Tyll von Daniel Kehlmann vom Schauspielstudio

Die Narren sind die anderen – ein wundervoller „Tyll“ mit sieben jungen Schauspielstudierenden

Von Jo Achim Geschke |

Tyll D Haus Ensemble

Tyll nach Kehlmann, Ensemble der Studierenden, / Foto © Th Rabsch, D Haus

Nein, dieser Narr ist nicht der Narr. Dieser Tyll lebt nur in einer Zeit, in der die Narren um ihn herum die Welt verwüsten. Und die Parallelen zu Narren und Weltpolitik sind gerade in Düsseldorf ganz nah, siehe Putins Reaktion auf Jacques Tillys satirische Karnevalswagen. Sieben Studierende der Schauspielkunst haben mit Regisseur André Kaczmarczyk den Roman „Tyll“ von Daniel Kehlmann zu einem eindringlichen Zeugnis für den Narren, den Gaukler, und am Beispiel des 30-Jährigen Krieges gegen den Irrsinn des Krieges überhaupt gemacht.

Anastasia Schöpa kommt in der gymnastischen Figur der Brücke gebogen auf allen Vieren rückwärtig auf die Bühne und rezitiert dazu einen Text. Bitte nicht nachmachen. Andere spielen Geige, Gitarre, Trommel, E-Bass, Melodica …. Matts Johan Leenders hat mit den Studies wundervoll passende Gaukler-Musik einstudiert, die an Klezmer oder Balkon-Beat erinnert, auch an evangelisch-lutherische Choräle. Die sieben Darsteller*innen zeigen, welch Können oft die Studierenden des Schauspielstudios der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ Leipzig hier bei den letzten Semestern ihres Studiums auf die Bühne bringen können.

Sie spielen ihre Fassung des Romans von Daniel Kehlmann. Der gefeierte Autor hat seinen Tyll / Till Uhlenspiegel in die Zeit des 30-jährigen Kriegs von 1618 bis zum Westfälischen Frieden 1648 versetzt. Der bekannte Till Eulenspiegel spielt eher um 1510 herum.

Tyll und Elisabeth

Dieser Tyll auf der Bühne (Maurice Schnieper) ist der Narr des Königs von Böhmen, der ja den 30-jährigen Krieg ausgelöst haben soll. Tyll bleibt als Hofnarr beim König (Alisa Lien Hrudnik), der stirbt und seine Frau zurücklässt (Flavia Berner). Die ist übrigens eine sehr interessante Figur: Elisabeth, Königin von Böhmen, stammte aus dem Hause Stuart, und sie hatte 13 Kinder. Von ihr führt eine Linie bis zu Marie-Antoinette und sie ist, so Wikipedia, „Stammmutter aller englischer Könige“.

Die Inszenierung arbeitet mit Rückblenden, zeigt, wie Tyll aufwächst und wie sein Vater von einem Priester hingerichtet wird. Tyll flieht mit Nele (Ludowika Held) und schließt sich Gauklern an.

Die eigentlichen Narren

Der bekannteste Hofnarr trifft auf die eigentlichen Narren der Geschichte, die Herrscher der Zeit. Gustav Adolf etwa, der Schwede, der ebenso wie andere Herrscher über die Köpfe von Millionen von Toten hinweg Politik betreibt.

Tyll erfährt mit Soldaten zusammen die Schrecken des Kriegs – es knallt wirklich gar „schröcklich“ von der Bühne herab. Als der Graf Wolkenstein schließlich der inzwischen berühmte Narr in der Festung Andechs trifft, ist der ein vom Krieg gezeichneter Mann.

Die Gaukler und die Herrscher spielen in wirklich schönen Kostümen auf. Das Bühnenbild von Ansgar Prüwer tut ein Übriges, das Thema zu illustrieren, lässt die musizierenden Gaukler als Silhouetten mit ihrem Wagen einher ziehen.

Fünf Jahre verhandelt

Als die Königin von Böhmen schließlich versucht, beim Kongress für den Westfälischen Frieden in Osnabrück Gehör zu finden und ihre Pfalz zurück zu bekommen, wird die Arroganz der Macht deutlich und die Absurdität, die Narretei der damaligen Politik: Verhandelt wurde schon seit fünf Jahren.

Tyll ist schließlich auf Königin Elisabeth getroffen und gibt ihr zum Schluss den zeitlosen Narrenspruch voller Weisheit mit zur Frage, was tun? „Nicht sterben“.

Großer Jubel und Standing Ovation für die wirklich ausgezeichneten sieben Studierenden der Schauspielkunst und die gelungene Inszenierung.

Weitere Termine und Kartenbestellung:

https://www.dhaus.de/programm/a-z/tyll/

Besetzung

Tyll Ulenspiegel Maurice Schnieper

Nele / Korff, ein Mineur / Flüchtling bei Andechs / Alvise Contarini, Botschafter Venedigs: Ludowika Held

Elisabeth Stuart, exilierte Königin von Böhmen / Tylls Mutter / Schwedischer Wachsoldat / Musikerin in Ulenspiegels Zirkus / Doder, im Gefolge Wolkensteins: Flavia Berner

Friedrich V., exilierter König von Böhmen / Alte Else in Ulenspiegels Zirkus / Frau auf der Flucht / Johann von Lamberg, Botschafter des Kaisers: Alisa Lien Hrudnik

Gustav II. Adolf, König von Schweden / Zofe der Elisabeth Stuart / Knecht bei Tylls Eltern / Adam Olearius, Begleiter Kirchers / Purner, im Gefolge Wolkensteins / Axel Oxenstierna, erster Botschafter Schwedens: Vincent Wiemer

Athanasius Kircher, ein Jesuit / Soldat bei Friedrich V. / Pirmin, ein Gaukler / Eisenkurt, ein Mineur / Pater Friesenegger / Adler Salvius, zweiter Botschafter Schwedens: Jonas Hanke

Graf Wolkenstein, kaiserlicher Gesandter / Koch bei Friedrich V. / Matthias, ein Mineur / Akrobatin in Ulenspiegels Zirkus: Anastasia Schöpa

Regie André Kaczmarczyk

Bühne Ansgar Prüwer

Kostüm Martina Lebert

Musik Matts Johan Leenders

Licht Konstantin Sonneson

Dramaturgie Stijn Reinhold

Dauer 2 Stunden 30 Minuten — eine Pause