Frühlings Erwachen von Bonn Park nach Wedekind

Teenager sind fast 80 – Uraufführung „Frühlings Erwachen“ über heutige Ängste

Von Jo Achim Geschke |

Frühlings Erwachen Bonn Park

Frühlings Erwachen, im Bild Caroline Cousin auf Stelzen, Maria Pehe, Gregor Russ, Hartmut Misgeld, Petra Lehmann, Brigitte Fieber, Valentin Stückl (Stelzen) / Foto © Thomas Rabsch D Haus

Es sind zarte Momente, wenn die Alten als Teenager auf der Bühne sich näherkommen. Der vielfach ausgezeichnete Regisseur und Autor Bonn Park hat Frank Wedekind (um 1890) und dessen Zeit umgedreht, die „Teenager“ in seinem Stück sind fast 80-jährige Laiendarsteller, die Eltern/ Alten sind junge professionelle Darsteller*innen (Carolin Cousin und Valentin Stückl). Diese Eltern stelzen im Wortsinn über die Bühne, sind so mehr als zwei Meter groß und rufen die Alten/Teenager zur Ordnung. Und doch geht das Konzept nicht ganz auf.

Ganz großes Lob für alle Darsteller*innen, besonders die älteren erreichen das Publikum, auch wenn sie mal „Hänger“ haben, Profis lernen ja, damit umzugehen.  Cousin ist wie immer mit ihrem Blick und ihrer Mimik schon beeindruckend, wenn sie nur mit dem Kopf über der grauen Mauer erscheint und (als Mutter) die Kinder spießig an Konventionen ermahnt: „Der Rock ist zu kurz!“ oder ein durchgängiges Thema der Inszenierung formuliert: Die Kinder müssen „eisern sein“, „Du musst in die Armee!“

Wer Frank Wedekinds sogenanntes Skandalstück erwartet (veröffentlicht 1891, uraufgeführt 1906 unter Max Reinhardt in Berlin), irrt. Park ist bekannt dafür, dass er altbekannte Stücke nimmt und sie auf seine Art in die heutige Zeit umschreibt. „Frühlings Erwachen“ ist „eine Kindertragödie“, so der Originaltitel, in dem zwei Jugendliche Suizid begehen, und in dem Wedekind herb die Sexualmoral im Kaiserreich satirisch kritisiert.

Ängste der heutigen Zeit

Bei Park sind es eher die Ängste der heutigen Zeit, die den Akteuren zu schaffen machen. Und so sind die Alten eben fünf Teenies, die sich alle nacheinander umbringen.

Die „Jungen“ sind die Mutter, die Park in der Dramatis personae als „nahezu hoffnungslos“ und „3000 Angst“ beschreibt, oder den Direktor der Schule (dröhnend harsch und autoritär Valentin Stückl) als „krank“. Park beschreibt im Programmheft im Interview, wie sich bei Wedekind einerseits in den Beschreibungen die bald kommenden Kriege ankündigen, und heute ähnlich die Menschen von Ängsten geplagt werden.

Das von der Mutter wiederholte „ihr müsst eisern sein“ an die Jugendlichen erinnert hier wohl eher an Ängste vor Krieg, ja vor einem dritten Weltkrieg, oder auch vor der möglichen Wehrpflicht: Bei Park sagt die Mutter harsch „ihr müsst in die Armee“.  Die Mutter und der Psychiater sind bei Park die Alten aus Wedekinds Text, sie sind die angepassten und ängstlichen.

Moderne Zeiten

Aber dieses Umkehrung geht nicht ganz auf. Die Laiendarsteller*innen mit ihren fast 80 Lebensjahren – also 1945, nach Ende Weltkriegs II geboren – machen ihre Sache geradezu sensationell in den 90 Minuten des Stücks. Wobei nebenbei auch deutlich wird, dass viele Menschen und auch Darsteller*innen bis Ende 70 und darüber heutzutage noch ziemlich fit sind.

„Nur glücklich musst du sein“, sagt die Mutter einmal. Und die Jugendlichen / Alten stöhnen „Alles ist so trüb … In der Schule lerne ich nur Faschismus… und vom Schwarzen Freitag …. Ob Israel und Palästina je Freunde sein werden?“, fragt sich eine der Alten. Es sind durchaus Ängste und Sorgen aus den Tagen der unser aller vergangenen sechs bis 12 Wochen. Sie sollen ein „eiserner Mensch“ sein, die Jungen, wobei Assoziationen aufflackern von Maschinen, von Modernen Zeiten, von Soldaten im Dreck neben den kaputt geschossenen eisernen Maschinen.

Schöne Musik und viel Jubel

Ein Wort zur Musik: Das ganze Stück über begleitet Thorsten Drücker am Rand der Bühne das Geschehen live auf seiner Gitarre. Und das so schön und passend, dass man zusammen zuckt, als seine Musik kurz aussetzt.

Aber die Alten tanzen ausgelassen mit rockigen Jeansjacken zu Sounds der 80er unter einer Disko-Kugel. Eine von ihnen (Maria Pehe) singt solo ein englisches Lied.  Und doch: Diese Alten verschwinden, trotz liebevoller Annäherungen, nach und nach über die Todesrutsche, Mutter und Direktor legen die kleinen Särge darauf.

Am Schluss kommt Jubel auf und viel viel Beifall für das Ensemble, besonders für die fünf Alten / Teenager. Und doch bleibt der geneigte Zuschauer ein wenig ratlos, leicht verwirrt zurück.

Fazit

Diese Parallelen zu unsere Zeit, von denen Park im Interview spricht, die Ängste, diese Ängste, wie sie Park im Interview beschreibt,  vor der Zukunft mit einem profitorientierten Sozialen Medien, mit kapitalistisch dominierter KI, mit dem Statement von Vielen, dass sie keine Nachrichten aus der wirren Welt oder der erratischen Politik mehr sehen oder hören wollen – all diese Ängste, die es anders und doch ähnlich damals gab – gehen im Konzept der Umkehrung der Wedekindschen Vorlage nicht ganz auf.

Weitere Termine und Karten

https://www.dhaus.de/programm/spielplan/fruehlings-erwachen-2026/2131/

Besetzung

Teenies:

Wendla (kummervoll) Petra Lehmann

Melchior (schwermütig) Hartmut Misgeld

Martha (bange) Maria Pehe

Moritz (überwältigt) Gregor Russ

Ilse (verloren) Brigitte Fieber

Erwachsene

Melchiors Mutter (nahezu hoffnungslos), Wendlas Mutter (3000 Angst) Caroline Cousin

Der Direktor (im Dschungel der möglichen Konsequenzen), Der Psychiater (krank) Valentin Stückl

Rest: Tiere, Pflanzen, Sonne, Mond (ahnungslos und unbekümmert)

Live-Musik Thorsten Drücker

Regie Bonn Park

Choreografie Rebeka Mondovics

Bühne Julia Nussbaumer

Kostüm Sina Manthey

Musik Ben Roessler

Licht Christoph Stahl

Dramaturgie Anika Steinhoff

Dauer 1 Stunde 30 Minuten — keine Pause