21.12.2015
Sternverlag – ein Kommentar

Sternverlag : Scheitern war abzusehen

Alte Bücher / Foto Jo Achim Geschke NDOZ.de

Es ist ein Märchen, dass der Sternverlag nur durch den Online-Buchversand in die Pleite gegangen ist. Das Scheitern eines Buch-Kaufhauses war abzusehen, schon vor Jahren. Dass der Sternverlag im nächsten Frühjahr schließen muss, liegt auch an der immer weiter um sich greifenden Konzentration in der Wirtschaft auf wenige, riesige Konzerne. Die können, wie etwa die Mayersche an der Kö, dicke Mieten bezahlen, auch wenn sie die nicht einspielen. Und die Ecke Kö / Blumenstraße ist nun mal eine hervorragende Lauflage mit vielen potentiellen Kunden. Dazu kommt, ganz nüchtern betrachtet, eine zu späte Reaktion des Buchhaus-Managements auf veränderte Lese- und Kauf-gewohnheiten.

Glauben sie, dass so ein Buch- Primark wie die Meyersche die horrenden Mieten an der Ecke Kö einspielen kann? Warum hält sich denn ein solches Buch-Kaufhaus auf mehreren Etagen so lange? Weil der dahinter stehende Konzern mit Zig Läden in einer Mischkalkulation die Verluste verrechnen kann.

Buchhandlungen schlossen schon vor dem Online-Handel

Vor etwa zehn, 15 Jahren haben wir schon beklagt, dass Buchhandlungen in den Stadtteilen dicht machen mussten.  In Friedrichstadt gab es 1994 noch Buchhandlungen etwa auf der Loretto- und Friedenstraße,  noch früher gab es an der Ecke Berliner Allee/ Graf-Adolf-Straße eine Buchhandlung (von Gossens übrigens, der heute in Oberkassel eine Buchhandlung hat), auf der Hohe-Straße gab es einen Buchladen, .... die gibt es alle nicht mehr. Weil es sich immer weniger lohnte, weil die steigenden Ladenmieten die sinkenden Umsätze auffraßen. Weil immer weniger Menschen Bücher kauften. Und dass sie geschlossen haben, lag damals nicht am Online-Buchhandel, den es ja noch gar nicht gab. (Auf der Lorettostraße in Unterbilk gibt es heute Weinläden und teure Baby-Klamotten ... )

Wer hat denn Geld übrig für Bücher?

Die Menschen lesen wieder mehr, hieß es immer wieder. Was lesen sie denn, vor allem aber: Was kaufen sie denn? Reisebücher, Ratgeber, und vielleicht andere Sachbücher, und wer etwas mehr Geld hat, kauft Belletristik aus der Bestsellerliste vom Spiegel oder der Süddeutschen Zeitung. Gute Bücher sind teuer geworden.

 Laut Wohlfahrtsverbänden gibt es rund 70.000 arme Menschen in Düsseldorf, die kaum richtig zu essen einkaufen können. Rund die Hälfte aller Haushalte in Düsseldorf hat Anrecht auf eine Sozialwohnung (WBS, Wohnberechtigungsschein), verdient also nur ein mittleres Einkommen, dass bei den hohen Mieten hier schnell aufgefressen ist. Die Einkommensgrenze für eine Sozialwohnung mit WBS liegt für einen 2-Personenhaushalt laut Stadt bei 32.954 Euro – brutto, vor den Abzügen also. Was bleibt denn da noch für Bücher?

 Heute sind die Verlage in der Hand von einer Handvoll großer Konzerne. Bertelsmann und Random House sind einige große, zu ihnen gehören früher mal kleine feine Verlage. Dazu kommen Springer und die frühere WAZ, heute Funke Mediengruppe im Zeitungs/ Zeitschriftenverlagsgeschäft. Und auch die Buchhandlungen haben diesen Konzentrationsprozess erlebt. Seit einigen Jahren machen Thalia oder auch die Meyersche an der Kö das Rennen um Umsätze in Düsseldorf. Ein Konzentrationsprozess, der im Neoliberalismus eben auch die Buchhandlungen nicht verschont. Und Thalia wird auch nicht lange in den mediokren Bilker Arkaden bleiben wollen. Zu Thalia gehören mehr als 200 Filialen, die könnten auch zumindest einen Teil des Stern-Verlags übernehmen.

