Premiere im Schauspielhaus Dürrenmatts „Die Physiker“

Die Physiker oder: Corona und Klimawandel, da war doch was ?

Von Jo Achim Geschke

Physiker Th Rabsch D Haus

Die Physiker werden weggeschoben ( Foto © Thomas Rabsch, von links Claudia Hübbecker, Thiemo Schwarz, Cathleen Baumann, Kilian Ponert, Rainer Philippi)

Dürrenmatts „Physiker“ sind klassischer Stoff an Schulen und Bühnen. Die Inszenierung von Robert Gerloff im Kleinen Haus ist denn auch recht gelungen. Dank der ausgezeichneten Schauspieler_innen und der verblüffenden, tollen Live-Musikerin Lila-Zoé Krauß ein angenehmes Erlebnis in Corona-Zeiten, endlich wieder Theater genießen zu können. Allerdings eine Inszenierung mit einem großen „Aber…“

Dürrenmatt schrieb sein Stück 1961, Uraufführung 1962. Da gabs den kalten Krieg und in Deutschland noch Übungen mit Aktentasche im Nacken unterm Tisch (gegen Atombombenangriffe). Die Frage nach Wissenschaft und Ethik war: Darf man die Zerstörung der Menschheit in Kauf nehmen, indem ein Wissenschaftler die physikalischen Grundlagen legt?

Heute ist die Frage nach Wissenschaft und Ethik durch die Frage bestimmt: Nehmen Sie die wissenschaftlichen Thesen und Erkenntnisse ernst oder nicht an? Es ist eine Lehre der Corona-Zeit und der Erkenntnisse des menschengemachten Klimawandels.

Unweit des Schauspielhauses hängen die Plakate der Partei der „Querdenker“, die wenn überhaupt, nicht quer, sondern verquer denken. Es sind, neben den Evangelikalen, die Leugner wissenschaftlicher Erkenntnisse und der ethisch-politischen Entscheidung, zum Wohle aller auch individuelle Einschränkungen hinzunehmen.

Blick auf Corona-Forschung

Selten in unserer neueren Geschichte haben wir Laien so gespannt auf neue wissenschaftliche Erkenntnisse geschaut wie in der Corona-Zeit. Wie der Markt diese verwertet, sprich die Pharmaindustrie, ob neoliberal wie Dürrenmatts Anstaltsärztin Mathilde von Zahnd (Claudia Hübbecker), muss sich noch zeigen. Wirtschaftliche Klugheit führte bisher dazu, dass etwa die EU Millionen Impfdosen an arme Länder verschenkt.

Corona und die Entwicklung der Impfstoffe haben uns nochmals gezeigt, dass Wissenschaft nicht nur bei Robert Koch oder Alexander Fleming durchaus hilfreich für die Menschen sein kann, wenn der Markt um die Ausbeutung ihrer Erkenntnisse politisch etwas gebremst wird.

Missachtung des Klimawandels

Aber die größte Wissenschaftsleugnung ist die Missachtung des Klimawandels. Schließlich haben renommierte Klimaforscher_innen wie Frederike Otto schon voriges Jahr mahnend geschrieben, dass wir Sommer mit 45 Grad durchaus öfter erleben werden -  als die kühlere Ausnahme … Wissenschaftler warnen, Greta Thunberg warnte schon lange, Friday for Future warnte … und es gibt noch immer Politiker, die wegen einer verheerenden Regenflut nicht die Politik verändern wollen. Oder aus klar einseitigen wirtschaftlichen Interessen nicht aus der Braunkohle aussteigen wollen.  Auch der Verbrennungsmotor ist (Ingenieurs-) Wissenschaft, wenn auch die Frage erlaubt ist, ob zum Wohle der Menschheit.

Die Frage ist also für drei fiktive Physiker, ob sie sich zurückziehen wollen oder weiter mahnend auf die Zerstörung der Welt durch ein überhitztes Klima hinweisen wollen. Diese ethische Frage, die auch Dürrenmatt aufrief, kommt in dieser Inszenierung etwas zu kurz.

Großartige Schauspieler_innen

Aber Rainer Philippi zeigt wieder sein wunderbar komisches Talent als Newton, Cathleen Baumann ist ein überzeugend verrückter Einstein ( oder doch Newton?), Fnot Taddese als Neue im Ensemble überzeugt wirklich, auch Thiemo Schwarz als Polizist und gnadenloser Oberpfleger. Und wer den Seitenblick riskiert und Lila-Zoé Krauß sieht, wie sie schwungvoll leise die Gitarrenseiten oder den Synthie bearbeitet, möchte die Musikerin gleich öfter sehen.

Wenn Rainer Philippi seine komödiantisches Können zeigt, wird klar, es ist auch eine Komödie. Im Gedanken an Klimawandel und Coronaleugner ist mir manchmal allerdings das Lachen im Hals stecken geblieben.

Allemal sehenswert, schon wegen der ausgezeichneten Schauspieler_innen.

Es ist von allen eine wunderbare schauspielerische Leistung, die mit ganz viel Applaus und vielen Vorhängen belohnt wird.

Für den 10.10. und den 25.10.sind noch Karten zu haben, mehr unter www.dhaus.de

Kleine Randbemerkung: Es gibt einen ausgezeichneten Film „Die Physiker“  von 1964, der oft in Schulen gezeigt wurde (ich habe ihn gesehen), mit der großen Therese Giese, und als Möbius Wolfgang Kieling - er ist Vater des „Otto“ in der beliebten Fernsehreihe „Ein starkes Team“, des Schauspielers Florian Martens.