Tchechovs Drei Schwestern im Heute beim Stadt:Kollektiv

Sieben Frauen begeistern in Katharina Bills Inszenierung von Tchechovs Drei Schwestern

Von Jo Achim Geschke |

Drei Schwestern Ensemble

Drei Schwestern , Katharina Bill/ Tschechov, : Aslı Bulat, Iris Droste, Carl Brüggemann auf den Kisten, Alicia Nsukami, Luca Brankamp, Carolin Bernklau, Charlott Lindecke / Foto © Melanie Zanin, D Haus

Wann kommen eigentlich Andrej, Iwan, Fedor, Alexander….? Sie kommen gar nicht. Das ist auch gut so. In Regisseurin Katharina Bills Adaption von Tchechovs „Drei Schwestern“ stehen drei phantastische Frauen von 17 bis 71 Jahren zwischen Topfpflanzen, Seekieferplatten und -Kästen auf der Bühne des Central. Und wenn Luca Brancamp alias Olga oder Irina wie die andren Frauen nach dem Anfang sucht, und sagt: „Das ist der Anfang“ und nur „ Boaah – Eeehhh ..“ staunt, oder Carl (sic) Brüggemann ein kurzes Solo hinlegt – dann beginnt auch die Begeisterung über die sieben Frauen auf der Bühne, alle Laiendarstellerinnen, die so mitreißend agieren.

Sieben Frauen, die zwischen den Bio-Kiefernholz nach dem Sinn des Lebens, nein: Nach dem Sinn ihres Lebens als Frau suchen.  Männer treten in dieser Inszenierung nicht auf. Die Frauen beginnen mit dem ersten Akt von Tschechows 1901 aufgeführtem Drama. Da wollen die Frauen nach Moskau, also in die Hauptstadt, überhaupt in die Stadt, und raus aus dem Kaff.  Was nicht gelingt.

Tschechovs Frauen heute

Wie bei Tschechov kommen die Klagen auf über die Männer, die sie mal geheiratet haben. So wie die junge Frau, die ihren damals bewunderten Lehrer geheiratet hat – den sie jetzt so gar nicht mehr bewundern kann. Regisseurin Bill nimmt Tschechov und bringt ihn mit den Frauen allein zum Heute.

Auf der Bühne fangen sie dann wirklich an, räumen die Grünpflanzen um und die Kiefern-Kisten, die rhetorische Frage „Wann kommen denn Andrej, Iwan, Fedor, Alexander?“ wird zum Gag. Die Frauen erzählen aus ihrem Leben, und es verwischt mit der Vorlage von 1901.

Der Wunsch nach Akzeptanz

Sie formulieren ihre Schwierigkeiten, als Frau in dieser heutigen Welt Person zu sein. Sehr deutlich etwa Luca, die ätzend schildert, wie ein Typ sie besuchen kommt und Blumen bringt und die Wohnung lobt … aber sie sagt „Ich will ein Zimmer für mich allein!“  Carl formuliert den Wunsch, endlich so akzeptiert zu werden, wie sie ist, „Ich wünsche mir, dass ich in einen Raum komme, und keiner reagiert.“

Es sind geradezu verzweifelte Rufe von einem unerfüllten Leben als Frau, die mit Tschechovs Drama korrespondieren. Ein Leben, das vielleicht – Düsseldorfer Thema – durch Konsum ersatzbefriedigt werden könnte : „Dann kauf ich mir einen Kaschmir-Schal für 400 Euro …“ oder „dann kaufe ich mir das gute Leben“ etwa.  Luca, die so schön Querflöte spielt, schockt mit Phantasien, wie sei einem Mann das Gesicht aufschlitzt. Und sie hüpft mit kurzen Schritten und einer ungeheuer ansteckenden Lachsalve daher. Carl tanzt mit angeklebtem Schnauzbart und sie und Luca  enden schließlich in einem Armdrücken.

Die Frauen machen ihre Musik

Durch Umbauen der Kisten schaffen sie ein verändertes Bühnenbild, steigen mal wie Carl (sic) auf einen Turm aus Kisten, - und machen Musik!  „Ja, lass uns feiern!“ beschließen sie den Frust hinter sich zu lassen.

 Charlotte Lindecke spielt harten E-Bass, die toughe Luca Brankamp spielt einschmeichelnde Querflöte, Carolin Bernklau Klarinette. Der E-Bass führt auch zu einer harten Rock-Einlage mit Tanz. Uns so gehen sie schließlich los, die hintere Bühne öffnet sich, sie gehen in ein Lichtermeer – Vorhang.

Minutenlanger Jubel und Standing Ovation für sieben Frauen, die außergewöhnliches Talent gezeigt haben in einer gelungenen Inszenierung von Katharina Bills Adaption von Tschechovs Drama.

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Besetzung

Olga, Mascha und Irina:  Carolin Bernklau, Luca Brankamp, Carl Brüggemann, Aslı Bulat, Iris Droste, Charlott Lindecke, Alicia Nsukami

Regie Katharina Bill

Bühne und Kostüm Tatjana Kautsch

Musik Maika Küster

Dramaturgie Birgit Lengers

Dauer: 1 Stunde 15 Minuten — keine Pause