 Buchhandlungen mit klarem Profil hielten sich

 Der Sternverlag galt bei vielen literarisch interessierten als Buch-Kaufhaus. Das Angebot war breit – es gab eben alles, und deshalb gab es in einigen Sparten eben auch mal weniger. Der größte Management-Fehler aber war wohl, nicht früh genug die Bedrohung durch Online-Handel und große Konkurrenten erkannt zu haben. 5000 Quadratmeter Fläche – etwas weniger und eine klares Profil hätten wohl eher gut getan. Und der Trend, dass Menschen am Laptop und heute am Tablett Bücher lesen, war schon vor zehn Jahren erkennbar.

 Seit Jahren halten sich dagegen Buchhandlungen, die ein klares Profil haben: König mit den Kunstbüchern, Müller & Böhm im Heine Haus mit den anspruchsvollen Lesungen und dem klaren literarischen (und auch philosophischem) Sortiment, das Kollektiv Bibabuze mit früher kritischer, heute mit neuer Literatur und Lesungen ebenso wie mit immer noch kritischer Literatur und Sachbüchern. Dazu kommen Buchläden wie in Gerresheim oder Benrath, und auch in Oberkassel, die ihr Stammpublikum (noch) im Stadtteil haben. Und ebenso beispielsweise eine höchst erfolgreiche, weil stark besuchte Stadtbibliothek in Bilk.

 Es stimmt, dass vor allem jüngere Menschen eher am Tablett oder Laptop lesen. Aber auch die lesen noch Bücher. Die Stadtbibliothek Düsseldorf hat bemerkenswert weitsichtig auf die Entwicklung reagiert und digitale Angebote sowie eine Online-Bibliothek angeboten. Was zu steigenden Ausleihe-Zahlen führte – 5 Millionen Ausleihen in diesem Jahr. Wobei Koch-, Reise, und Ratgeber-Bücher wohl auch da einen großen Anteil haben. .

 Mangelnde Bildung – weniger Bücher

 Wer heute bedauert, dass der Stern-Verlag schließen wird, muss bei aller Nostalgie („wir haben da immer gekauft“) auch bedauern, dass Bildung heute kein hohes Gut mehr ist, auch wenn das alle Parteien betonen. Die Kompetenz in Rechtschreibung ist teils minimal, die Kenntnis allein von deutscher Literatur nach verkürztem Abi möchten wir in Bachelorarbeiten bei Germanisten lieber gar nicht nachprüfen. Von Medienwissenschaft gar nicht zu reden.

Und wenn das Geld (siehe oben) zu knapp ist für Bücher, und es kein eigenes Zimmer für Kinder gibt, um gut und ruhig lernen zu können ...

 Fragen sie in ihrem Bekanntenkreis doch mal nach: Wer hat Julie Zeh gelesen? Wer kennt mehr als ein Gedicht und einen Text von Kurt Tucholsky? Was kennen sie von Erich Kästner? Was haben sie von Büchner gelesen?  Kennen sie Karl Kraus? Haben sie schon mal was von Lichtenberg gelesen? Oder Arno Schmidt ? Oder gar „Insel Felsenburg“?  Wer kann drei deutsche Philosophen der Neuzeit nennen (Adorno, Habermas, Walter Benjamin ? - bitte nicht Prechtl, der ist eigentlich kein Philosoph, und erst recht nicht Heidegger)?

 Nein, es ist nicht nur der böse Online-Versandhandel, es ist der Mangel an Bildung und der Mangel an Vorbildern, die statt in Talkshows mal um 18 Uhr oder 20:15 Uhr Bücher empfehlen, oder wenigstens in Talkshows mal auf Bücher verweisen.  Und es ist eine zunehmende Konzentration auf  wenige Medienkonzerne, die es Buchhandlungen (bei einer Gewinnspanne  von oft nur 5 Prozent) schwer machen, zu bestehen.

Und dazu kommt vor allem: Sehr viele Menschen haben heutzutage nicht genug Geld, um sich Bücher zu kaufen.

 

(Und bevor die Kommentare einlaufen: Ja, auch der Autor hat in den letzten Jahren Bücher gekauft: Bei Bibabuze, bei Müller & Böhm im Heine-Haus - und auch im Stern-Verlag, dort vor allem Sachbücher zum Segeln und Boot fahren.)

