Ein neuer Schimmelreiter nach Theodor Storm – Junges Schauspiel

„Der Schimmelreiter oder die Welt vom Ende her denken“ im Jungen Schauspiel

Von Jo Achim Geschke |

Schimmelreiter Junges Schauspiel

Schimmelreiter von Juliane Kann, mit Eva Maria Schindele und Eduard Lind/ Foto © David Baltzer, Junges Schauspiel

Der Deich, die Sturmflut, ein überflutetes Dorf: Die Erhöhung des Meeresspiegels ist immer wieder Thema der Debatten um die Erwärmung der Erde und den Klimawandel, der uns bedroht. Aktuell sind es eher die Städtchen etwa an der Ahr, wo die Menschen unter der Flut leiden. Der Schimmelreiter, diese Schullektüre, die fast jeder kennt, die Theodor Storm schrieb, hat da bedrückende Aktualität. Regisseurin Juliane Kann hat ihn neu geschrieben, und mit dem Titel „Der Schimmelreiter oder die Welt vom Ende her denken“ von Juliane Kann ist ein sehr sehenswertes, aktuelles Stück im Jungen Schauspiel an der Münsterstraße entstanden, das sehr gut für Schulklassen taugt.

Die Bühne ist ein Deich aus gesammeltem, gespülten Plastikmüll. Alle im Jungen Schauspiel haben gesammelt und gespült (Bühne und Kostüm Marie Gimpel), um den Berg an Plastikmüll für die Bühne zusammen zu tragen. Davor tanzen Eva Maria Schindele als Hauke Haien und Eduard Lind als Elke Volkerts beeindruckend im Harlekinkostüm herum, und dass die Frau den Hauke spielt, ist eben auch – aktuell: Es stellt die Rollenzuschreibungen der damaligen Zeit mit heutigem Wissen in Frage.  Das Stück glänzt neben den gelungenen Dialogen mit aktionsreicher Choreografie und mit witzigen Einlagen: Hauke und Elke sitzen da auf dem Fahrrad und blasen durch Strampeln über einen angeschlossenen Ventilator eine Figur aus Plastik auf oder bringen ein Licht zum Leuchten. Da muss auch schon mal ein Zuschauer aus der ersten Reihe ran. Und wenn der Liebe Gott zitiert wird, heißt es: „Er Sie Es hat gesagt …“

Für den Norddeutschen Theodor Storm (1817 bis 1888) war der Schutz vor den verheerenden Sturmfluten an der Küste das Thema. Wir schauen heute auf Tonnen von Plastikmüll, die täglich im Meer landen, teils auch im Bauch der Fische. Und wir wissen, dass der ansteigende Meeresspiegel auch das norddeutsche Wattenmeer und die Küstenregionen zwischen Norddeich und Föhr bedroht.

Die beiden finden im Plastikmüll Papier („Wer hat das da wieder reingetan? War wieder keiner“ sagt Hauke). Was sie da finden, kennen wir alle aus der Schule  bis heute: Ein Reclamheft mit „Der Schimmelreiter“.

Da steht Hauke mit einem Bein auf dem Müll … Wanderer über dem Nebelmeer, das romantische Bild, heute wäre es Wanderer über dem Müll-Meer, meinen die beiden. Und es bleibt nicht bei Bezügen zur Kunst:

Welches Verhältnis haben wir eigentlich zur Natur, zu Naturereignissen ?

Da rollt in Kommentaren, Texten und Gesprächen „eine Lawine heran“, es gibt einen „erdrutschartigen Sieg“, da wird Staub aufgewirbelt … aber die Verbindung zur Natur, wo ist die heute ?  Natur ? Heute ist Wachstum, Wachstum wichtiger.

Und beim „Was wollen wir?“ da klingt eindeutig schon „Friday for Future“ an, Luise Neubauer und Greta Thunberg. Wie wollen wir zukünftig leben? Und klar ist auch: Diese Zukunft wird jetzt bestimmt, es ist die letzte Chance, bevor Sommer mit 40 Grad im Schatten zur kühlen Alternative gehören. (Das ist übrigens aus einem anderen Buch, von Frederike Otto.)

Es ist eben ein Stück ab 12 Jahren, und ein sehr gelungenes Stück voller Witz und Pointen, denn die beiden Darsteller:innen und Autorin und Regisseurin Juliane Kann haben die Fragen, die eine Mehrheit der jungen  Generation heute stellt, aufgenommen. Kinder sind eben nicht „unsere Zukunft“, sondern Gegenwart. Die „Welt vom Ende her denken“  heißt hier, für eine mögliche Zukunft zu denken, heißt es im Programmheft.

Lehrer:innen, Schulen, kulturelle Einrichtungen können sich an das Junge Schauspiel wenden, um diesen „Schimmelreiter“ zu sich auf die Bühne zu holen.

Kontakt Junges Schauspiel, Münsterstraße 446, Telefon: 0211 8523710

https://www.dhaus.de/programm/a-z/der-schimmelreiter/