Pessoas Buch besteht aus vielen Beobachtungen von menschlichem Verhalten, wie es zu Beginn Sarkiss in seiner Rolle darstellt, das Buch wurde allerdings erst posthum 1982 veröffentlicht.
Regisseurin Voigt hat die Texte in einzelne Bilder und Aufzüge zerlegt, manche Textstellen erscheinen immer wieder, aber eben in anderen Kontexten, und zeigen so unterschiedliche Seiten des Dichters ebenso wie dessen Anschauungen.
Dichter und Hauptfigur wenden sich durchaus ab von den Menschen, der Blick ist distanziert bis der des Misanthropen. Es sind sehr konträre Welten, die da aufscheinen.
Die Realität ins Theater geholt
Aber die Regisseurin schafft dabei etwas, was dem Theater heute dringend nottut, sie stellt den mehr als 90 Jahre alten Reflexionen des Buchhalters in Lissabon aktuelle Geschehnisse zur Seite, die ja durchaus keine Beispiele der Humanität sind.
So rennt Fnot Taddese getrieben von den Bildern, den Foto und Video-Projektionen von Kriegen in der Wüste, in Afghanistan, Zerstörungen im Gazastreifen, Brutalitäten der amerikanischen ICE , Aufmärschen von chinesischen und russischen Soldaten, und den Konterfeis von Putin und Trump dieser Welt davon, ohne ihr doch entkommen zu können.
Und während Carolin Cousin mit einem Finger das Bein einer Babypuppe bewegt, zuckt ihr eigener Kopf puppenhaft nach links und rechts, sie agiert wie aus einem Automaten-Museum, wie ein Trad-Wife, das überholte, konservative Mutter-Rollen repräsentiert. Der Junge an der Seite der Bühne spielt selbstvergessen vor sich hin. Als beide abgehen, wird der riesige Plüsch-Teddybär in der Ecke lebendig, bewegt sich, schaut traurig und wird vom Jungen heraus geleitet.
Moritz Klaus sitzt danach vor einem Bildschirm, ist sich selbst genug, will keine menschliche Gesellschaft und widmet sich einem Computerspiel. Dessen bewundernswerten Grafiken erscheinen auf dem riesigen Hintergrund, erinnern an die Symbolisten und die Surrealisten der 202er und 30er Jahre des vorigen Jahrhunderts.
Anklänge an die Esoteriker-Szene, zu der Pessoa auch Kontakt hatte, gibt es ebenso.
Absurde Fernseh-Szenerien
Und während sich ein völlig verhüllter Mensch in einem bunten Sessel windet, hat Cathleen Baumann einen lustigen, gekonnt überdrehten und skurrilen Auftritt als Cowboy mit Brusthaar-Toupet und missglücktem Lasso-Werfen.
Absurder Höhepunkt, der leider auch ganz eindeutige Bezüge zur heutigen Realität hat, is der Auftritt von Pauline Kästner als die zynisch-oberflächliche Brigitte in Astro-TV. Sie legt auf Anforrderung der Telefon-Stimmen im Eiltempo die Karten, sagt „es droht ein Missgeschick“ und sagt schon „Ciao“, bevor se sich in diesem Morgen.TV das dritte Glas Wein eingießt und schon deutlich wird, wie blödsinnig diese ja immer noch ablaufenden Fernsehabsurditäten sind.
Menschliche Unsinnigkeiten
Die Bilder aus Pessoas unruhiger Beobachtung der menschlichen Unsinnigkeiten münden noch einmal in die Videoszenen aus Kriegen und Brutalitäten, vor denen Fnot Taddese noch einmal davonhetzt. Bevor wieder die Buchhalter-Szenerie des Anfangs im alten damaligen Lissabon das Bühnenbild dominiert. Begleitet vom Bandoneon und der portugiesischen Saudade, die in etwa Schwermut bedeutet.
Sehr langer Applaus mit vielen Reihen stehend applaudierender Zuschauer:innen – und ein Buh-Rufer! – für einen intellektuell und visuell anregenden Theaterabend, der durchaus lange nachhallt.
Termine und Karten unter
https://www.dhaus.de/programm/a-z/das-buch-der-unruhe/
Besetzung :
Mit Cathleen Baumann, Caroline Cousin, Pauline Kästner, Moritz Klaus, Yascha Finn Nolting, Jürgen Sarkiss, Fnot Taddese, Sebastian Tessenow
Statisten Leon Baranov / Leonard Gorkowski
Regie Luise Voigt
Choreografie Tony De Maeyer
Bühne und Kostüm Maria Strauch
Musik Frederik Werth
Videodesign Stefan Bischoff
Licht Jean-Mario Bessière
Dramaturgie Robert Koall
Dauer
2 Stunden — keine Pause



