbeitslosigkeit, Bildung und Zukunftsperspektiven einerseits und den Hoffnungen und Befürchtungen der Wähler in den finanziell schlechter gestellten Stadtteilen andererseits ist deutlich.

Der Österreichische Intellektuelle Robert Misik schreibt in der „Gegenblende“des DGB, die Motivation von Wählern sei eher „Das Entfremdungsgefühl gegenüber einem diffusen Establishment, das Gefühl, dass sich niemand für Sie interessiert, das Gefühl, sie würden andauernd benachteiligt, das Gespür, sie würden respektlos behandelt und nicht einmal angehört.“ Und weiter, dass in einer Gesellschaft mit mehreren politischen Akteuren beiden Wählern, eben „der Arbeiterklasse und der unteren Mittelschichten mit ihren sozialen und materiellen Forderungen und der bürgerlich liberalen urbanen Mittelklasse mit ihren demokratischen Sehnsüchten und ihren gesellschaftlichen Modernisierungswünschen.“ Um die zu überzeugen, könne die SPD nur aus der Opposition heraus handeln. „Das Erfolgsrezept in ihrer Geschichte [der SPD] war ja gerade eine moderierende, vernünftige Position in der Mitte einzunehmen. Aber das, was früher ein Erfolgsrezept war, würde heute als laue Nicht-Positionierung angesehen und wäre eine Garantie für den weiteren Niedergang.“ Die SPD brauche ein neues Selbstbild … „Dieses Bild ist viel eher eine Frage von Image, einer klaren Sprache und einer schlüssigen Erzählung als die Summe von Forderungen und Gesetzesideen, wie wichtig letztere auch sein mögen.

Ähnliches gilt eigentlich auch für die Grünen. (Link siehe unten)

Die SPD kann sich jetzt nur auf eine klare soziale Profilierung in den Themen bezahlbares Wohnen, Bildung (und Schulen), sowie gute Arbeit im Sinne von Abschaffung von ständig erneut befristeter Arbeit und prekären Jobs, ebenso Rente und Altersarmut konzentrieren. Es müsste zudem viel deutlicher gemacht werden, dass vieles durch falsches Sparen von CDU und FDP in der Vergangenheit im Argen liegt.

Ob den Grünen auf Bundesebene gelingt, ihr Profil zu bewahren, wenn es denn wirklich mit der FDP (und der CSU) in die Jamaika-Koalition geht, ist fraglich. Die Gruppe der Linken bei den Grünen hat in Facebook bereits klargestellt, dass es mit ihnen kein Jamaika geben sollte. Die Grünen in Düsseldorf können sich sicher nicht auf dem Zugewinn und dem Abschneiden über Bundesdurchschnitt ausruhen.

Alle Parteien sind jetzt aufgerufen, sich mehr um finanziell schwache Stadtteile zu kümmern, mit Hochdruck für mehr bezahlbares Wohnen zu sorgen, und auf Bundesebene Druck zu machen gegen Altersarmut und mehr Rente. Wenn sich weiterhin immer mehr Menschen durch die marktradikalen, die neoliberalen Wirtschaftsverhältnisse abgehängt und nicht beachtet fühlen, kann eine rechtsradikale Partei wie die AfD nicht unter die 5-Prozent-Marke gedrückt werden.

Die Zahlen aus den Stadtteilen:

Die CDU bekam mehr als 40 Prozent der Zweitstimmen in: Angermund (43,97 %), Kalkum (44,2) in Hamm (42,1), Volmerswerth (42,7), Itter (41,25), Lohausen (41,97) und Kaiserswerth 40,29 %. Übrigens gibt es erstaunliche Unterschiede in den CDU-Hochburgen zwischen Erst- (Kandidaten-) und Zweitstimmen. Das sind Quartiere mit gut situierten Anwohnern und mit vielen Einfamilienhäusern. Laut Statistischem Amt der Stadt musste die CDU in Düsseldorf bei dieser Bundestagswahl dennoch mit einem Minus von 21.370 Stimmen beziehungsweise 8,4 Prozentpunkten die deutlichsten Verluste hinnehmen.

Im Vergleich zur letzten Bundestagswahl 2013 musste die CDU in allen Stadtteilen prozentuale Verluste hinnehmen. Die Spanne der Verluste reicht von minus 2,8 Prozentpunkten in Flingern Süd bis minus 15,4 Prozentpunkten in Volmerswerth. Insgesamt bescherten 16 Stadtteile der CDU Verluste im zweistelligen Bereich.

Rund 12.900 frühere Nichtwähler_Innen beteiligten sich an dieser Wahl. Davon konnte insbesondere die FDP profitieren, die 7900 ehemalige Nichtwählerinnen und -wähler für sich gewinnen konnte. Auch die AfD, DIE LINKE und die GRÜNEN konnten aus dieser Gruppe im nennenswerten Umfang Stimmen beziehen.

