Vendeeglobe 2020 – Boris Herrmann durch Fischtrawler am Sieg gehindert

Boris Herrmann fast Sieger der Weltregatta Vendee Globe - Kollision 90 Seemeilen vor dem Zeil nach 80 Tagen allein um die Welt

Von Jo Achim Geschke

Screenshot Boris Herrmann auf Vendee Globe
Vendee Boris Herrmann - fast Sieger

Screenshot Boris Herrmann auf Vendee Globe

Er stand kurz vor einer Sensation, als erster Deutscher die berühmteste Welt-Regatta Vendeeglobe zu gewinnen. Doch nach 80 Tagen allein auf dem 18-Meter-Segelboliden, nach einem Rennen rund um den Globus, kollidierte der 39-jährige Herrmann nur 90 Seemeilen vor dem Ziel mit einem großen Fischtrawler, wie er später berichtete. Weil er im südlichen Ozean geholfen hatte, den Teilnehmer Kevin Escoffier aufzufinden und zu retten, dessen 60-Fuß-Renner gesunken war, bekam er eine Zeitgutschrift von 6 Stunden und hätte auch als Dritter noch Siegen können. Er kam als 4. Heute um 10:19 Uhr an, nach 80 Tagen und knapp 15 Stunden Solo rund um die Welt.

Heute Morgen schlich Herrmann mit nur 7,7 Knoten (das sind etwa 15 km/h) die letzten Seemeilen zum Ziel in Les Sables-d'Olonne, dem kleinen aber berühmten (und schönen) Hafen an der französischen Atlantikküste, an der Vendee. Die 18 Meter Rennyacht von Herrmann und dem Team Malizia war bekannt geworden, weil Skipper Herrmann und sein Team die berühmte Klimaaktivistin Greta Thunberg über den Atlantik in die USA gesegelt hatte. Greta Thunberg gratulierte Herrmann auf Facebook gestern schon zu der hervorragend gesegelten Regatta.

Herrmann trat für den Yacht Club Monaco an – das hat Gründe, denn in Deutschland werden internationale Hochsee-Regatten kaum gesponsert (es sei denn für Segler aus Hamburg ... ), zudem sind die französischen Segler in den Transatlantik-Regatten oder gar der Vendeeglobe bisher führend. Ausnahmen sind etwa die berühmte britische Hochsee-Seglerin Ellen MacArthur, die ich auf der Messe Boot vor Jahren für das „Seglermagazin.de“ fotografierte.

Und Boris Herrmann interviewte ich für das inzwischen eingestellte „Seglermagazin.de“ per Telefon auf den Kanaren, als er an der Transatlantikregatta mit den nur 8-Meter kurzen Einhandseglern bei der Mini Transat teilnahm. Inmitten der französischen Skipper …

Die Regatta wird gesegelt auf Imoca 60, das sind rund 18 Meter lange, 5 Meter breite Segel-Boliden. Einheimische Segler-innen, von denen wir ja viele haben, können erahnen, was es heißt, mit diesen Regatta-Booten unter einem 29 Meter hohen Mast auch mal 25 Knoten zu segeln – das sind 46 km/h über dann meist 4 bis 5 Meter hohen Wellen.

Der Oldenburger Boris Herrmann nahm an der Vendee das erste Mal teil. Von Beginn an lag der Vollblut-Segler immer innerhalb der ersten zehn, meist auf dem 6. Platz. Das ist allein schon eine Superleistung.

Ein Wort zum Begriff Sport: Die meisten Segler_innen sind in einem Alter, wo Fußballer schon ausscheiden, nämlich jenseits der 35 und 40. Neben Kraft und Ausdauer und mentaler Stärke zählen beim Segeln auch sehr viel Erfahrung …

Die Yachten sind Hightech mit sehr viel Carbon und ausgefuchster Segeltechnik, seitlich mit halbrunden Schwertern bestückt, die die 5 Meter breiten, spitz zulaufenden Yachten beim Segeln auf einer Kante seitlich vor dem Wegrutschen hindern. Die Segel sind insgesamt 290 Quadratmeter groß, vor dem Wind (wenn der Wind von hinten kommt ) sind es 490 m². Eine Wende mit den Boliden dauert schon mal 15 Minuten … Da aus Gewichtsgründen Inneneinrichtung gespart wird, sind die Rennyachten extrem laut, selbst kleinste Wellen dröhnen durchs Schiff. Gekocht wird auf kleinen Miniküchen. Dennoch: Die Segler_innen müssen sportliche Höchstleistungen vollbringen.

Apropos Segler_innen: Von den 33 Teilnehmer_ innen sind mehrere Frauen. Darunter die hochgeachtete Deutsch-Französin Isabelle Joschke; die leider aufgeben musste, ebenso wie die Engländerin Sam Davis. Sam Davis (41) ist nach einer Reparatur in Australien weiter gesegelt, hat inzwischen für „Initiatives Coeur“ Cap Horn umsegelt.

Die beste Frau im Ranging ist zurzeit Clarisse Cremer (31) auf Voile Banque Populaire X, die ein hervorragendes Rennen fährt und auf dem 12. Platz liegt. Hervorragendes Rennen heißt: Die studierte Wirtschaftswissenschaftlerin hat ausgezeichnete meteorologische Navigation gemacht, also die Tiefs und Hochs mit ihrem und gut interpretiert und den Wind gut vorhergesagt. Cremer hat übrigens schon an der Mini Transat 2017 teilgenommen – Bootslänge 8 Meter, und an den Figaro-Regatten (10 Meter), von denen alle großen französischen Segler_innen kommen.

Weitere Frauen: Alexia Barrier (41 Jahre alt), mehr als 6000 sm bis zum Zeil, erstmals dabei, Pip Hare (46), Miranda Merron, 51 Jahre alt).

Clarisse Cremer (31) auf Voile Banque Populaire X, einem ehemaligen Siegerboot der Vendee, hat noch 1600 Seemeilen bis zum Ziel, das sind rund 3000 Kilometer.

 Acht Segler und Seglerinnen mussten inzwischen aufgeben, die meisten wegen Kollision mit einem Gegenstand (unidentified object). Das sind zumeist Container, die von Schiffen gefallen sind und manchmal knapp unter der Wasseroberfläche schwimmen.

Der Sieger der Vendee Globe 2020/ 2021 heißt Yannick Bestaven, 48 Jahre alt aus La Rochelle, nach 80 Tagen, 3 Stunden und 44 Minuten, er hatte eine Zeitvergütung von rund 10 Stunden bekommen, der zweite Charles Dalin kam rund 3 Stunden später an, der Dritte Louis Burton 7 Stunden später. Boris Herrmann wurde sensationell Vierter.  

Den Schiffbrüchigen Kevin Escoffier hatte übrigens der hervorragende und erfahrene Segler Jean Le Cam nachts bei viel Wind gefunden und ihn gerettet, war dann weiter gesegelt und hatte Escoffier später an Land abgesetzt. Jean Le Cam erhielt dafür 16 Stunden Zeitvergütung, er war heute Morgen noch 184 Seemeilen vom Ziel entfernt.