21.08.2019
Herzinfarkt – was tun ? Wie vermeiden ?

Herzinfarkt: Ich habe überlebt. Wie ein Infarkt entsteht, wie kann man helfen, wie einen Herzinfarkt vermeiden

Herzuntersuchung, Bildschirme im EVK / Foto Archiv Jo Achim Geschke

“Atme, Mensch!“ sage ich zu mir, die Brust ist aber zu eng fürs Atmen, ich habe Angst, etwas drückt mich an den Schultern zentnerschwer nach unten, die Knie sind weich, die Brust ist zu eng fürs Atmen, es tut weh hinterm Brustbein …“atme, Mensch!“ sage ich zu mir, und „Ich will noch nicht sterben!“. Also hinlegen, Telefon nehmen, 112: Herzinfarkt! Notarzt anrufen, meine Frau anrufen … Nicht jeder Mensch erlebt den Infarkt mit diesen Symptomen! Aber mein schwerer Herzinfarkt, jetzt knapp sieben Wochen her, ist gut ausgegangen, bis jetzt. Weil ich den Notarzt schnell gerufen habe, weil der sehr schnell kam, weil ich schnell einen Herzkatheder bekam. Erfahrungen also, die ich an andere Männer und Frauen weitergeben kann und will, weil sie vielleicht Leben retten können. Herzinfarkt und koronare Schädigung sind die häufigste Todesursache in Deutschland.

„Ja, sie haben einen Herzinfarkt!“, sagt der Notarzt ruhig mit Blick auf das EKG, während die Rettungssanitäter und der Arzt-Kollege mir Infusionen anlegen, Medikamente spritzen. Der zweite Arzt telefoniert, ein Kathederplatz im EVK Düsseldorf wird bereits eingerichtet. Schnelligkeit, das habe ich später gelernt, ist jetzt alles, was Leben retten kann: schnelle kompetente medizinische Hilfe und die richtigen Medikamente.

Missverständnis

Ich habe tatsächlich zu mir gesagt, „Ich will noch nicht sterben!“, das ist keine journalistische Überhöhung oder so etwas. Ein so schwerer Infarkt – und ich hatte eine Ahnung, dass es ein schwerer ist – kann leicht und schnell zum Tod führen. Aber dieser Wille, noch weiter zu leben, am Leben zu bleiben: Auch dieser Wille kann jedem Menschen bei schweren Krankheiten helfen.

Es hilft auch nichts, wenn Leser*innen jetzt sagen: Ich kann das gar nicht lesen, zu aufregend. Doch: Es kann helfen, anderen und Ihnen selbst. Männer denken ja oft: Krankheit ist Schwäche, ich bin nicht krank, oder : Ich muss jetzt stark sein … Zumindest was die Koronare Herzkrankheit (KHK) anbelangt, ein schwerer Irrtum. Viele Vorurteile und Klischees sollten da fortfallen. Dieser Artikel soll informieren und ist auch eine Aufforderung, achtsam zu sein, Leben zu begreifen, vielleicht auch neu zu begreifen. Und vielleicht auch zu helfen, anders zu leben.

Herzkatheder: Vom Rettungswagen bin ich in den Schockraum im Evangelischen Krankenhaus EVK gekommen. Auch hier geht alles schnell, aber sorgfältig. Ich liege kurze Zeit später im Kathederraum und kann am Röntgengerät über meiner Brust vorbei auf den Bildschirmen sehen, was bei mir los ist: Ein schwerer Hinterwand-Infarkt. Drei Versschlüsse in der rechten Herzkranz-Arterie (RCA), die Ader ist vor den Verschlüssen sogar etwas aufgebläht.

Die Oberärztin hat über meine große Ader in der Leiste, der Beinarterie, einen Katheder über die Aorta bis ins Herz geschoben, setzt mit dem Katheder zunächst einen Ballon in die Ader, der dann aufgeblasen wird. Oberärztin und Chefarzt stehen da nebeneinander, es ist kompliziert. Ich blicke am Röntgengerät vorbei auf die Bilder, aber bewege mich leider einmal etwas.

Exkurs: Diese kleinen Ballone vom Katheder, vielleicht 30 Millimeter lang, können mit großem Druck die Ader weiten. Dabei treten manchmal sogar extreme Drücke auf, weit mehr, als ein Autoreifen braucht. Der Ballon drückt die Verengung zunächst auseinander. Mit einem Metallgeflecht kann dann die Weite der Ader wiederhergestellt werden, diese Metallgitter sind die „Stents“.  Ich bekomme insgesamt drei Stents in dieser RCA, der rechten Coronar-Arterie, die so wieder den Herzmuskel mit Blut verorgt. 

Die Oberärztin hat schließlich drei Stents, diese kleinen metallenen Gitter, in meiner Ader implantiert. Es war kompliziert. Ich hatte aber keine Schmerzen. Ich komme zunächst auf die Intensiv-Station zur Überwachung, denn noch kann das Herz versagen. Und auf der Leiste liegt zunächst ein dicker Druckverband.

