Eine nostalgisch-kritische Erinnerung an den 1. Mai
Adé 1ter Mai - eine Reminiszenz mit aktuellem Bezug
Von
Jo Achim Geschke
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1.Mai Omas gegen Rechts
Omas gegen Rechts am 1. Mai 2026 / Foto: Jo Achim Geschke, NDOZ
Ach, wie schön war das früher im Hofgarten, an der Reitallee, als wir dort jahrelang den 1. Mai feierten. Den Tag der Arbeit, an dem wir ein Würstchen aßen oder bei den kurdischen Ständen würzig Gegrilltes holten — und anschließend zur Wiese nebenan gingen, wo die Musik spielte. Jedes Jahr trafen wir dort viele Freunde. Heute sind sie Professorinnen, Angestellte, Selbstständige oder Studiendirektorinnen. Aber das ist nicht der Grund, warum sie alle — und auch ich — den Ort der Maifeier am Rhein nicht mögen. Dort fehlt zu viel, nicht nur für Kinder. Der Ort hat wenig Atmosphäre. Und die Tausenden Spaziergängerinnen und Spaziergänger an der Rheinpromenade biegen meist schon zum Fluss ab, bevor sie überhaupt an den Ständen der Gewerkschaften oder Parteien vorbeikommen.
Vom Hofgarten an den Rhein: Was beim 1. Mai verloren ging
Um eines gleich vorab klarzumachen: Die Gewerkschafter:innen und Ehrenamtlichen, die den 1. Mai seit einigen Jahren am Rhein organisieren, leisten sehr viel Arbeit, damit andere feiern können. Da muss vieles vorbereitet, abgestimmt und betreut werden. Viele Gewerkschafter:innen sind zudem als Ordner:innen bei der Demonstration von der Innenstadt zum Rhein unterwegs — und auch beim Fest selbst noch im Einsatz. Auch das ist oft eine undankbare Aufgabe, erst recht inmitten maulender Gäste.
Aber der Ort: so direkt vor der Staatskanzlei. Höchstens das ehemalige Mannesmann-Hochhaus erinnert noch an Zeiten, in denen viele Beschäftigte großer Industriewerke beim Maifest am Tag der Arbeit mitfeierten.
Früher saßen wir zusammen auf den Bänken unter den Bäumen im Hofgarten und trafen viele, viele Freunde. Die einen tranken ein Bier, die anderen etwas Alkoholfreies. Man unterhielt sich lange über Politik und Gesellschaft, tratschte auch ein wenig — höchstens unterbrochen von den Trommeln der Salsa-Band.
Grillende Aleviten 1. Mai 2026 Düsseldorf
Grillende Aleviten beim 1.-Mai-Fest am Rhein / Foto: Jo Geschke, NDOZ
Johannes-Rau-Platz: Bänke, Bühne — aber kaum Gespräche
Heute stehen am Johannes-Rau-Platz — dankenswerterweise — viele Bänke zum Ausruhen. Leider befinden sie sich direkt neben der Bühne. Sobald die Reden verklungen sind, dröhnt von dort die Musik der Band. Die Band ist gut, keine Frage. Doch die Lautstärke verhindert leider genau das, was den 1. Mai früher ausmachte: nette Gespräche, Begegnungen, Austausch.
Tanz vor der Bühne 1. Mai 2026 Düsseldorf
Tanzende Mädchen vor der Bühne am Johannes-Rau-Platz / Foto: Jo Geschke, NDOZ
Heute gehen bei schönem Wetter — wie am vergangenen Freitag — Tausende Menschen an der Rheinpromenade entlang. Allerdings biegen die meisten nach rechts zu den Wiesen ab und gehen über die untere Rheinpromenade am Strom entlang. So kommen sie gar nicht erst zu den Ständen der SPD oder der Gewerkschaften wie IG Metall und Verdi, die rund um die — meiner Meinung nach zu laute — Bühne stehen.
