Während in Neu-Delhi über Zölle und Marktzugang entschieden wird, baut Düsseldorf vor Ort Netzwerke auf – mit dem Indien-Kompetenzzentrum, der Messe Düsseldorf und Partnern wie NASSCOM.

EU-Indien-Freihandelsabkommen: Was der Mega-Deal für Düsseldorf und NRW bedeutet

Von Alexandra Scholz-Marcovich |

Düsseldorfer Wirtschaftsdelegation bei der Eröffnung der Medical Fair India 2026 in Neu-Delhi.
Eröffnung der Medical Fair India 2026: Düsseldorfer Delegation in Neu-Delhi

Eröffnung der Medical Fair India 2026 in Neu-Delhi: (v. l.) Marius Berlemann (Messe Düsseldorf), Oberbürgermeister Dr. Stephan Keller, Delhis Bürgermeister Raja Iqbal Singh und IHK-Präsident Andreas Schmitz. / Foto: Landeshauptstadt Düsseldorf

In Neu-Delhi beginnt am 29. Januar 2026 ein Netzwerkabend mit rund 50 Gästen – und dahinter steckt mehr als ein weiterer Termin im Delegationskalender. Düsseldorf nutzt den Moment, in dem sich EU und Indien politisch auf ein Freihandelsabkommen geeinigt haben, um die eigenen Wirtschaftsbeziehungen zu Indien sichtbar zu machen – und auszubauen.

Oberbürgermeister Stephan Keller formuliert den Anspruch dabei ausdrücklich langfristig: „Wir wollen nicht nur Kontakte knüpfen, sondern langfristige Partnerschaften aufbauen.“ Und genau darum geht es jetzt: um konkrete Marktzugänge, um Tech-Kooperationen – und um die Frage, welche Rolle Düsseldorf/NRW in dieser neuen europäischen Handelsphase spielen kann.

Was beim EU-Indien-Abkommen schon klar ist – und was noch nicht

Der politische Deal ist ein Signal, aber noch kein Schalter, der morgen den Warenverkehr umstellt. Bevor das Abkommen wirkt, müssen die Texte finalisiert, juristisch geprüft und anschließend ratifiziert werden. Für Unternehmen heißt das: Zölle und Verfahren bleiben vorerst bestehen, zugleich wächst der Druck, sich strategisch vorzubereiten.

Die EU-Seite rechnet mit einem großen Hebel: Geplant ist, Zölle auf 96,6 Prozent der EU-Warenexporte nach Indien abzuschaffen oder zu senken; verbunden mit dem Ziel, EU-Ausfuhren nach Indien bis 2032 zu verdoppeln. Außerdem werden jährliche Einsparungen von rund 4 Milliarden Euro an Zöllen genannt.

Der globale Hintergrund: EU und Indien handeln bereits heute Waren und Dienstleistungen im Wert von über 180 Milliarden Euro pro Jahr.

Warum Düsseldorf jetzt in Indien präsent ist

Die Düsseldorfer Delegation ist nicht zufällig wenige Tage nach der Einigung unterwegs. Die Stadt koppelt das Thema Handel an drei sehr konkrete Düsseldorfer Stärken:

1) Netzwerk & Soft-Landing über das Indien-Kompetenzzentrum (IKD)
Das IKD wurde im Juni 2025 in Düsseldorf gegründet und tritt nun erstmals mit einem eigenen Format in Indien auf. IHK-Präsident Andreas Schmitz beschreibt Indien als „zentralen Wirtschaftspartner für Düsseldorf und die Region“ – und betont den Zeitpunkt: „genau jetzt“ sei der Moment, die Partnerschaft zu vertiefen.

2) Messe-Infrastruktur als Standort-Argument
Auf der Reise gehört die Medical Fair India dazu – als Teil der MEDICA-Messefamilie, die von der Messe Düsseldorf organisiert wird. Messe-Chef Marius Berlemann bringt den Kern auf einen Satz: „Der direkte Austausch vor Ort ist entscheidend, um Märkte zu verstehen.“

Am Rande der Messe besuchte die Delegation auch den Stand von Henkel – ein konkretes Beispiel dafür, wie stark Düsseldorfer Unternehmen in internationalen Industrie- und Gesundheitsmärkten bereits präsent sind.

3) Tech-Kooperationen (NASSCOM, Start-ups, Zukunftsbranchen)
Am 29. Januar stand zudem der Austausch mit NASSCOM in Noida auf dem Programm – mit Themen wie Cybersicherheit, GreenTech und Gesundheitswirtschaft. Es ist die klassische Düsseldorf-Logik: Branchenkompetenz plus Kontakte plus ein klarer Standort-Pitch.

Zur Reise gehört neben Delhi auch Bengaluru – Indiens wichtigster Tech-Knotenpunkt. Die Botschaft: Düsseldorf denkt Indien nicht nur als Absatzmarkt, sondern als Innovations- und Talentpartner.

Düsseldorf/NRW in Zahlen: Warum Indien für den Standort längst Realität ist

Faktenkasten (Stand: 2024/2025, je nach Quelle)

  • Rund 40 indische Unternehmen sind in Düsseldorf registriert.
  • Mehr als 7.000 Menschen indischer Herkunft leben in Düsseldorf (größte indische Community in NRW).
  • In NRW leben rund 35.000 Inderinnen und Inder (ca. ein Viertel der indischen Bevölkerung in Deutschland).
  • Das bilaterale Handelsvolumen NRW–Indien lag 2024 bei rund 6 Mrd. Euro (+0,7 % ggü. 2023).
  • Mindestens 200 NRW-Firmen sind in Indien investiert; genannt werden über 100.000 geschaffene Arbeitsplätze.
  • Die unmittelbaren Direktinvestitionen aus NRW in Indien: rund 4 Mrd. Euro.
  • Messe-Effekt: 3.688 indische Aussteller (2014–2024) und 129.380 Besucherinnen und Besucher aus Indien auf Düsseldorfer Leitmessen im gleichen Zeitraum.

