Ausflug von Düsseldorf: Die Doppelausstellung „Von Höhen und Tiefen“ verbindet Kunstmaschinen von Willi Reiche, Klangkunst von Nils Mosh und die Geschichte der Samt- und Seidenstadt Krefeld.

Kunst im Klärwerk Uerdingen: „Von Höhen und Tiefen“ in Krefeld

Kunstmaschinen mit rostigen Rädern im historischen Klärwerk Uerdingen, Teil der Ausstellung „Von Höhen und Tiefen“ in Krefeld.
Kunstmaschinen im Klärwerk Uerdingen

Rostige Räder, alte Technik, neues Spiel: Im historischen Klärwerk Uerdingen treten Kunstmaschinen und Industriekulisse in einen direkten Dialog. / Foto: Klaus von Jackelmann, NDOZ

Rostige Räder, alte Rohre, Klang im Raum: Im historischen Klärwerk Uerdingen wird Krefelds Industriekultur zur Bühne für kinetische Kunst.

Es gibt Orte, die Kunst nicht erklären müssen. Sie bringen selbst genug Geschichte mit.

Das historische Klärwerk Uerdingen ist so ein Ort. Hohe Halle, alte Mauern, Patina, Licht von oben. Wer dort steht, sieht nicht nur eine Ausstellung. Man sieht auch, was ein Gebäude speichern kann: Arbeit, Technik, Gebrauch, Zeit.

Für die Doppelausstellung „Von Höhen und Tiefen“ treffen in Krefeld zwei künstlerische Positionen aufeinander. Der Wachtberger Kinetikkünstler Willi Reiche zeigt bewegliche Kunstmaschinen. Der Essener Klangkünstler und Field Recordist Nils Mosh ergänzt sie mit akustischen Räumen. Zusammen bespielen sie zwei Orte der Krefelder Industriekultur: das historische Klärwerk Uerdingen und das Haus der Seidenkultur.

Für NDOZ war Klaus von Jackelmann im Klärwerk Uerdingen vor Ort. Seine Fotos geben dem Artikel einen eigenen Blick auf den Raum: auf Räder, Rohre, Schatten, rostige Oberflächen und diese besondere Spannung, die entsteht, wenn Kunst nicht gegen einen Ort arbeitet, sondern mit ihm.

Warum der Titel mehr ist als ein schönes Wortspiel

Der Titel „Von Höhen und Tiefen“ ist mehr als ein poetischer Rahmen. Er spielt mit Krefelds Geschichte als Samt- und Seidenstadt, mit wirtschaftlichem Aufstieg, Brüchen, Industrie, Wasser und Arbeit. Das historische Klärwerk Uerdingen steht auch für diese Entwicklung. Wo Textilproduktion wuchs, wuchsen Wasserbedarf und Abwasser.

Die Ausstellung macht daraus kein Geschichtsbuch. Sie macht daraus einen Erfahrungsraum.

Im Haus der Seidenkultur geht es um die textile Geschichte der Stadt. Dort sind Installationen von Willi Reiche zu sehen, darunter auch kleinere Arbeiten mit Bezügen zur Weberei. Nils Mosh hat unter anderem einen Webstuhl so umfunktioniert, dass Besucherinnen und Besucher eigene Klangkompositionen aus verschiedenen Sounds erstellen können.

Der zweite Teil führt in das historische Klärwerk Uerdingen. Und hier verändert sich die Dimension sofort.

Wenn Maschinen nicht laut sein müssen

Willi Reiche arbeitet mit Dingen, die bereits ein Vorleben hatten. Ausgediente industrielle und kulturelle Relikte werden bei ihm nicht versteckt, sondern neu zusammengesetzt. Räder, Stangen, Rohre, mechanische Elemente. Man erkennt manches sofort. Anderes bleibt rätselhaft.

Das ist wichtig. Diese Kunst will nicht glatt sein. Sie darf knarzen, schimmern, Spuren tragen. Sie muss sich nicht von ihrer Herkunft befreien.

Reiches Kunstmaschinen basieren oft auf Fundstücken, die für sich schon Geschichten erzählen. In der Klärhalle wirken sie deshalb nicht wie Fremdkörper. Sie stehen dort, als hätten sie schon länger auf diesen Moment gewartet.

Der Klang füllt, was die Maschinen offenlassen

Die Halle des Klärwerks ist groß. 17 Meter Deckenhöhe, industrielle Architektur, eine eigene Akustik. Für den Aufbau waren mehrere Lkw-Lieferungen und mehrere Tage Arbeit nötig. Insgesamt sind in der Klärhalle 16 Kunstmaschinen zu sehen, dazu eine Installation im Außenbereich.

In einem solchen Raum kann Kunst leicht verschwinden. Hier passiert eher das Gegenteil. Die Maschinen behaupten sich nicht gegen das Gebäude. Sie treten mit ihm in Verbindung.

Die Klangkunst von Nils Mosh bleibt nicht abstrakt. Im Konzept tauchen Geräusche von Loren, Arbeitergesprächen, Pumpen, fließendem Wasser, klirrenden Ketten und Maschinen auf. Dazu kommen mikrofonierte Kunstmaschinen, die teils erst durch Besucherinnen und Besucher in Bewegung gesetzt werden. Der Raum wird damit nicht nur bespielt. Er wird wieder hörbar gemacht.

Das funktioniert besonders dort, wo man als Besucherin oder Besucher nicht sofort weiß, ob man gerade auf ein Kunstwerk, ein technisches Relikt oder einen Teil des Gebäudes schaut.