Die Wahlbeteiligung nahm in 46 Düsseldorfer Stadtteilen im Vergleich zur Bundestagswahl 2013 zu, nur in Volmerswerth ging die Wahlbeteiligung zurück und zwar um 9,3 Prozentpunkte. Die Zunahmen bewegen sich im Bereich von plus 0,2 Prozentpunkte in Kaiserswerth bis plus 5,5 Prozentpunkte in Friedrichstadt und Mörsenbroich. Die höchste Wahlbeteiligung weist bei dieser Bundestagswahl der Stadtteil Himmelgeist auf, dort gingen 90,4 Prozent der Wahlberechtigten zur Wahl (CDU 38,97 %, SPD 13 %, Grüne 9,9 %, AfD 6 % FDP 25 %). In Angermund ist mit 88,5 Prozent die zweithöchste Wahlbeteiligung festzustellen ( CDU 44 %, SPD 13 %, FDP 24 %). Neben Himmelgeist und Angermund gaben auch in Hubbelrath, Kalkum, Itter, Oberkassel, Stockum, Niederkassel und Hamm mehr als 85 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme ab. Die geringste Wahlbeteiligung weist Garath auf, hier gingen nur 63 Prozent der Wahlberechtigten zur Wahl (AfD 18,7 %, CDU 24 &, SPD 29 %)

Die SPD

Die SPD gewann nur in Flingern Süd 24,84 %, Oberbilk 24,63%, Lichtenbroich 29,47 %, Lierenfeld 29,18 %, und Eller 28,45 %, Holthausen 27,27 %, Reisholz 28,56,% Garath 28,93 %. In allen diesen Stadtteilen haben sowohl FDP wie AfD hohe Stimmenanteilee. In Lierenfeld und Eller liegen FDP und AfD fast gleichauf über 10 %, ebenso in Holthausen und Reisholz mit über 12 % und in Lichtenbroich mit über 13 Prozent. Die SPD konnte in Düsseldorf mit 66.711 Wählerstimmen einen Zweitstimmenanteil von 21,2 Prozent für sich verbuchen und liegt damit hinter der CDU an zweiter Stelle. Die Partei erhielt von den Düsseldorferinnen und Düsseldorfern mit 0,7 Prozentpunkten mehr Zuspruch als in Gesamtdeutschland. Den geringsten Zuspruch erhielt die SPD diesmal in Hubbelrath mit 10,4 Prozent und in Niederkassel mit 12,0 Prozent. In acht Stadtteilen liegt die SPD vor der CDU.

Für die AfD stimmten in Düsseldorf 24.997 Wählerinnen und Wähler, was 7,9 Prozent der Zweitstimmen entspricht und deutlich hinter dem bundesweiten Ergebnis liegt (- 4,7 Prozentpunkte). Die Partei liegt in Düsseldorf nur auf Platz sechs der stärksten Parteien, mit dem gesamtdeutschen Ergebnis, das vor allem auf den hohen Zahlen im Osten fußt, zieht die AfD jedoch als drittstärkste Kraft in den Bundestag ein.

Nach der FDP entfallen die meisten absoluten Stimmengewinne auf die AfD. Die AfD hat die stärksten Ergebnisse in Garath mit 18,7 Prozent, gefolgt von Lichtenbroich (13,5 Prozent) und Hassels (13,2 Prozent). Ein zweistelliges Ergebnis erlangte die AfD insgesamt in zehn (von 102 Stimm-) Stadtteilen; in 29 Stadtteilen erhielt sie Ergebnisse die unter dem gesamtstädtischen Wert von 7,9 Prozent liegen. In fünf Stadtteilen konnte die AfD höhere Stimmenanteile erreichen als die FDP und in 16 Stadtteilen höhere als die GRÜNEN.

Welche Stadtteile sind wirtschaftlich schwach und welche hat finanziell starke Einwohner?

Niederkassel, Angermund, Kaiserswerth, Carlstadt, Wittlaer ... alles Stadtteile mit vorwiegend finanziell starken Einwohnern, hohen Mieten und Einfamilienhäusern. Die Stimmanteile in diesen Stadtteilen von CDU, SPD, Grünen, FDP und AfD :

Es gewann die CDU mit 39,7 Prozent in Niederkassel, SPD 12 %, Grüne 6,5 %, FDP knapp 30 %, AfD knapp 6 %.

