„Annette, ein Heldinnenepos“, Premiere im D’haus

„Annette, ein Heldinnenepos“, Geschichte einer realen Kämpferin

Von Jo Achim Geschke

Annette Heldinnenepos D Haus

Annette, ein Heldinnenepos, mit (v.l.) Sebastian Tessenow, Judith Bohle, Fnot Taddese, Friederike Wagner / Foto © Sandra Then, D‘haus

Es ist ein Leben aus mehreren Leben, ein gefährliches Leben, das diese Bretonin in der Résistance im zweiten Weltkrieg und als Teil der FLN im Algerienkrieg gegen die Kolonialmacht Frankreich lebte. Regisseurin Bernadette Sonnenbichler- die 2020 die hinreißende „Lulu“ inszenierte – macht aus Anne Webers Buch über Anne Beaumanoir mit vier Darsteller:innen und einem Musiker auf der Bühne ein Stück über Widerstand, Auflehnung, Humanität und kompromisslose Entscheidungen. Ein Theaterabend, der das Publikum diesem Leben gebannt, atemlos, folgen lässt.

Regisseurin Bernadette  Sonnenbichler bringt das Epos als fortlaufendes Epos  mit Auseinandersetzungen über das Leben und die Beweggründe dieses kämpferischen Daseins auf die große Bühne.

Drei Schauspielerinnen, ein Schauspieler, ein Musiker auf der Bühne. Was ´zunächst verblüfft, wächst zu einem intensiven  Dialog, der die Zuschauer:innen  mitnimmt in das Leben der Französin Anne Beaumanoir, und in die Reflektion über der Beweggründe / die Motivation der Bretonin. Judith Bohle, Fnot Taddese, Friederike Wagner und Sebastian Tessenow ziehen das Publikum hinein in diese Schilderungen, bis sie abrupt unterbrechen und fragen: Hätte sie sich nicht anders entscheiden können ? Warum hat sie sich so entschieden?

Anne, oder Annette, wie sie im Epos heißt, wird als junge Frau Kurierin für die Résistance. Sie rettet mit einem Freund zwei jüdische Kinder in Paris vor den Nazis. Ihr Weg mit den Kindern durch Paris wird illustriert durch die Projektion eines Stadtplans, in den Judith Bohle live die Flucht durch die Gassen einzeichnet. Die echte Anne Beaumanoir wurde für die Rettung der Kinder 2016 in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem mit ihren Eltern als „Gerechte unter den Völkern“ geehrt.

Die Bretonin studiert Medizin, ist Mutter mehrerer Kinder… da beginnt in Algerien etwas, was bis 1999 in Frankreich nur „Ereignis“ genannt wird. Es ist ein blutiger, brutaler Kampf auf beiden Seiten, auf Seiten der FLN, der Befreiungsbewegung der Algerier, und der Kolonialmacht Frankreich, die auch gnadenlos auf algerische Demonstranten schießen lässt.

Annette wird verhaftet, gefoltert, obwohl schwanger. Auf der Bühne erscheint DeGaulle als Maske und als Originalton. Aber erst Macron hat 1999 die Kämpfe damals als „Krieg“ bezeichnet.  

Die schwangere Annette wird zu 10 Jahren Gefängnis verurteilt. Berühmte Freunde auch in Frankreich setzen sich für sie ein, aber der französische Staat bleibt hart. Durch ein Täuschungsmanöver und Hilfe von Freunden gelingt die Flucht. Dies wird ihr Leben verändern, sie wird ihre Kinder nicht mehr sehen, wird nicht mehr nach Frankreich einreisen können. Eine (verbotene) geheime französische Organisation, die die FLN brutal bekämpft, die OAS, trachtet ihr nach dem Leben. Auch als Annette eine Klinik für Neurophysiologie leitet.

Nie nur schwarz-weiß

Die Bühne bekommt bei diesem Teil des Epos, dass nie nur Heldenverehrung ist, schließlich mehrere Ebenen, die Kulisse, die Projektion der alten Fotos, die mobilen Fotos, der Vorhang als Leinwand. Die Möbel, das Klavier wirken eher wie eine vergessene Kulisse, es ist teils ein Aufnahmestudio mit Mikrophonen, teils Gefängniszelle, ist Straße oder eben Bühne und Ort der Frage: Warum entscheidet sich ein Mensch, für Grechtigkeit, für Freiheit und Menschenrechte zu kämpfen ? Und die Bühne bleibt nie nur schwarz-weiß.

Autorin Anne Weber traf die Bretonin Annette / Anne Beaumanoir 2017 in Dieulefit, da ist die echte Anne bereits 94 Jahre alt (1923 in der Bretagne geboren). Autorin Weber und die 94-jährige Ärztin freunden sich an, Weber schreibt ein Buch über die ehemalige Resistance-Kämpferin.

Im Gespräch mit Generalintendant Wilfried Schulz vor der Premiere beschreibt Autorin Weber, wie die Französin auf ihr Buch reagierte: „Formidable. Aber das bin nicht ich.“ Es ist, das wird Weber deutlich, auch ein Text über ihre Sicht auf die Bretonin.

Langer Jubel und Applaus für die Schauspielerinnen und Schauspieler, für den Musiker und für das Team um Regisseurin Sonnenbichler.

Nur drei Wochen vor der Premiere starb Anne Beaumanoir im Alter von 98 Jahren in der Bretagne.

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