Der große Gewinner: Die Nichtwähler

Wie die französische Community in Düssseldorf gewählt hat: Enthaltung, Macron und Mélenchon

Von Alexandra Scholz-Marcovich

Abstimmung der Franzosen in Düsseldorf: Enthaltung, Macron und Mélenchon / Foto Lycée francais Düsseldorf ©  Alexandra Scholz Marcovich

Abstimmung der Franzosen in Düsseldorf: Enthaltung, Macron und Mélenchon / Foto Lycée francais Düsseldorf © Alexandra Scholz Marcovich

Am 10. April, haben die Franzosen gewählt. Auch in Düsseldorf. Das Ergebnis auf nationaler Ebene war vorhersehbar, seit Monaten hatten die Umfragen ein Duell zwischen Macron und Le Pen prognostiziert. Aber war das auch die Wahl der Franzosen im Wahlkreis Düsseldorf? Definitiv nicht. Das vom nationalen Ergebnis stark abweichende Abstimmungsergebnis in Düsseldorf gewährt Einsicht in die Mentalität der französischen Expatriates und Emigranten.

Bei strahlendem Sonnenschein waren die Düsseldorfer Franzosen zwischen 8 und 19 Uhr eingeladen im Lycée Français auf der Graf-Recke-Straße ihre Wahlzettel abzugeben. Für einige war die Wartezeit sehr lang, bis zu eineinhalb Stunden Geduld für das Wahllokal Nummer 4, während der Zutritt zum Wahllokal Nummer 3 nur rund 15 Minuten dauerte. Der Grund dafür war die zufällige Zuordnung der Wahlberechtigten zu den alphabetischen Listen. Einige Wähler kehrten lieber um, während andere sich in Geduld übten.

Das Ergebnis: 62,92 % Nichtwähler

Die Franzosen im Wahlkreis Düsseldorf (der Köln miteinschließt) gaben 5.806 Stimmen ab, insgesamt sind aber 15.656 Wähler registriert. Die Wahlbeteiligung lag damit bei nur 37,08 %.

Emmanuel Macron lag mit 63,25 % einsam an der Spitze, gefolgt von Jean-Luc Mélenchon mit 13,38 % und den Grünen von Yannick Jadot mit 8,19 %. Die Extremisten auf der linken und rechten Seite des Spektrums waren für die französischen Staatsangehörigen in Düsseldorf offensichtlich nicht attraktiv. Marine Le Pen kam auf nur 2,60 %. Die sogenannten traditionellen Parteien, die PS auf der linken Seite (3,02 %) und die LR auf der rechten Seite (3,19 %), stürzten ebenfalls ab.

Quelle: ambafrance.org/Presidentielles-Dusseldorf

Ist der hohe Anteil an Nichtwählern ein Indikator für eine nicht nur räumliche Distanzierung von Frankreich? Es scheint jedenfalls so, dass 62,92 % der Wahlberechtigten das im ersten Wahlgang so gesehen haben, für sie war die Wahl im Wahlkreis Düsseldorf nicht wichtig oder die Kandidaten waren nicht attraktiv genug.

Die hohe Enthaltungsquote könnte sich auch wie folgt erklären: Die Franzosen im Ausland fühlen sich möglicherweise weniger mit ihrem Heimatland verbunden. Was hat zu der Entscheidung geführt, das Heimatland zu verlassen? Die eigene Lebenssituation in Frankreich, die dort gebotenen Chancen, die dort vorherrschende Mentalität, mit der man eventuell nicht zufrieden war? Ein anderer Erklärungsansatz ist schlichtes Desinteresse oder sogar die vollständige Ablehnung der politischen Situation in Frankreich. Möglicherweise achten die Auswanderer auch stärker auf die Situation im Gastland als in ihrem Herkunftsland.

Bei der Stimmabgabe im Ausland dominiert jedenfalls Macron. Er liegt mit 63 % einsam an der Spitze. Im Vergleich zum Mutterland ist dieser Vorsprung enorm, in Frankreich konnte Macron lediglich knapp 28% der Stimmen auf sich vereinen. Le Pen 23 % und Jean-Luc Mélenchon 22%.

Da der amtierende Präsident einen eher elitären und urbanen Block vertritt, könnte man davon ausgehen, dass sein Programm auch am ehesten der Mentalität der "wählenden Auslandsfranzosen" entspricht, die häufig genug in Großstädten leben und oft in leitender Position für französische Unternehmen oder selbständig in der eigenen Firma arbeiten. Aus dieser Perspektive wäre die Stimmabgabe der Auslandsfranzosen für Macron nicht überraschend.

Überraschender ist allerdings die Stimmabgabe für Mélenchon, der an zweiter Stelle steht, obwohl er sich für eine allgemeine Steuer einsetzt, die auch von den im Ausland lebenden Franzosen zu zahlen wäre. Mélenchon, zählt zu den schärfsten französischen Kritikern einer marktwirtschaftlich orientierten Spar- und Reformpolitik. Er steht für einen Mindestlohn in Höhe von 1.700 € und eine Wochenarbeitszeit von 32 Stunden. Arbeitnehmer sollen nach 40 Jahren Einzahlung in die Sozialsysteme mit 60 Jahren in Rente gehen können. Mélenchon wollte den Atomausstieg und bis 2050 eine 100-prozentige Versorgung des Landes mit erneuerbaren Energien erreichen. Eine „grüne Regel“ sollte verbieten, der Natur nicht erneuerbare Ressourcen zu entnehmen.

Sein Erfolg bei den im Ausland lebenden Franzosen lässt sich womöglich auch demografisch erklären, Mélenchons Wähler sind im Durchschnitt jünger und agiler als die Macrons. Nachhaltigkeit, zukünftige Kaufkraft und faire soziale Absicherung zählen in dieser Gruppe stärker. Für die Stichwahl hat Mélenchon seine Anhänger aufgerufen, nicht Le Pen zu wählen.

Bei den linken Wählern von Mélenchon herrscht ein Gefühl der Frustration. Sie müssen den "Erzfeind" wählen, um Le Pen zu verhindern.

Vor allem Studenten und jüngere Wähler, die unter der von der Beratungsfirma McKinsey kürzlich eingeführten Kürzung der Sozialhilfe und Macrons Vorschlag, das Rentenalter auf 65 Jahre anzuheben leiden werden, haben massiv für Mélenchon gestimmt. Für die Stichwahl hat diese Wählergruppe nun nur noch die Entscheidung zwischen unerträglich und inakzeptabel. Die beiden verbliebenen Kandidaten Macron und Le Pen kämpfen derzeit aktiv um diese Wählergruppe, um in der Stichwahl zu gewinnen.

Die Stichwahl im Wahlkreis Düsseldorf wird dennoch nicht wirklich spannend werden: Die Übermacht der "en marche"-Franzosen wird für Macron stimmen. Ob dies auf nationaler Ebene einen Unterscheid machen wird? Es bleibt abzuwarten.

Wir sehen uns am Sonntag, den 24. April, an den Wahlurnen zur Präsidentschaftswahl!