Warum das nach Krefeld gehört

Krefeld war lange Textilstadt. Parkanlagen, Gründerzeitbauten, Straßennamen und das Haus der Seidenkultur erinnern bis heute daran. Das Klärwerk Uerdingen erzählt die andere Seite dieser Geschichte: Infrastruktur, Wasser, Abwasser, technische Systeme.

Genau zwischen diesen Polen bewegt sich die Ausstellung. Kunst und Klang werden nicht in beliebige Räume gestellt. Sie nehmen die Orte ernst. Das Haus der Seidenkultur klingt anders als das Klärwerk. Und das Klärwerk sieht anders aus, wenn sich darin plötzlich Räder, Riemen und Relikte bewegen.

Kuratorin Dr. Ilka Wonschik, Leiterin des Hauses der Seidenkultur, beschreibt das Projekt so: „Die Ausstellung spiegelt – humorvoll augenzwinkernd – die Dynamik der Stadtentwicklung wider und greift assoziativ Aspekte beider Ausstellungsorte auf.“

Das trifft den Kern. Vor allem, weil die Ausstellung tatsächlich nicht schwerfällig daherkommt. Sie erklärt nicht alles zu Ende. Sie lässt Raum für Entdeckungen.

Kunst, die man nicht nur betrachtet

„Von Höhen und Tiefen“ ist keine Ausstellung, die ausschließlich vor weißen Wänden funktioniert. Sie braucht Orte mit Reibung. Das Haus der Seidenkultur bringt die Geschichte der Textilproduktion ein. Das Klärwerk Uerdingen die Geschichte von Wasser, Technik und städtischer Infrastruktur.

Gerade für Besucherinnen und Besucher aus Düsseldorf ist das interessant. Krefeld liegt nah genug für einen spontanen Kultur-Ausflug, aber weit genug weg, um aus dem eigenen Stadtrhythmus herauszukommen. Man fährt nicht nur zu einer Ausstellung. Man fährt in eine andere industrielle Erzählung der Region.

Und man merkt: Industriekultur muss nicht museal erstarren. Sie kann sich bewegen. Sie kann klingen. Sie kann auch ein bisschen schräg sein.

Zwei Orte, ein Projekt

Die Doppelausstellung läuft an zwei Standorten. Im Haus der Seidenkultur ist sie bis einschließlich 14. Juni zu sehen. Dort steht die textile Geschichte Krefelds stärker im Mittelpunkt. Im historischen Klärwerk Uerdingen läuft der zweite Teil bis einschließlich 28. Juni.

Wer beide Orte besucht, versteht die Idee der Ausstellung besser. Das Klärwerk zeigt die große räumliche Geste. Das Haus der Seidenkultur liefert den historischen Faden dazu.

Das Projekt wird vom LVR-Dezernat Kultur gefördert. Beteiligt sind neben den Künstlern Nils Mosh und Willi Reiche das Haus der Seidenkultur mit Museumsleiterin und Kuratorin Dr. Ilka Wonschik sowie der Verein zum Erhalt des historischen Klärwerks in Krefeld Uerdingen.

Über die Künstler

Wer steckt hinter „Von Höhen und Tiefen“?

Die Ausstellung lebt vom Zusammenspiel zweier sehr unterschiedlicher Arbeitsweisen: Maschine und Mikrofon, Fundstück und Field Recording.

Willi Reiche

Der Kinetikkünstler aus Wachtberg baut Kunstmaschinen aus Fundstücken, Rädern, Riemen und technischen Relikten. Seine Arbeiten sind auch in dem von Tania Beilfuß herausgegebenen Katalog „Kunstmaschinen Willi Reiche“ dokumentiert. Im Klärwerk Uerdingen wirken sie wie eine Fortsetzung der alten Industriearchitektur.

Nils Mosh

Der Essener Field Recordist und Klangkünstler sammelt Geräusche und entwickelt daraus Soundcollagen. In Krefeld macht er hörbar, was Orte, Maschinen und Räume an Geschichte speichern.

Nils Mosh und Willi Reiche arbeiten gemeinsam an einer Kunstmaschine. Mosh hält ein Mikrofon an die mechanischen Elemente, Reiche steht daneben.
Klang und Bewegung im Zusammenspiel: Nils Mosh und Willi Reiche bei der Arbeit an einer Kunstmaschine.
Foto: vonhoehenundtiefen.de

Kurz & knapp

Ausstellung: „Von Höhen und Tiefen“
Künstler: Willi Reiche, Kinetikkunst, und Nils Mosh, Klangkunst
Orte: Historisches Klärwerk Uerdingen und Haus der Seidenkultur, Krefeld

Historisches Klärwerk Uerdingen
Rundweg 20–22, 47829 Krefeld-Uerdingen
Ausstellungszeitraum: bis einschließlich 28. Juni 2026
Öffnungszeiten: Samstag und Sonntag, 11 bis 16 Uhr
Finissage: Sonntag, 28. Juni 2026, 11 bis 21 Uhr
Eintritt: frei

Haus der Seidenkultur
Luisenstraße 15, 47799 Krefeld
Ausstellungszeitraum: bis einschließlich 14. Juni 2026
Öffnungszeiten: Mittwoch bis Freitag, 15 bis 18 Uhr, Sonntag, 13 bis 17 Uhr
Eintritt: 5 Euro, ermäßigt 4 Euro. Für die Ausstellung wird kein zusätzlicher Eintritt erhoben.

Begleitprogramm, Auswahl:
6. Juni, 18 Uhr: Lesung „Der Seidenweber“ mit Torsten Weiler im Klärwerk Uerdingen
10. Juni, 19 Uhr: Filmabend „Die Weber“ im Haus der Seidenkultur
14. Juni: Finissage im Haus der Seidenkultur mit Ergebnissen des Workshops „Wie klingt Krefeld?“

Weitere Informationen: Von Höhen und Tiefen