Übrigens: Die häufigste Todesursache in unseren Gesellschaften sind Kreislaufkrankheiten, darunter Herzinfarkt. Im Jahr 2017 starben  67.700 Menschen in NRW an Krankheiten des Kreislaufsystems, und zwar mehr Frauen als Männer ! (Quelle: IT NRW) Sterbefälle wegen Herzinfarkt sind aber leicht rückläufig, weil die Diagnose und Behandlung durch Herzkatheder erheblich verbessert wurde.

Das Herz

Er ist etwa faustgroß, dieser Muskel, der das Blut durch unseren Körper pumpt und so dafür sorgt, dass wir leben können. Eigentlich zwei Pumpen: Eine für den Lungenkreislauf und eine zweite Kammer für den großen Körperkreislauf. Dieser faustgroße Muskel schlägt normalerweise, sagen wir:  70 Mal pro Minute, also 4200 Mal pro Stunde, 100.800 Mal pro Tag. 705.600 Mal in der Woche … Da wird schon klar, wie wichtig es für diesen Muskel ist, dass er gut durchblutet ist, um derart leistungsfähig zu sein.

Zwei größere Arterien versorgen mit ihren Verästelungen den Muskel, die Rechte Coronar Arterie und die Linke. Das Herz hat zudem ein eigenes System, das den Muskel zum Zusammenziehen und damit zum Pumpen anregt und dass weitgehend die Schlagzahl, den Puls, regelt. Allerdings kann sich die auch durch Botenstoffe im Blut, etwa bei Ärger oder Angst, erhöhen.

Was passiert da, dass sich die so wichtige Ader im Herz zusetzt ? Und: Kann Mann/ Frau das verhindern, und wie? Antwort vorab: Zum großen Teil kann jeder und jede es verhindern: Durch bewusste, gesunde Ernährung, durch Verzicht auf Rauchen und Alkohol, und durch viel Bewegung.

Arterien – Verschlusssache

 Verengte Arterie / Grafik Jo Achim Geschke

Arterien haben übrigens Muskeln, schließlich muss der Blutdruck ja im ganzen Körper aufrecht erhalten werden. In der Aderwand kann sich aber überschüssiges, ungesundes Fett mit anderen Stoffen (Eiweiß, Kalzium) zusammen zu einem Klumpen ablagern. Innen in der Arterie besteht eine sehr dünne Schicht von nur einer Zelle Dicke, und die reißt, weil die Ausbuchtung eine enge Stelle bildet, eine Düse, die von Blut deswegen mit erhöhtem, sehr hohem Druck durchströmt wird. Es bildet sich ein Blutpfropfen (Thrombus), und der verstopft die Arterie. Der Herzmuskel rund um die Arterie bekommt nicht genug Blut mit Sauerstoff und versagt seine Arbeit. Dauert diese Versorgungslücke lange, stirbt das Gewebe ab – es gibt eine Herzschwäche oder Schlimmeres. Zudem kann auch das eigene Reizleitungssystem am Herzen beeinträchtigt werden, es kann zum extrem schnellen Puls, dem lebensgefährlichen Kammerflimmern, kommen.

Und deshalb heißt das Zauberwort, siehe oben: Schnell handeln, schnell 112 anrufen, schnell in eine Klinik. Das gilt für den Herzinfarkt genauso wie für den Schlaganfall …

Ich war vor sieben Wochen und bin heute noch erstaunt über die Fortschritte von medizinischer Technik (Stents) und Medikamenten. Jeden Tag zunächst 5 plus 3 Tabletten, aber was ist das gegen die Geschichte früher: Vor 15 oder 20 Jahren sind Menschen an einem Hinterwandinfarkt gestorben… Ich gehe nach einigen Tagen bereits den Flur der Kardiologie-Station im Krankenhaus auf und ab. Ich habe Glück: Wegen der bisherigen mediterranen Küche zu Hause ist mein „böses“ Cholesterin (die extrem viele Schokolade!)  nicht so hoch wie bei vielen, die zu fett und zu oft Junk-Food essen und Cola und Bier in sich reinkippen …

Allgemein wird von „Verkalkung“ geredet, aber es ist kein „Kalk“, der sich in den Adern abgelagert hat und den Blutfluss zum Herzmuskel drumherum verstopft. Es ist umgewandeltes Fett! Fett, dass wir mit Junk-Food, oder mit fetten Haxen und Eisbeinen, mit schlechter Nahrung aufgenommen haben. Davon später mehr. Nur so viel: Zu viel „schlechtes“ Cholesterin aus dem Essen, Rauchen, Alkohol … all das kann dafür sorgen, dass sich ungesunde Fette mit anderen Stoffen in den Adern ablagern und sie auf Dauer verstopfen.

