Theater der Welt – Pistes von Penda Diouf

Pistes, Reiseroute zum Völkermord an Herero und Nama im Theater der Welt

Von Jo Achim Geschke

Pistees d Haus , reznik

Foto zu Pistes, Foto Justin Reznik / D Haus

Sie kommt mit einem Koffer auf eine leere Bühne, eine Tür und schwarze Vorhänge sind das einzige Bühnenbild. Die Touristin ist jung, hier nicht heimisch, sie ist schwarz und in lockerer jugendlicher Kleidung. Ihre Texte, die Texte der Autorin Penda Diouf, sind sehr poetisch, sehr lyrisch zeitweilig, aber dahinter steht eine einzige Anklage: An die Deutschen Kolonialherren, die von 1883 an die Schwarzen im sogenannten „Deutsch Südwestafrika“ um ihr Land betrogen und 1904 die Herero ermordeten und in die ersten deutschen KZ steckten.

Es erinnert sie an die Dünen von Namibia, sie singen ein Klagelied … So etwa beginnt der Text der schwarzen Dramatikerin, der hier erstmals in Deutschland aufgeführt wird. Die Sanddünen schreien den Schmerz, es sind wohl die Dünen der „Lüderitz Bucht“. Und schon zitiert die junge, aus dem Tschad stammende Schauspielerin Nanyadji Kagara auf der minimalistischen Bühne das berühmte Zitat des Generals Lothar von Trotha: „Innerhalb der Deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr erschossen.“ Das sagte der General 1904.

Nanyadji Kagara singt eine afrikanische Weise, die erschreckende, in Deutschland bisher meist unterdrückte Wahrheit über die Greuel und den Völkermord an den Herero und Nama werden durch lyrische Texte der Reise der Autorin gemildert. Wann begann diese Reise nach Namibia ? fragt sie… Piste heißt im Französischen auch Spur, Indiz.

Sie spricht französisch, es ist schließlich Teil des Theaters der Welt, über ihr auf der grau-schwarzen Bühne erscheinen die deutschen Übersetzungen. Wer nicht sehr gut Französisch versteht, wird nicht so erschrocken durch die brutalen geschichtlichen Tatsachen über die deutschen Kolonialherren - die von damals?

Es gib ein interessantes Heft des Spiegel, „Spiegel Geschichte, 2/ 2021, „Der Deutsche Kolonialismus“, darin auch „Deutsch Südwestafrika“. Zitat: 2004 erkannte die Bundesregierung die Ermordung der Herero und Nama als Völkernord an. Bis 1906 ermorden deutsche Truppen etwa 75.000 Herero.“

Es ist eine Reise, die zu Wunden, Verletzungen, Rissen führt. Gerade weil Schauspielerin   Nanyadji Kagara dort in Alltagskleidung steht, mal einen Stuhl holt, aber den französischen Text so eindringlich an den Bühnenrand bringt- dadurch reichen die Risse, die Verletzungen bis in den Zuschauerraum, der hellerleuchtet bleibt.

Nanyadji Kagara/ Penda Diouf erzählt von den Verletzungen, als Schwarze in der Schule nicht anerkannt zu sein in Frankreich, erzählt von den eigenen Findungen der Identität.

Und erzählt vom Nationalhelden Hendrik Witbooi (ca 1830 bis 1905), der früh erkannte, dass die Deutschen die Nama betrogen. Er kämpfte in einem Guerilla-Krieg gegen die Kolonialisten, schrieb Tagbücher, starb an den Folgen einer Schussverletzung.

Die Tagebücher von Nama-Führer Hendrik Witboois sind Unesco-Welterbe. Im Heft des Spiegel gibt es auch Informationen und Fotos um den Betrug an den Nama, die von englischen Meilen ausgingen, als sie ihr Land verkauften, die Deutschen aber von der fast fünfmal so langen Deutschen Meile. So entstand die Lüderitz-Bucht und ihr Hinterland, die erste deutsche Kolonie.

Witbooi warnte vor dem Vertrag mit Reichskommissar Heinrich Göring, dem Vater von Nazi-Größe Hermann Göring – soviel zur Entstehungsgeschichte der Naziideologie. Bereits damals gab es, nachzulesen etwa im Spiegel-Heft auf Seite 79, die ersten so bezeichneten KZ, die Konzentrationslager…

Nanyadji Kagara/ Penda Diouf singt eine berührende afrikanische Weise und packt den Koffer aus: Ein Tuch, Sand, Kerzen. Es sind arme Kerzen, Teelichter. Sie singt und begräbt symbolisch den Nama-Führer, der die Deutschen nicht besiegen konnte. Bis heute wollen die Nama und Herero eine Entschädigung.

Langer Applaus nach eineinhalb Stunden für die hervorragende Leistung der Schauspielerin Nanyadji Kagara aus dem Tschad, den Text von Penda Diouf und Regisseur Aristide Tarnagda aus Burkina Faso, der das Stück einrichtete.