Schauspielhaus Premiere : Rainald Goetz „Reich des Todes“

Die Geflechte des Bösen – Rainald Goetz „Reich des Todes“

Von Jo Achim Geschke

Reich des Todes D Haus

Rosa Enskat, Melanie Kretschmann, Sabine Waibel in „Reich des Todes von Rainald Gotz/ Foto Thomas Rabsch D Haus

Was übrig blieb von den Doppeltürmen, die Stahlgitter der Konstruktion, die am 9/11, am 11. September 2001 zurückblieben: Rainald Götz „Reich des Todes“ spielt in diesem Gitternetz, in diesem Geflecht. Sieben Schauspielerinnen bringen den fordernden Text auf die Bühne, die den Schauspielerinnen und dem Publikum viel abverlangen – aber diese Inszenierung ist hochaktuell und sollte noch lange zu Diskussionen anregen: Über die Gefährdung der Demokratie, die Gefahren von Fakenews und der Verwandlung von demokratischen Staaten und Politikern hin zu Machtmissbrauch, Überwachungsstaat, Folter.

Das genial vereinfachte Bühnenbild von Olaf Altmann bringt die Schauspielerinnen dazu, wie über Laserstrahlen von Alarm- und Sicherheitsanlagen hinwegzusteigen – „Mission Impossible“ steigt als Assoziation auf, das ikonographische Foto der Ruinen des „World Trade Center“  – und dieses Geflecht des Bösen wird durch einen Strahl eines Bühnen-Scheinwerfers zu einem niedrigen Gang im Gefängnis. Die sieben Schauspielerinnen verkörpern darin meist im Stakkato-Sprech mal die Regierung mit ihren Kriegsministern und Geheimdienstchefs, mal die Soldat:innen im Gefängnis und auch den „Hades“.

„Die Welt ist kein Rumsfeld“

In dem siedelt Goetz bekannte Namen an wie Bush (George W. Bush, Präsident der USA), Dick Cheney (war mit der Waffenlobby verbunden), oder Donald Rumsfeld (Rumsfeld, Kriegs- bzw. Verteidigungsminister). So manchem hallen noch die Proteste in den Ohren gegen den Golf- und Irak-Krieg, „Die Welt ist kein Rumsfeld“  stand auf Plakaten.

Die zeitweise vielzitierten Massenvernichtungswaffen, die eine Fake-Quelle auf einem LKW verortete, die ein amerikanischer Minister vorführte - sie wurden nie gefunden. Auch sie kommen in dem Text vor, den Rosa Enskat, Claudia Hübbecker, Cathleen Baumann, Sophia Burtscher, Melanie Kretschmann, Sabine Waígel, und Ines Marie Westernströer in einem Text-Parforceritt mal über, mal unter den Stahlseilen des Geflecht hindurch spielend, auf die Bühne bringen. Die Musik wird life eingespielt von Musiker:innen, die im Orchestergraben sitzen.

Wahrlich bedrückend wird es, wenn die herausragende Rosa Enskat im Nadelstreifen eine politische Rede hält und sie abschließt mit „Heil Hitler ihr Ärsche!“. Goetz und Regisseur Stefan Bachmann (Intendant des Schauspiels Köln) schlagen den Bogen weit. Die Agierenden treten zu Beginn auf in Kostümen der Zeit der Französischen Revolution, oder in den Tarnanzügen einer Armee. Und Machtmissbrauch hat einen lange Geschichte, und so treten die folternden Soldat:innen schließlich auf in SS-Uniformen.

I never promised you a rose garden

Gänsehaut und Horror erfasst den Zuschauenden, wenn Rosa Enskat locker tanzend  den Song „I never promised you a rose garden“ anstimmt. Das führt geradewegs durch die Geflechte zu Soldat:innen in Tarnanzügen, die eigentlich zu jeder Armee passen. Das Böse ist trivial ….

Hier aber gehören sie zu den Schilderungen von Folter und Misshandlung, wie sie vor allem in Guantanamo, oder im Gefängnis von Abu Ghraib inzwischen weitgehend dokumentiert sind. Es sind harte Schilderungen auf der Bühne, die aus der Realität der Soldat:innen und der Gefolterten kommen. Die Folter, die alle Politiker damals verneinten – nein, gibt es nicht bei uns – und die doch aus dem Geflecht des Bösen heraus ans Licht kam. Und die in einem Rechtsstaat, in einer der Ursprungsländer der Demokratie, eigentlich nicht geschehen, erst recht nicht verdeckt werden durfte.

Nein, es ist keine Abrechnung mit den USA nach dem Motto „Alles in netter Form“.  Aber es ist auch nicht nur ein Thema zu den USA und den Kriegen, deren eine furchtbare Auswirkung wir jetzt bei der Katastrophe in Afghanistan sehen können.

Mahnung zur Kontrolle der Macht

Es ist die Mahnung, dass sich (unkontrollierte) Macht verselbständigt. Dass durch Medien und Politik die Demokratie sich umkehren kann in ihr Gegenteil. Das das Geflecht des Bösen banal ist - und hocheffektiv sein kann.

Es ist kein einfaches nettes Stück, es mutet uns als Zuschauer:innen den Kraftakt des Zuhörens und Mitdenkens und des Nachdenkens zu.

Und es ist aktuelles, großartiges Theater in dieser Inszenierung von Stefan Bachmann, dem Intendanten des Schauspiel Köln, mit dem die Düsseldorfer  eine Koproduktion eingegangen sind, und das am 30. Oktober auch Premiere in Köln hat.

 Langer lauter Jubel und Applaus, vor allem für die ausgezeichneten und stark geforderten sieben Schauspielerinnen, und auch den Autor, den der Regisseur zum Applaus auf die Bühne bat.

Weitere Aufführungen und Karten unter www.dhaus.de