Meine Eltern waren damals – von Stettin aus – einige Male in Berlin, erzählten sie, in den legendären Kabaretts der 20er Jahre, in der Zeit des Aufbruchs in der Demokratie. Die Studierenden des Düsseldorfer Schauspielstudios brachten, mit dem wunderbaren Mats Johan Leenders am Flügel, Holländers Erinnerungen und seine Lieder im Kleinen Haus auf die Bühne. Die sieben Frauen und Männer sind 22 oder 23 Jahre alt – aber was für Talente.
„Johnny, wenn Du Geburtstag hast...“ haucht Anastasia Schöpa ins Mikro, Holländers Song von 1920, den kann man noch heute im Netz von Marlene Dietrich hören. Schöpa haucht ihn ins Mikro, nachdem sie stehend ganz locker vom Frack zum Glitzerkleid gewechselt hat. Jonas Hack im Frack verbindet die Lieder mit Texten aus Holländers Erinnerungen.
Die fesche Lola
Und dann kommt Flavia Berner mit dem berühmten Song aus dem „Blauen Engel“ von 1930, „Ich bin die fesche Lola“, unvergessen. Der zweiten Song aus diesem Film, im Original von Marlene Dietrich gesungen, ist „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“ – und den singt, kongenial, mit langen schwarzen Handschuhen, Maurice Schnieper. Und erntet rauschenden Szenenapplaus.
Das Tingel-Tangel
Holländer gründete, nach mehreren Auftritten an andren Häusern, unter dem berühmten „Theater des Westens“, sein Kabarett Tingel-Tangel. In dem die legendäre Josephine Baker 1928 auftrat (Bananen-Tanz Baker war nach 1937 Mitglied der Resistance in Frankreich.
Aus diesem Keller-Kabarett bringt Anastasia Schöpa die Revue-Nummer „Die Notbremse“, ein Bravourstückchen, mitreißend, unnd auch sie bekommt den verdienten Szenenapplaus.
Wachsam sein
Jonas Hanke erinnert mit Holländers Erinnerungen immer wieder an die Zeit, in der die Freiheit der Weimarer Republik, trotz aller düsteren Wolken, immer wieder aufblinkt, Und von den Texten bleiben Sätze hängen, die die Zuschauenden immer wieder ins die Jetztzeit zurückwerfen: „Wir die wir Worte haben, müssen wieder wachsam sein“, heißt es einmal.
Antisemitismus
Holländer musste wegen seiner jüdischen Abstammung Deutschland verlassen, zuvor hatte er den Antisemitismus mit einem Song verspottet. Bedrückend ist die Darbietung der sieben jungen Mimen mit diesem Song „An allem sind die Juden schuld“ von 1931, denn viele kennen diese Satire als bittere Szene aus der aktuellen Serie „Babylon Berlin“ im Fernsehen. Darin überrollen Gestapo-Schergen das kleine Keller-Kabarett und singen grölend nur die erste Zeile. Und der Antisemitismus erstarkt schon wieder in Deutschland.
Die Angst der Flüchtenden
Zu den Zahlen, etwa „30 Millionen Arbeitslose“, klingen schon die Stiefeltritte der Nazis im Gedächtnis auf. Und die Stimmen, die Holländer zitiert, die sagen, „ihr übertreibt, es wird sich schon geben …“, diese Stimmen, die Jonas Hanke zitiert, die doch so aktuell klingen.
Holländer beschreibt auch bedrückend die Angst, die die Flüchtenden im Zug nach Paris haben. Und das Ensemble singt schließlich Holländers „Die Ruinen von Berlin“, aus dem Film von Billy Wilder von 1948.
Standing Ovation
Und nachdem Mats Johan Leendrs am Flügel noch einmal den Titelsong spielt, brandet der Jubel auf, und mit Standing Ovation werden die jungen Schauspieler*innen für diese großartige Revue gefeiert.
Und wenn ich mir was wünschen dürfte, wäre es, dass wir diese Zeiten nicht noch einmal erleben müssen, nur die vor 1932, mit den freien und vielfältigen Kabaretts der Zeit Friedrich Holländers.
Weitere Termine
Besetzung :
Am Flügel Mats Johan Leenders
Die Studierenden des Schauspielstudios:
Ludowika Held, Alisa Lien Hrudnik, Anastasia Schöpa, Flavia Berner, Maurice Schnieper, Jonas Hanke, Vincent Wiemer,
Künstlerische Leitung André Kaczmarczyk, Toni Jessen, Yascha Finn Nolting
Musikalische Leitung Matts Johan Leenders
Licht Aliki Anagnostakis
Ton Yannik Rieke
Dramaturgie Stijn Reinhold
Sprechunterricht Robert Zimmermann
Düsseldorfer Schauspielstudio 2026/27
Studioleitung André Kaczmarczyk, Stijn Reinhold, Anika Steinhoff
Sprechunterricht Prof. Florian Reiners
Musikunterricht Matts Johan Leenders, André Kaczmarczyk
Zu Friedrich Holländer



