Das Rheingold – Premiere draußen vor dem Schauspielhaus

Das Rheingold – die etwas andere Wagner-Geschichte unter freiem Himmel

Von Jo Achim Geschke

Rheingold Szene Th. Rabsch

Das Rheingold – Götter und Riesen auf dem Gustaf-Gründgens-Platz. /Foto © Thomas Rabsch D Haus

„Loge“ in seinem feurig schimmernden Mantel, also André Kaczmarczyk, mit roten Augen, tänzelt zuweilen wie ein listiger Mephisto über den Platz … genau, über den Gustaf-Gründgens-Platz. Theater, endlich wieder, wenn auch etwas kühl draußen vor dem Schauspielhaus unter freiem Himmel, aber mit dem Flugzeug-Installation welch eine Bühne. Und welch ein Theater – „Rheingold. Eine andere Geschichte“, von den bekannten Autoren Feridun Zaimoglu und Günter Senkel. Deutsche Mythen, kolossales Theater, mit ein wenig mehr Ironie als bei Richard Wagner. Auch Zaimoglu und Senkel nahmen nach der Premiere am Donnerstagabend den Jubel und den langen Applaus für die ausgezeichneten Darsteller:innen entgegen. Karten gibt es übrigens noch für alle als ausverkauft angezeigten Vorstellungen wegen der sinkenden Inzidenzwerte.

Intendant Wilfried Schulz hielt bei 12 Grad die Begrüßung kurz und sagte, Nein, es sei nicht die vorgezogene Einweihung des Platzes. Man sei ungeheuer glücklich, spielen zu können, denn im Oktober und November gab es die letzten Vorstellungen mit Publikum.

Autor Feridun Zaimoglu betont in einem Interview im Programmheft, dass sie den Teil der deutschen Sagen hervorheben wollten, den der antisemitistische Wagner aussparte : „Woher kommt der Wohlstand der Götter? Wer ist geknechtet worden?“ Und „Die andere Geschichte bedeute, dass „die Alben das Gold lieferten, mit dem die Götter ihre Macht ausbauten.“  Zaimoglu und Senkel wollten die Figuren aus Rheingold in Frage stellen.

Wenn Florian Lange als Alberich auf die Bühne / den Platz krabbelt, zunächt mal den aufrechten Gang vermissen lässt, betritt eine schauspielerische Urgewalt die Szene. Dem Alberich, der da aus den Tiefen empor kommt, steht Kilian Ponert als ein zögerlicher, ängstlicher Schmied „Mime“ zur Seite. Mime wird wieder hinunter gehen, an die Feuer.

Florian Lange als Alberich bleibt am Fluss und begegnet den drei „Rheintöchtern“ Woglinde Florentine Kühne, Wellgunde  Marie Jensen und Floßhilde Sarah Wilken in ihren Silberkleidern. Sie sollen das Rheingold im Fluss bewachen. Die Rheintöchter machen die  Männer verliebt, denn nur wer nicht lieben kann, kann das Gold aus dem Rhein holen.  Alberich weiß, dass er hässlich ist, und so kann er der Liebe leicht entsagen. Er holt sich das Gold und schmiedet sich den goldenen Ring der Macht. Und unterjocht dann sein Volk der Alben in Nibelheim.

Gold, Geld , Macht, Herr und Knecht … da denkt man an Brecht, aber eben auch an Hegel. Alberich hatte schon seinen Bruder, den Schmied, kritisiert „Du nennst es ein Gesetz der Natur, das wir in Höhlen wohnen.“

 Nun kommen nun die Götter ins Spiel: Donner / Sebastian Tessenow und Froh/ Josha Balta, die bald auf Alberich treffen  und ihn wie einen Knecht einschüchtern. Zunächst. Sie werden in der Inszenierung von Roger Vontobel wie alle Figuren des Stücks  von zwei Kameraleuten aufgenommen und exzellent auf hochformatige Instagram-Bildschirme projiziert.

Auftritt Wotan, Fricka und als liebliche Projektion die junge Freya auf einem alten grauen Campingmobil mit Dachterrasse. Sie streiten sich ein wenig, denken aber, sie könnten mit Alberich ein Spiel spielen. Sind diese Götter im Campingwagen die nordisch überlegenen Menschen ? Die Arier der Wagner-Zeit, die aus Bayreuth ? „Richard Wagner hat sich als Chefideologe erwiesen, allem voran mit der antisemitischen Hetzschrift „Das Judentum in der Musik“, deckt das Programmheft auf.

Die alte Erda tritt auf, und auch sie, Manuela Alphons, dröhnt in ihren Mahnungen und ihrer Kritik an Wotan als schauspielerische Naturgewalt über den Platz. Szenenapplaus.

Dazu die dreiköpfige Band, sie entwickelt Musik so laut verstärkt wie ein Wagnerorchester, die aufsteigenden Crescendo allerdings eher bis zu Heavy Metal.

Unter den Göttern entsteht nun Streit, denn die Burg – bei Wagner Wallhalla – für Wotan ist fertig und die Riesen, die sie gebaut haben, verlangen ihren Lohn. Die leibliche Freya/ Cennet Rüya Voß, als Projektion deutlich die Gärtnerin und Hüterin des Wachsens und Gedeihens, soll als Ehefrau der Lohn sein.

Freya ist entsetzt, „du hast mich verkauft für deinen elenden Prunkpalast“, fährt sie Wotan an. Da ist Verhandlung gefragt. Die zwei Riesen sind riesig – denn sie sprechen zunächst von  oben auf dem Dach des weißen Schauspielhauses.

List und Täuschung ums Gold

Nun ist guter Rat der Götter gefragt. Auftritt Loge, im rot-changierende Mantel und roten Feueraugen. Loge ist der Mann für List und Zynismus. Er handelt mit den Riesen aus, dass sie das Rheingold bekommen, dass er Alberich abluchsen wird.

Und Loge / André Kaczmarczyk tänzelt über den Platz, oder steht dort als Herr des Feuers, und lehnt endlich als „Goethen in Italien“ am Rand des graugrünen Flugzeug-Leitwerks. Entspannt, weil siegesgewiss.

Die Götter siegen, aber wie sie Alberich entmachten, sein Gold bekommen, und schließlich doch auch über die Riesen siegen – es ist ein herrliches Theaterschauspiel, herrlich anzusehen. Und trotz der Kälte (13 Grad etwa) harren die 200 Zuschauer:innen fast alle aus bis zum Ende und dem Jubel und dem langen Applaus.

Übrigens: Der etwas zynische Loge/ André Kaczmarczyk aus dem Rheingold ist demnächst – wohl ohne rote Kontaklinsen - als neuer Tatort-Kommissar zu sehen.

Zum Bühnenbild mit den Teilen einer Transportmaschine lesen Sie

https://ein-flugzeug-vor-dem-schauspielhaus-1423.html

Karten und Termine der weiteren Aufführungen unter  www.dhaus.de