CDU 37 %, in Oberkassel, SPD 13 %, Grüne 9 %, FDP 28 %, AfD 4,9 % %

CDU 44 % in Angermund, SPD 13 %, Grüne 8 %, FDP 24 %, AfD 5 %

CDU 40 % in Kaiserswerth, SPD 15 %, Grüne 8 %, FDP 23 %, AfD 6 %

CDU 32 % in Carlstadt, SPD 15 %, Grüne 8 %, FDP 29 %, AfD 6 %

CDU in Wittlaer 40 %, SPD 14 %, Grüne 9 %, FDP 27 %, AfD 4 %

CDU 43 % in Volmerswerth, SPD 15 %, Grüne 8,8 %, FDP 18 %, AfD 7 %

CDU 41 % in Itter, SPD 26 %, Grüne 10,7 %, FDP 17,6 %, AfD 6,5 %

Dagegen die Zahlen für die AfD - in zehn Stadtteilen zweistellig:

Garath 18,7 % (63 % Wahlbeteiligung)

Lichtenbroich 13,5 % 73 % Wahlbeteiligung)

Hassels 13 %, (65 % Wahlbeteiligung)

Rath 10,6 % (65 % Wahlbeteiligung)

Knittkuhl 11 % ( 83 % Wahlbeteiligung)

Lierenfeld 11% (nur 64 % Wahbeteiligung)

Eller 10,7 % (68 % Wahlbeteiligung)

Holthausen 12,6 % ( 67 % Wbt )

Reisholz 12,9 % (65 % Wbt )

Hellerhof 12 % (82 % Wbt)

Der Düsseldorfer Zweitstimmenanteil für die GRÜNEN liegt mit 10 Prozent – wie bei bisher jeder Bundestagswahl – etwas über dem bundesdeutschen Ergebnis (+ 1,1 Prozentpunkte). 31.527 Stimmen konnte die Partei in Düsseldorf für sich verbuchen und ist somit in Düsseldorf viertstärkste Kraft. Im Vergleich zur Bundestagswahl 2013 konnte die GRÜNEN bei dieser Wahl in Düsseldorf an Stimmen dazugewinnen. Die GRÜNEN erhielten 2683 Stimmen mehr und verzeichneten damit ein leichtes Plus von 0,5 Prozentpunkten. Die GRÜNEN mussten in elf Stadtteilen geringe Verluste hinnehmen, die höchsten prozentualen Verluste weisen dabei die Stadtteile Reisholz (- 2,8 Prozentpunkte) und Lichtenbroich (- 1,1 Prozentpunkte) auf. Die höchsten Zugewinne wiederum erreichen die Grünen in Volmerswerth mit einem Plus von 3,1 Prozentpunkten und in Himmelgeist mit plus 2,4 Prozentpunkten. Die besten Ergebnisse erhielten die GRÜNEN wie schon 2013 in ihren "Hochburgen" Friedrichstadt (16,0 Prozent), Unterbilk (14,5 Prozent) und Flingern Nord (14,0 Prozent). Die Stadtteile mit den geringsten GRÜNEN-Stimmenanteilen sind wieder Garath (4,3 Prozent), Reisholz (5,0 Prozent) und Hassels (5,4 Prozent).

Wählerwanderungen

Bei den Befragungen und Methoden der Statistiker zeigt sich, dass die Düsseldorfer Wähler_Innen, die bereits bei der letzten Bundestagswahl ihre Stimme der CDU gegeben haben, dies zu rund zwei Dritteln bei dieser Wahl wieder taten. 28 Prozent wechselten zu einer anderen Partei und 6 Prozent gingen diesmal nicht zur Wahl. Auch die FDP-Wählerinnen und -Wähler von 2013 entschieden sich zu 66 Prozent wieder für die FDP, 31 Prozent trafen diesmal eine andere Wahlentscheidung. Die SPD-Wähler_Innen blieben der Partei zu 63 Prozent erhalten. Etwas über ein Viertel entschied sich für eine andere Partei. Hier wechselte auch ein relativ hoher Anteil von 10 Prozent in das Lager der Nichtwählenden.

Auch die Wähler_Innen der GRÜNEN von 2013 wählten zu 63 Prozent wieder die GRÜNEN, ein Drittel wechselte zu einer anderen Partei. Lediglich an DIE LINKE verloren die GRÜNEN in nennenswertem Umfang (- 1800 Stimmen). Profitieren konnten sie hingegen von der gestiegenen Wahlbeteiligung (+ 2600 Stimmen).

DIE LINKE profitierte im Wesentlichen von den Stimmenverlusten der SPD (+ 3.000). Darüber hinaus konnte die Partei auch 3000 ehemalige Nichtwählerinnen und -wähler mobilisieren. 1800 Wählerinnen und Wähler kamen von den GRÜNEN.

(Auto Jo Achim Geschke mit Material des Amts für Statistik)

Der Link zum Artikel von Robert Misik:

http://gegenblende.dgb.de/artikel/++co++c60a9a7e-a1ea-11e7-8e9b-525400e5a74a