Jacques Tilly Putin-Satire-Wagen 1. Mai 2026
Putin-Satire-Wagen von Jacques Tilly beim 1. Mai 2026 — bekannt aus dem Düsseldorfer Rosenmontagszug. Satire als Gegenwehr. / Foto: Jo Geschke, NDOZ
Man trifft zuerst auf eine umstrittene Kleinpartei
Wer von der Altstadt in Richtung Apollo Varieté schlendert, trifft auf der Rheinpromenade zunächst auf den Stand von MERA25. Die Partei ist der deutsche Ableger der paneuropäischen Bewegung DiEM25 und politisch umstritten. Die Jungle World berichtete im Oktober 2025, dass MLPD, MERA25 und SDAJ Münster zu einer Demonstration am zweiten Jahrestag des Terrorangriffs der Hamas auf Israel aufgerufen hätten. Bei der Veranstaltung vor dem Hauptbahnhof Münster sei der Angriff vom 7. Oktober 2023 von einem Demoredner als „in großen Teilen“ erfolgreiche Widerstandsaktion bezeichnet worden. (jungle.world)
Mera25-Stand mit Artikeln in Palästinenser-Farben / Foto: Jo Geschke, NDOZ
Exkurs - Palästina-Fahnen und politische Einordnung
Die Farben am Stand von MERA25 — und die Palästina-Flaggen, die auf der Demonstration zu sehen waren — verweisen auf einen Konflikt, der sich nicht in Parolen auflösen lässt. Palästina wird zwar inzwischen von mehr als 150 UN-Mitgliedstaaten anerkannt, ist bei den Vereinten Nationen aber weiterhin kein Vollmitglied, sondern seit 2012 ein Nichtmitgliedstaat mit Beobachterstatus. Ein souveräner, allgemein anerkannter Staat mit voller Kontrolle über Gebiet, Grenzen und Regierung existiert faktisch bis heute nicht.
Auch historisch ist die Lage komplexer, als es viele politische Schlagworte nahelegen. Jüdinnen, Juden, Araberinnen und Araber lebten über lange Zeit in derselben Region — nicht immer konfliktfrei, aber auch nicht zwangsläufig getrennt und zerstritten. Heute wirkt ein solches Zusammenleben für viele kaum vorstellbar. Die Journalistin und Nahost-Expertin Natalie Amiri beschreibt in ihrem Buch „Der Nahost-Komplex“ die Region als Geflecht aus Geschichte, Gewalt, Ängsten, Hoffnungen und politischen Blockaden. Unter der derzeitigen Politik der Netanjahu-Regierung erscheint eine Zwei-Staaten-Lösung — oder gar ein gleichberechtigtes Zusammenleben von Arabern und Juden in einem gemeinsamen politischen Rahmen — auf absehbare Zeit kaum realistisch.
Palästinenser-Fahne in der Demo / Foto: Jo Geschke, NDOZ
Jüdische Düsseldorferin berichtet von Beleidigung am MERA25-Stand
Dass der Nahost-Konflikt inzwischen bis zum Maifeiertag in Düsseldorf wirkt, ist nicht verwunderlich. Verwunderlich und nicht hinzunehmen ist allerdings, was sich am Stand von MERA25 ereignete: Eine bekannte Düsseldorfer Jüdin, die dort gegen den Stand der Partei und gegen Plakate wie „Menschenrechte statt Deportationen“ protestierte, wurde von einer Frau am MERA25-Stand beleidigt. Der Vorfall wurde der Redaktion vor Ort von einer Zeugin bestätigt. Die Frau erstattete Anzeige.
Kurz darauf wurde die Frau von einem Hauptkommissar harsch angegangen. Im Beisein unseres Autors verweigerte der Beamte ihr, seinen Namen noch einmal zu nennen. Erst auf Nachfrage unseres Autors nannte er diesem seinen Namen. Die Frau legte noch am Sonntag Dienstaufsichtsbeschwerde bei der Polizeipräsidentin ein.