Das kann 20 bis 25 Jahre dauern, bis eine Arterie so verengt ist. Heißt: Die heute 45 bis 50-Jährigen müssen mal darüber nachdenken, wie sie sich früher ernährt haben …

Die bösen Fette oder: Es ist kompliziert – Was also Essen?

 Wir glauben alle, das zu kennen: Die Cholesterine, die bösen ungesättigten Fettsäuren, die Transfette … Der Fettstoffwechsel mit Cholesterinen, dem HDL und LDL (High bzw. Low Density Lipoprotein) ist eigentlich ein bisschen kompliziert, aber versuchen wir`s mal in einer kurzen Form:

Cholesterin brauchen wir ungefähr ½  bis 1 Gramm täglich ! HDL kann der Körper selbst herstellen, das brauchen wir für unsere Zellwände, und für den Rücktransport von Cholesterin etwa aus den Adern zur Leber, wo es zu Gallensäure verarbeitet wird. Ein HDL Cholesterin Wert von 40 mg/dl , besser noch von über 60 mg/dl (Milligramm Deziliter) gilt als gut.  Ein  gutes Verhältnis zwischen Gesamtcholesterin, LDL-Cholesterin und HDL-Cholesterin ist zudem günstig für unseren Cholesterinspiegel.

LDL ist das Zeug, dass grob gesagt für die schädlichen Ablagerungen in unseren Adern sorgt und vor allem von schlechter Ernährung stammt. Ein hoher Wert ist da gar nicht gut. Wenn dann eine KHK eingetreten ist, sollte der LDL-Wert am besten auf Werte zwischen 70 und 90 gesenkt werden. Es gibt Auffassungen, dass ein Wert unter 70 mg/dl (Milligramm Deziliter) sogar für eine Rückbildung der Ablagerungen sorgt. Und dann gibt es da noch die Triglyzeride und das „Gesamtcholesterin“ im Blut, das sollte auch nicht zu hoch sein.

Was tun?

Aber ganz deutlich: Eine gesunde, vielseitige Ernährung, Verzicht aufs Rauchen und Alkohol sowie viel Bewegung verbessert die Chancen, nicht an Arteriosklerose zu erkranken.

Ich habe übrigens seit meinem Infarkt keine einzige Zigarette mehr geraucht, habe auch kein Verlangen mehr danach. Und ich gehe seit einer Woche regelmäßig ins Fitness-Studio, Fahrradfahren und Laufen… .

Und noch eine Anmerkung: Den psychosomatischen Faktor beim drohenden Infarkt oder bei der Reha bitte nicht unterschätzen! Wer eine tolle Frau, gute Freunde / Freundinnen hat, ein empathisches soziales Umfeld, hat gute Chancen auf ein verlängertes Leben mit Arteriosklerose.

Was also Essen ? Ein meiner Meinung nach sehr gutes Buch über gesunde Ernährung, dass ich während meiner Reha durchgearbeitet habe, ist der „Ernährungs-Kompass“ von Wissenschafts-Journalist Bas Kast. Das ist kein Diät-Buch oder so, der Autor hat hunderte wissenschaftliche Studien zu Ernährung und der Wirkung auf unseren Körper  studiert und zusammengefasst. Danach kann sich jeder selbst zusammenstellen, was für ihn und seinen Geschmack eine gesunde Ernährung ist:

„Der Ernährungskompass: Das Fazit aller wissenschaftlichen Studien zum Thema Ernährung, mit den 12 wichtigsten Regeln der gesunden Ernährung“, Verlag C Bertelsmann,

kostet 20 Euro, und für 22 Euro gibt es auch ein Kochbuch dazu.

Grill-Hardliner seien gewarnt: Steaks, und noch dazu schwarz angekokelt,  gibt’s da nicht mehr!

(Autor: Jo Achim Geschke)

Was tun im Notfall?

Zögern Sie nicht, die 112 zu wählen, wenn es Anzeichen für einen Herzinfarkt gibt!

Mögliche Anzeichen: Bei Frauen Bauchschmerzen, Rückenschmerzen zwischen den Schulterblättern,  bei Männern Enge in der Brust, Druck und Schmerz hinterm Brustbein, Ausstrahlung von Schmerzen in den linken Arm, Schweißausbruch, kalter Schweiß auf Stirn und Nase, Knie werden weich, unregelmäßiger und schneller Puls (bitte nicht am Hals fühlen!),

112 wählen, ruhig bleiben, und sagen: Herzinfarkt Verdacht, Name, wo sind sie, Adresse, eventuell welche Etage (wegen Stuhl oder Trage!), Gefährdete hinlegen, leicht erhöhter Oberkörper, eventuelle Hemd oder Kragen öffnen, warten bis der Notarzt kommt und Gefährdeten beruhigen. Eventuell Türen öffnen .

Link zu Notfall-Checkliste:

https://www.herzbewusst.de/sites/herzbewusst_de/files/files/Herzinfarkt-notfall-checkliste.pdf