Die Möwe von Anton Tschechow – Premiere im Schauspielhaus

Und die Möwe gleitet dahin – Tschechows Theaterstück mit aktuellen Bezügen

Von Jo Achim Geschke |

die Moewe Tschechow D Haus

Die Möwe von Tschechow, Sera Ahamefule und Ensemble/ Foto © Mathias Horn, D Haus

Die renommierte Regisseurin Barbara Frey inszeniert Tschechows „Die Möwe“ sehr ruhig in Moll. Dank ausgezeichneter Schauspielerinnen in diesem Ensemblestück wird es aber ein interessanter Theaterabend, der nur etwas mehr Dur und Presto vertragen könnte.

In einem Landhaus der gefeierten oder besser früher gefeierten Schauspielerin Irina Nikolajewna Arkadina trifft eine Gesellschaft sehr unterschiedlicher Menschen aufeinander. Die Schauspielerin (ausgezeichnet Anna Schudt)  dominiert eindeutig die anderen. Gemeinsam ist allen, dass sie an ihrem Leben zweifeln, nur Irina Nikolajewna Arkadina nicht, die sehr gradlinig ihren Ruf als vermeintlich erfolgreiche Mimin verteidigt.

Ätzende Kommentare

Ihr Sohn Konstantin Gawrilowitsch Treplew ( Marin Blülle) versucht sich als Schriftsteller und Dramatiker, wird in der Folge aber ständig von seiner Mutter runtergemacht. Er hat ein großes Gemälde als Bühnenbild seines Stücks hereingetragen, dass er vor der Gesellschaft aufführen will. Das großformatige Gemälde in realistischem Stil zeigt einen See, der von Wald umsäumt wird – eine Idylle, ein Arkadien. Konstantin spielt, als alle versammelt sind , mit seiner großen Liebe Nina Michailowna Saretschnaja zusammen.  Sera Ahamefule spielt diese unsichere, etwas naive 18-jährige wirklich ausgezeichnet.  Doch das Stück des Sohns kommt nicht an, seine Mutter verwandelt mit ätzenden Kommentaren und Ignoranz die Szenerie in ein klares Scheitern.

Das gesamte Personal Tschechows agiert am Rande des Scheiterns, man hört sich nicht zu, hat dennoch eine Meinung vor allem über die anderen. Der Bruder der Diva Pjotr Nikolajewitsch Sorin (großartig Ronald Kukulies) allerdings explodiert nach einer Schilderung seiner Miseria in ein ehrlich hinausgeschrienes „Ich will Leben!“ Der Arzt (Claudius Körber) verteidigt seine Immobilität unter einem „Ich bin nur Zuschauer, ich kann als Zuschauer nichts machen“. 

Sehr her, so seid ihr

Tschechow wertet aber nicht seine Figuren – er zeigt sie und den Zuschauer*innen mit einem „seht her, so seid ihr“. Das ist, wenn man es ernst nimmt, durchaus nicht immer angenehm beim Zuseehen.

Der Sohn will ein berühmter Autor werden, die Mutter hat einen Liebhaber, Boris Alexejewitsch Trigorin, der bereits sehr bekannt ist (sehr überzeugend : Guy Clemens). Und der Situationen ständig  darauf abklopft, ob sie für eine Szene taugen. Die 18-jährige Nina, die eine berühmte Schauspielerin werden will, himmelt ihn dennoch an, und Boris verführt sie. Nina wird auch später, als Mutter eines Kindes, die Suchende bleiben und dem Werben von Sohn Konstantin nicht nachgeben.

Suche nach Neuem inmitten eines Umbruchs

Sohn Boris sucht nach „Neuen Formen“, das Alte und damit seine Mutter sind ihm nicht wegweisend genug. Es gibt viele Parallelen zu Tschechows Leben, aber vor allem schrieb er das Stück 1895, in einer russischen Gesellschaft in einem Umbruch ähnlich wie heute. Damals dämmerte im Zarenreich die Revolution von 1917 herauf. Heute verharren viele Menschen in einer Ignoranz gegenüber zaristischen Bestrebungen in Russland, oder gegenüber der KI und ihren Folgen, die die liberale Demokratie bedrohen, wie der amerikanische Wissenschaftler Daron Acemoglu gerade darlegte (siehe Unten).

Der bekannte Autor Boris verführt zwar Nina, aber bleibt doch bei der Diva Arkadia. Deren Bruder will immer noch leben, der Arzt bleibt Zuschauer, der Gutsverwalter (Thomas Wittmann) hat keinen Erfolg bei der Diva, und die Tocher säuft weiter Wodka.

Bis der Sohn nach einem Abschied von Nina furchtbare Konsequenzen zieht.

Großes Lob für das Bühnenbild

Wenn zum Schluss auf der Bühne das Gemälde umfällt, der Latten-Hintergrund sich hebt, öffnet sich eine neue mehrschichtige Kulisse: Das Waldstück aus dem Gemälde steht da als Ensemble aus Bäumen und Wiese, und im Hintergrund scheint das Gemälde wieder auf – die mehrfachen Ebenen der Darstellung haben einen extra Applaus verdient.

Weitere Termine und Kartenbestellung unter

https://www.dhaus.de/programm/a-z/die-moewe/

Besetzung

Irina Nikolajewna Arkadina: Anna Schudt

Konstantin Gawrilowitsch Treplew, ihr Sohn: Marin Blülle

Pjotr Nikolajewitsch Sorin, ihr Bruder: Ronald Kukulies

Nina Michailowna Saretschnaja: Sera Ahamefule

Boris Alexejewitsch Trigorin: Guy Clemens

Ilja Afanasjewitsch Schamrajew, Verwalter: Thomas Wittmann

Mascha, seine Tochter: Linda Rohrer

Jewgenij Sergejewitsch Dorn, Arzt: Claudius Körber

Semjon Semjonowitsch Medwedenko, Lehrer: Langston Uibel

Regie Barbara Frey

Bühne Martin Zehetgruber

Mitarbeit Bühne Stephanie Wagner

Kostüm Esther Geremus

Licht Christian Schmidt

Ton Yannick Rieke

Dramaturgie Emilia Heinrich

Zu Wissenschaftler Darin Acemoglu  und seinem neuen Buch:

https://www.fischerverlage.de/buch/daron-acemoglu-das-liberale-versprechen-9783103977653

https://de.wikipedia.org/wiki/Daron_Acemo%C4%9Flu