 (Text Jo Achim Geschke)

Kommentare (10)

  1. Buchsuse am 21.12.2015
    Ja und ich hoffe und wünsche das ein guter Weg gefunden wird.
    1. Die gesamte Immobilie gehört der Familie Klaus Janssen. Das Thema Miete dürfte also so nicht stimmen.
    2. 5000 qm Verkaufsfläche (das Börsenblatt spricht in einem Artikel von 2013 - damals stand ein Verkauf des Stern Veralag im Raum) von 8000 qm sind schwer wirtschaftlich zu halten.
    3. Der Umbau 2000 war wohl wahnsinnig teuer, hat aber nicht wirklich viel gebracht.
    4. Eine proffessionlle Werbung, auch und gerade in Printmedien. Wer Bücher verkauft muss auch auf Papier werben.
    5. Was ist mit dem Geschäft in der Uni?

    Der Online Handel geht weiter - ein positives Zeichen, wie ich finde. Vernüftig umbauen, (mit Anfahrtsparkbucht! vor der Tür, man kann sich noch nicht einmal mit dem Taxi abholen lassen, ohne die Friedrichstr. zu verstopfen) vor allem verkleinern, ein Teil der Immobilie ordentlich vermieten und die Basis um weiter zu machen wäre geschaffen, es könnte weitergehen. Wenn denn das gewollt ist.
  2. Tom van Bilsen am 21.12.2015
    Da möchte ich voll und ganz zustimmen. Gut argumentiert, JoAchim Geschke. Selbst boykottiere ich den AmazonAas, bin aber selber schon ´mal in die Mayersche und ins Thalia hinein gestolpert, weil´s auf dem Weg lag. Den Weggang von der Frau Hecht auf der Lorettostrasse habe ich auch bedauert.
    Wie so oft erkennt man den Wert der"Dinge", wenn´s kaputt ist.
    Aber wenn ich hier die Fahrräder mit den pinkfarbenen Boxen sehe, gefüllt mit ´was Warmen für den Bauch, befürchte ich, dass wir den Tiefpunkt der kulturellen Abwicklung.
  3. Enrico Palazzo am 21.12.2015
    "Und wenn das Geld zu knapp ist für Bücher, und es kein eigenes Zimmer für Kinder gibt, um gut und ruhig lernen zu können ... "

    Wenn der deutsche Michel überhaupt Kinder hat, dann höchstens eins. Und das muss seine Kindheit sicher nicht in der Küche oder in der Ritze des elterlichen Ehebettes verbringen. :)

    Pro Kopf werden jedes Jahr 1.500€ für Digitalprodukte ausgegeben, davon ellein die Hälfte für Telefon und Internet. So "arm" wie beschrieben, werden wir wohl nicht sein.
  4. Der Leser am 21.12.2015
    Danke für diese wirklich zutreffende Analyse, die ich gerne noch um einen Aspekt ergänzen möchte.

    Als jahrzehntelanger Stammkunde im Sternverlag ging ich dort regelmäßige ein und aus. Denn ein Leben ohne Bücher ist vorstellbar, aber nicht erstrebenswert.

    Nur hat uns seit einigen Jahren die Preisentwicklung immer mehr zu Bücherflohmärkten wie dem Bücherbummel (bei dem die Preise allerdings auch seit einiger Zeit ansteigen) und zur Büchermeile am Rheinufer getrieben.
    Die Besucherzahlen dieser Märkte belegen doch, daß das gute, alte Buch keineswegs tot ist. Hier lassen sich, wenn auch mit entsprechendem Zeitaufwand und ein bisschen Glück, gute Bücher auch für den überschaubaren Geldbeutel finden.

    Das 'Aus' für den Sternverlag stimmt mich traurig, aber es war nicht der erste und es wird auch nicht der letzte Buchhandel bleiben, der schliessen muss.

    Darüber hinaus bleibt abzuwarten, wie lange die konzerngeführten Läden bereit sind, die Verluste über eine Mischlkalkulation zu tragen.

    Und während ich das beobachte, lese ich ein gutes Buch.
  5. hp am 21.12.2015
    Ich kann die Samstage, an denen ich den Stern-Verlag besuchte und manchen Euro und manche DM dort ließ, nicht zählen (tausend? - vielleicht sogar mehr). Allerdings war in der letzten Zeit bereits enorme Lustlosigkeit und Ideenlosigkeit zu spüren, und dazu viel zu viele leere Regale. Sehr schade, klar!

    Zwei Zitate vom Amazon-Gründer Jeff Bezos: (1) „Was gefährlich ist, ist sich nicht zu entwickeln!“ (2) „Wir sind stur in unserer Vision. Wir sind flexibel im Detail.“ -- Der Stern-Verlag hatte sich in den letzten Jahren nicht weiterentwickelt, viel Fläche, keine neuen Konzepte. Und was ist die Vision des Stern-Verlags? Nur das größte Buchhaus Europas zu sein, reicht eben nicht.

