Das Buch der Unruhe von Fernando Pessoa in einer Fassung von Luise Voigt

Pesoas „Das Buch der Unruhe“ oder Die Aktualität überholt vielfältige Fiktion

Von Jo Achim Geschke |

Das Buch der Unruhe

Das Buch der Unruhe , Bühnenbild mit Ensemble / Foto © Thomas Rabsch, D Haus

Eine Straße und ein Café in Lissabon, geschätzt aus den 40er Jahren, ein Bandoneon spielt, so etwas wie Fado klingt an. Im hervorragenden Bühnenbild von Maria Strauch bewegen sich acht Schauspieler:innen. Den Beginn macht die Lissabonner Café-Szene, in der Jürgen Sarkiss den portugiesischen Schriftsteller als Buchhalter mimt. Ein Mann mit vielen Facetten, der ebenso in vielen Bildern dargestellt wird. In der Bearbeitung von Regisseurin Luise Voigt von Pessoas „Das Buch der Unruhe“ wechseln die Bilder und die Darsteller:innen ebenso wie die Themen, und so verlangt der überaus gelungene Theaterabend vom Zuschauer Aufmerksamkeit und Mitdenken.

Pessoas Buch besteht aus vielen Beobachtungen von menschlichem Verhalten, wie es zu Beginn Sarkiss in seiner Rolle darstellt, das Buch wurde allerdings erst posthum 1982 veröffentlicht.

Regisseurin  Voigt hat die Texte in einzelne Bilder und Aufzüge zerlegt, manche Textstellen erscheinen immer wieder, aber eben in anderen Kontexten, und zeigen so unterschiedliche Seiten des Dichters ebenso wie dessen Anschauungen.

Dichter und Hauptfigur wenden sich durchaus ab von den Menschen, der Blick ist distanziert bis der des Misanthropen. Es sind sehr konträre Welten, die da aufscheinen.

Die Realität ins Theater geholt

Aber die Regisseurin schafft dabei etwas, was dem Theater heute dringend nottut, sie stellt den mehr als 90 Jahre alten Reflexionen des Buchhalters in Lissabon  aktuelle Geschehnisse  zur Seite, die ja durchaus keine Beispiele der Humanität sind.

So rennt Fnot Taddese getrieben von den Bildern, den Foto und Video-Projektionen von Kriegen in der Wüste, in Afghanistan, Zerstörungen im Gazastreifen, Brutalitäten der amerikanischen ICE ,  Aufmärschen von chinesischen und russischen Soldaten, und den Konterfeis von Putin und Trump dieser Welt davon, ohne ihr doch entkommen zu können.

Und während Carolin Cousin mit einem Finger das Bein einer Babypuppe bewegt, zuckt ihr eigener Kopf puppenhaft nach links und rechts, sie agiert wie aus einem Automaten-Museum,  wie ein Trad-Wife, das überholte, konservative Mutter-Rollen repräsentiert. Der Junge an der Seite der Bühne spielt selbstvergessen vor sich hin. Als beide abgehen, wird der riesige Plüsch-Teddybär in der Ecke lebendig,  bewegt sich, schaut traurig und wird vom Jungen heraus geleitet.

Moritz Klaus sitzt danach vor einem Bildschirm, ist sich selbst genug, will keine menschliche Gesellschaft und  widmet sich einem Computerspiel. Dessen bewundernswerten Grafiken erscheinen auf dem riesigen Hintergrund,  erinnern an die Symbolisten und die Surrealisten der 202er und 30er Jahre des vorigen Jahrhunderts.

Anklänge an die Esoteriker-Szene, zu der Pessoa auch Kontakt hatte, gibt es ebenso.

Absurde Fernseh-Szenerien

Und während sich ein völlig verhüllter Mensch  in einem bunten Sessel windet, hat Cathleen Baumann einen lustigen, gekonnt überdrehten und skurrilen Auftritt als Cowboy mit Brusthaar-Toupet und missglücktem Lasso-Werfen.

Absurder Höhepunkt, der leider auch ganz eindeutige Bezüge zur heutigen Realität hat, is der Auftritt von  Pauline Kästner als die zynisch-oberflächliche Brigitte in Astro-TV. Sie legt auf Anforrderung der Telefon-Stimmen im Eiltempo die Karten, sagt „es droht ein Missgeschick“ und sagt schon „Ciao“, bevor se sich in diesem Morgen.TV das dritte Glas Wein eingießt und schon deutlich wird, wie blödsinnig diese ja immer noch ablaufenden Fernsehabsurditäten sind.

Menschliche Unsinnigkeiten

Die Bilder aus Pessoas unruhiger Beobachtung der menschlichen Unsinnigkeiten  münden noch einmal  in die Videoszenen aus Kriegen und Brutalitäten, vor denen Fnot Taddese noch einmal davonhetzt. Bevor wieder die Buchhalter-Szenerie des Anfangs im alten damaligen Lissabon das Bühnenbild dominiert.  Begleitet vom Bandoneon und der portugiesischen Saudade, die in etwa Schwermut bedeutet.  

Sehr langer Applaus mit vielen Reihen stehend applaudierender Zuschauer:innen  – und ein Buh-Rufer! – für einen intellektuell und visuell anregenden Theaterabend, der durchaus lange nachhallt.

Termine und Karten  unter

https://www.dhaus.de/programm/a-z/das-buch-der-unruhe/

Besetzung :

Mit Cathleen Baumann, Caroline Cousin, Pauline Kästner, Moritz Klaus, Yascha Finn Nolting, Jürgen Sarkiss, Fnot Taddese, Sebastian Tessenow

Statisten Leon Baranov / Leonard Gorkowski

Regie Luise Voigt

Choreografie Tony De Maeyer

Bühne und Kostüm Maria Strauch

Musik Frederik Werth

Videodesign Stefan Bischoff

Licht Jean-Mario Bessière

Dramaturgie Robert Koall

Dauer

2 Stunden — keine Pause