29.06.2016
Projekt gegen Radikalisierung von Jugendlichen

„Klar im Kopf“ statt Salafist oder Rechtsradikal - Projekt der Jugendberufshilfe

Lieber Ausbildung als ausflippen / Foto Archiv Jo Achim Geschke

Gegen eine zunehmende Indoktrinierung und Radikalisierung von Jugendlichen hat die Jugendberufshilfe Düsseldorf das Konzept "Klar im Kopf" entwickelt, das Jugendliche gegen die Beeinflussung durch radikale Bewegungen (Pseudo-Salafismus, Rechtsradikalismus) stärken und sich gleichzeitig gegen Antisemitismus und Islamphobie wenden soll. Das Projekt wurde gemeinsam mit dem Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Nordrhein und dem Kreis der Düsseldorfer Muslime entwickelt.

In erster Linie wirkt gegen Radikalisierung von Jugendlichen, ihnen mehr Möglichkeiten zur „Teilhabe am gesellschaftlichen Leben“ zu geben. Mehr Chancen auf Bildung und Ausbildung in einem Beruf senken das Risiko für eine Radikalisierung. Das zeigen schon die Erfahrungen aus Vorort-Vierteln in Belgien und Frankreich, aber auch aus einigen Vierteln in Düsseldorf, in denen Jugendliche rechtsradikal agieren. Wenn schon Kinder in Familien von Hartz IV leben müssen, verringern sich die Chancen auf eine gute Ausbildung drastisch. Wer sich „abgehängt“ fühlt oder an den Rand gedrängt, wer sich als chancenlos empfindet, neigt eher zu emotional aufgeladenen Vorurteilen und Reaktionen. Dennoch sind Projekte wie „Klar im Kopf“ nötig, um hier und jetzt bei Jugendlichen die Gefahr von Rassismus, Antisemitismus und Radikalisierung einzudämmen.

Die Idee zu diesem Projekt stammt von Wilfried Johnen, vom Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Nordrhein, der in Dr. Dalinc Dereköy vom Kreis der Düsseldorfer Muslime und Stadtdirektor Burkhard Hintzsche schnell Mitstreiter fand. Die Jugendberufshilfe bot sich als idealer Kooperationspartner an. Sie bietet jungen Menschen im Übergang von der Schule in den Beruf, die noch Unterstützung benötigen, über berufsvorbereitende Maßnahmen und Ausbildung die Chance auf berufliche und gesellschaftliche Teilhabe.

Symptomatisch für radikale politische wie religiöse Indoktrinationen sind Formen von Beeinflussung und Manipulation, die rationale Urteilsbildungen ausblenden und auf Emotionen ausgerichtet sind. Die Initiative versteht sich in erster Linie als Angebot im Sinne einer Primärprävention (aufklären und vorbeugen) und Sekundärprävention (mit auffällig gewordenen Jugendlichen arbeiten), die junge Menschen weniger anfällig für diese Formen der Indoktrination machen. Ansatzpunkt des Projektes ist, Jugendliche im Rahmen der sozialpädagogischen Arbeit und im Ausbildungsalltag zu einer gefestigteren Persönlichkeit zu befähigen und somit darin zu stärken, radikale Bewegungen als solche zu erkennen und sich von ihnen zu distanzieren.

Dabei werden zum einen im Rahmen sozialpädagogischer Gruppenarbeiten spezifische Module zu den Themen kulturelle Vielfalt und Toleranz vorgehalten. Zum anderen wird noch stärker als in der Vergangenheit geprüft, ob mit den jeweiligen praktischen Arbeitsaufträgen auch "Lernaufgaben" verbunden werden können, die interkulturelle Kompetenzen vermitteln und fremdenfeindlichen, antiislamischen beziehungsweise antisemitischen Tendenzen entgegenwirken.

Die Stärkung der Persönlichkeit von Jugendlichen ist eine Querschnittsaufgabe, die bei allen Gruppen- oder Einzelangeboten durchgehend wahrgenommen wird. Deshalb wurden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus den verschiedensten Einrichtungen systematisch in Workshops geschult. Die Fortbildungen zielten auf den Aufbau von Sachkenntnis und Sensibilisierung gegenüber extremistischen Phänomenen ab, erweiterten die Handlungsmöglichkeiten durch praktisch umzusetzende Module und dienten dem Aufbau eines internen "Frühwarnsystems".

 Über das Bremer Institut für Pädagogik und Psychologie wurden mit "Fit for differences" und "Fit für kulturelle Vielfalt" die Mitarbeitenden geschult, zertifiziert und das Angebotsportfolio um Trainingseinheiten zu einschlägigen Themen erweitert.

Für zwei Multiplikatorenschulungen zum Thema Neofaschismus konnte die Wuppertaler Initiative für Demokratie und Toleranz gewonnen werden: Modul 1: Neo-Faschismus und Jugendkultur; Modul 2: Präventionsansätze, Materialien, Projektideen. Ein Workshop zum Pseudo-Salafismus konnte über die Arbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz Landestelle NRW e.V. verwirklicht werden. Weitere Workshops mit drei Modulen ab dem 3. Quartal sind in Planung.

Darüber hinaus wurden Partnerschaften in der Sekundärprävention geknüpft. Für "Pseudo-Salafismus" ist dies "Wegweiser Düsseldorf e.V.", für das Thema Neo-Faschismus ist die Wuppertaler "Initiative für Demokratie und Toleranz" der primäre Ansprechpartner. Mit Beginn des neuen Ausbildungsjahres 2016/17 sind darüber hinaus folgende Projekte geplant:

Multimediales Projekt mit dem Arbeitstitel "Respekt",

medienkritische Auseinandersetzung mit dem Themenkomplex vor allem im Internet und sozialen Netzwerken,

Moscheebesuche in Kooperation mit dem Kreis der Düsseldorfer Muslime,

Synagogenbesuche in Kooperation mit der Jüdischen Gemeinde,

koscheres Kochprojekt,

Kirchenbesuche in Kooperation mit den Düsseldorfer Kirchengemeinden.

Perspektivisch sind interkulturelle Begegnungen und internationaler Austausch sowie Kooperationsangebote für die Berufskollegs über Schulsozialarbeit geplant. Zudem beabsichtigt die Jugendberufshilfe gemeinsam mit dem Kreis der Düsseldorfer Muslime zur Verbesserung der beruflichen und sozialen Integration muslimischer junger Mitbürgerinnen und Mitbürger ein Projekt mit dem Titel "IntegrA" auf den Weg zu bringen.

"Düsseldorf setzt in Zusammenarbeit mit gesellschaftlich relevanten Organisationen und Institutionen alles daran, Jugendliche gegen extremistische Indoktrination zu wappnen. Wir dürfen denjenigen, die unsere Demokratie und unsere freiheitliche Werteordnung bedrohen, nicht das Feld überlassen. Die Jugendberufshilfe leistet mit ihren Schulungen und Workshops einen wichtigen Beitrag, dem Extremismus vorzubeugen", betont Oberbürgermeister Thomas Geisel.