Welche Chancen sind für NRW realistisch – und wo liegen die Hürden?

Für NRW ist Indien wirtschaftlich längst kein „Zukunftsthema“, sondern Gegenwart: Das bilaterale Handelsvolumen NRW–Indien lag 2024 bei rund 6 Mrd. Euro (zuletzt verfügbare Jahreszahl in den zitierten Daten).
Gerade deshalb lohnt sich der Blick auf Branchen, die in den aktuellen Verlautbarungen immer wieder auftauchen:

  • Maschinenbau / Industrie & Zulieferung (klassische NRW-Stärke – und häufig betroffen von Zöllen und technischen Handelshemmnissen).
  • Gesundheitswirtschaft / MedTech / Digital Health (Düsseldorfer Messe-Ökosystem als Türöffner).
  • IT, Cybersecurity, GreenTech (genau die Felder, die Düsseldorf bei NASSCOM adressiert).

Aber: Ein Deal ist noch kein Umsatz. Bis die Regeln wirklich gelten, müssen Unternehmen mit Übergangsfristen, Ursprungsregeln, Zertifizierungsfragen und Compliance rechnen.
Deshalb empfiehlt es sich, Veröffentlichung der Vertragstexte und den Ratifizierungsprozess eng zu verfolgen – und Lieferketteneffekte früh zu prüfen.

Was Düsseldorfer Unternehmen jetzt konkret tun können

Auch wenn das Abkommen noch nicht gilt: Der Zeitpunkt ist gut, intern drei Fragen zu klären – bevor neue Regeln greifen.

  • Lieferketten & Zollthemen: Welche Warengruppen wären betroffen? Wo liegen heute die größten Zoll- oder Zertifizierungs-Hürden?
  • Markteintritt & Partner: Gibt es bereits indische Vertriebspartner, Tech-Allianzen oder Recruiting-Kanäle – oder braucht es erste Kontakte?
  • Netzwerke nutzen: IKD/IHK-Formate, Messe-Plattformen, India-Desk – je früher der Austausch, desto schneller wird später die Umsetzung.

Service-Hinweis: Am 18.02.2026 (10–11 Uhr) gibt es ein Webinar „Das EU-Indien-Freihandelsabkommen im Fokus: Ein Mega-Deal?“ (DIHK/AHK Indien/India-Desk-Netzwerk). Für viele Mittelständler ist das der pragmatischste Einstieg in die Details.

FAQ: Die drei Fragen, die gerade am häufigsten kommen

Wann tritt das EU-Indien-Freihandelsabkommen in Kraft?
Nach politischer Einigung folgt juristische Prüfung und Ratifizierung. Bis dahin ändern sich Zölle/Verfahren nicht automatisch.

Welche Branchen könnten in NRW besonders profitieren?
Naheliegend sind Branchen, die in Düsseldorf/NRW stark sind: Maschinenbau/Industrie-Zulieferer, Chemie/Pharma, IT-Services, Gesundheitswirtschaft/MedTech – plus Recruiting-Themen.

Warum spielt Düsseldorf hier eine besondere Rolle?
Weil die Stadt „Wirtschaft“ mit Messe-Infrastruktur, internationaler Community, Tech-Netzwerken und institutionellen Soft-Landing-Angeboten zusammenbringt – und diese Pakete gerade in Indien sichtbar macht.

Europa verhandelt groß – Mercosur zeigt die politische Reibung

Während EU–Indien politisch abgeschlossen wurde, liefert Mercosur den zweiten Teil des Bildes: Abkommen sind auch Innen- und Rechtspolitik. Die IHK Düsseldorf begrüßt die Unterzeichnung des EU-Mercosur-Abkommens als „historischen Durchbruch“ und als Signal gegen Protektionismus – und drängt auf eine zügige Zustimmung, damit Unternehmen schneller Planungssicherheit bekommen. Für den Standort ist das nicht abstrakt: Laut IHK sind etliche Unternehmen aus dem Bezirk bereits eng mit Südamerika verbunden (u. a. Henkel, GEA Group, Messe Düsseldorf).

Gleichzeitig zeigt sich, wie zäh der Weg werden kann: Das Europäische Parlament hat eine rechtliche Prüfung (EuGH-Gutachten) angestoßen; IHK-NRW-Hauptgeschäftsführer Dr. Ralf Mittelstädt nennt das Votum des Europäischen Parlaments „einen Rückschritt … nun droht erneut Stillstand“. 

Schluss

Entscheidend wird nun, wie schnell die Vertragstexte veröffentlicht werden – und wie klar die Regeln am Ende tatsächlich ausfallen. Für Düsseldorf ist die Strategie erkennbar: Präsenz zeigen, Netzwerke verdichten, Einstiegspunkte schaffen. Ob daraus messbare Projekte werden, wird sich in den nächsten Monaten zeigen – spätestens dann, wenn das Abkommen in die Umsetzungsphase geht und Unternehmen konkrete Entscheidungen treffen müssen.

Quellen

Landeshauptstadt Düsseldorf (Pressedienst 27.01. & 29.01.2026).
EU-Vertretung in Deutschland / GTAI (Kernzahlen & Prozess).
Messe Düsseldorf / IHK Düsseldorf (IKD-Hintergrund, NRW-Indien-Zahlen, Messe-Effekt).
Medical Fair India (Termin & Venue).
IHK Düsseldorf Statement Mercosur (19.01.2026). 
Europäisches Parlament (EuGH-Prüfung Mercosur).