    Die Mayersche ist inwischen keine Buchhandlung mehr, sondern ein riesiger Gemischtwarenladen. Manchmal sieht vor lauter Nippes, Schulheften, Teddys die Bücher nicht mehr. Ob ein derartiges Konzept aufgeht? Wir werden ja sehen, wann die Mayersche dichtmacht ...
  6. Rainer Haas am 21.12.2015
    [Einleitungssatz]
    Es ist ein Märchen, dass der Sternverlag nur durch den Online-Buchversand in die Pleite gegangen ist. Das Scheitern eines Buch-Kaufhauses war abzusehen, schon vor Jahren.

    gefolgt von

    [Absatz "Buchhandlungen mit klarem Profil hielten sich"]
    Der größte Management-Fehler aber war wohl, nicht früh genug die Bedrohung durch Online-Handel und große Konkurrenten erkannt zu haben.

    Der nächste Knaller :

    [Absatz "Wer hat denn Geld übrig für Bücher?"]
    Rund die Hälfte aller Haushalte in Düsseldorf hat Anrecht auf eine Sozialwohnung (WBS, Wohnberechtigungsschein), verdient also nur ein mittleres Einkommen, [>>] dass [<<] bei den hohen Mieten hier schnell aufgefressen ist.

    gefolgt von

    [Absatz "Mangelnde Bildung – weniger Bücher "]
    Die Kompetenz in Rechtschreibung ist teils minimal, die Kenntnis allein von deutscher Literatur nach verkürztem Abi möchten wir in Bachelorarbeiten bei Germanisten lieber gar nicht nachprüfen.

    Sagt mal, bin ich hier beim Springer-Verlag ?!

    *kopfschüttel*

    Gruss aus Alt-Wersten,

    Rainer Haas.
  7. Kerstin am 22.12.2015
    Warum wird "Bildung" immer nur auf Geisteswissenschaften bezogen?

    Ich bin Naturwissenschaftlerin und ganz bestimmt nicht ungebildet, auch wenn ich wissentlich nie etwas von Tucholsky gelesen habe. Wer von den Geisteswissenschaftlern hat sich denn je mit Quantenmechanik und Magnetismus befasst?

    Der Sternverlag wurde eben allen Disziplinen gerecht. Und gerade deswegen hinterlässt er eine riesige Lücke.
  8. Anke am 22.12.2015
    @ buchsuse
    Das sehe ich ganz genau so! Vermute auch dass es zuletzt wohl an Kreativität und Motivation gefehlt hat.
    Mehr Werbung, Veranstaltungen und Untervermietung hätten sicher was gebracht.
    Der Grund des Geldmangels wie im Artikel beschrieben leuchtet mir dagegen nicht ein.
  9. Bettina Berens am 22.12.2015
    Die Konzentration auf wenige Anbieter geht in allen Branchen munter unaufgehalten weiter. Da muss man sich nicht wundern, wenn der eine oder andere dem zum Opfer fällt.
    Ein weiteres Phänomen setzt sich netterweise durch: Die Menschen erkennen, dass gebrauchte Modelle dieselben Buchstaben beinhalten. Entsprechend fällt Wachstum aus.
    Ob es nun gut oder schlecht ist, dass der Sternverlagladen weg sein wird, wird die Zeit zeigen. Wer flexibel ist, wird da kein Problem erkennen.
  10. Bettina Berens am 22.12.2015
    Die Konzentration auf wenige Anbieter geht in allen Branchen munter unaufgehalten weiter. Da muss man sich nicht wundern, wenn der eine oder andere dem zum Opfer fällt.
    Ein weiteres Phänomen setzt sich netterweise durch: Die Menschen erkennen, dass gebrauchte Modelle dieselben Buchstaben beinhalten. Entsprechend fällt Wachstum aus.
    Ob es nun gut oder schlecht ist, dass der Sternverlagladen weg sein wird, wird die Zeit zeigen. Wer flexibel ist, wird da kein Problem erkennen.
    Ich wehre mich auch gegen die "Tatsache", dass sich nur der, der Geld hat, durch das Lesen von Büchern "bilden" kann. Ich denke, dass ist zu kurz gegriffen. Es ist eher das Abgewöhnen von Selbstermächtnis, die arme Menschen arm an Bildung bleiben lässt. Auch wenn jetzt ein Sturm losbricht .....

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