Identitti von Mithu Sanyal als Uraufführung im D´Haus

„Identitti“ von Mithu Sanyal oder witziger Diskurs zu: Wo kommen Sie denn her ?

Von Jo Achim Geschke

Identitti - S Then, D Haus

Identitti von Mithu Sanyal, Serkan Kaya als „Kali“ liest Mithu Sanyal / Foto © Sandra Then D´Haus

Großartig, dass das Schauspielhaus so aktuell ein Stück auf die Bühne bringt, nach einem Buch, dass für den Deutschen Buchpreis nominiert war, dass auf den Bestseller-Liste stand und nicht zuletzt von der Düsseldorferin Mithu Sanyal als ihr erstes Bühnenstück geschrieben wurde. Eine aktuelle Diskussion über Feminismus und Rassismus, die auf der Bühne trotz ernstem Thema dank bestens aufgelegter Schauspieler_innen mit großer Spielfreude und Witz zu einem unvergesslichen Theaterabend gelingt. Coronabedingt gibt es keine Pause, so dass Schauspieler_innen zwei Stunden durchspielen müssen.

 Die Ironie und der Witz des Buches ist auf der Bühne immer wieder spürbar:  Große Spielfreude und Spaß etwa bei der Szene in der Studentinnenbude, in der die indische Göttin „Kali“ (Serkan Kayaganz in blau ) auf dem Bett auch mal in Mithu Sanyals echtem Buch „Vulva“ blättert,  und  in der die mitreißende Cennet Rüya Voß als „Nivedita“  mit Cousine „Priti“ ( Amina Merai ) und Kali als unsicherem Jungen eine Sexszene mit Kokosnüssen in schönster Albernheit darstellt.  

Und wenn Serkan Kaya als blaue „Kali“ im Model-Wiege-Schritt auf hohen Absätzen (diese Schuhe !!) über-lasziv über die Bühne geht, nein schwingt, oder plötzlich Belafontes „Coconut-Song“ schwungvoll und gewohnt gekonnt intoniert, gibt es bestens verdienten Szenenapplaus – den eigentlich alle, auch Fnot Tadesse als „Oluchi“ und „Lotte“, verdient hätten. Fnot Taddese als „Lotte“ ist die Inkarnation eines Inhalts des Stücks: Wenn sie oder Cennet Rüya Voss den Vornamen ihrer Mütter nennen ( Voß: „Meine hieß Brigitte“) , zeigt das schön die Unsinnigkeit von Sätzen wie

„Wo kommen sie denn her?“ Antwort : „Aus dem Theater.“

Autorin Mithu Sanyal ist vielen Düsseldorfer Frauen auch von den immens besuchten Abenden mit Feministin und Kolumnistin Magarete Stokowski bekannt und von ihren Büchern etwa über Vergewaltigung.

Thema ihres Stücks wie dem Buch „Identitti“ ist zunächst die Enttäuschung von „Nivedita“ über eine Professorin,  die sich als PoC, als „People of Colour“ (PoC), ausgibt, aber dann als Weiße entlarvt wird. Denn Weiße können nicht nachvollziehen was es heißt, als Schwarze oder PoC zu leben. Menschen mit dunkler Hautfarbe und eventuell schwarzen Haaren wissen, dass ihnen sehr oft der Eintritt in eine Disco oder einen Club verwehrt wird – immer noch.

Die Professorin „für postkoloniale Theorie Saraswati“, die fälschlich als PoC auftritt (nach einem echten Vorfall in den USA) , wird in der Inszenierung von Regisseur Kieran Joel geschickt von zwei Schauspielerinnen dargestellt: Von Frederike Wagner und Lela Abdullah. Beide mit einem indisch anmutenden Muster im großen Stola-Schal ausstaffiert. Das Klischee einer weißen spießigen Professorin wird da schon im Kostüm ausgespielt.

In einer furiosen Anklage geht Oluchi/ Lotte als Studentin später sogar mit dem Megaphon gegen ihrer Professorin vor, denn Weiße können nicht als PoC auftreten. Sie können den alltäglichen Rassismus gar nicht nachvollziehen und erleben. Eine Szene: Eine Polizeistreifen hält dich an, was denkst Du: Nicht schon wieder oder „ah, soll ich der Polizei helfen? … als Sherlock“ …. ?

Vorurteile

Die Diskussionen im Stück, trotz intellektuellem Anspruch oft locker und komödiantisch, drehen sich verkürzt gesagt um Identität und Feminismus. Beyoncè, Beatles oder Beethoven, fragen Kali und Nevertitti, wobei die typische Antwort eines weißen Mannes dem Vorurteil entsprechend ja „Beethoven“ heißt – heißen muss ….

„Gender“ und „Sex“

Irgendwann sagt „Nevertitti“ dann auch „Judith Butler“ – und Kali / Serkan Kaya dann: „Endlich, das hat aber gedauert.“ Und damit kommt das Stück zum Kern: Die Unterscheidung Judith Butlers, die auf Simone de Beauvoir zurück geht, zwischen gender und sex – im Englischen. Was bei uns Geschlecht heißt im Pass, heißt im englischen „sex“, ist das biologische Geschlecht. Gender ist das soziale Geschlecht, das in der Gesellschaft an-erkannte. Und das ist von der Gesellschaft und deren männlichen Vorherrschaft konstruiert. Schon Simone de Beauvoir deutet es im Titel des Buches „Das andere Geschlecht“ an, das bereits 1949 unter dem Titel „le deuxième sexe“ erschien.  Judith Butlers Buch greift die Beauvoir`sche Unterscheidung zwischen biologischem Geschlecht und kultureller bzw. sozialer Prägung von Geschlecht auf unter dem Titel „Das Unbehagen der Geschlechter“ –englischer Titel „Gender Trouble: Feminism and the Subversion of Identity (1990).

Aber auch „gender“ ist eben, ebenso wie „Rasse“ oder „race“, ein aus politischem Interesse entstandenes Konstrukt, denn es gibt keine menschliche „Rasse“. Erst kürzlich haben Wissenschaftler darauf hingewiesen.

Die dümmliche Debatte um das gendern entlarvt sich ja vor diesem Hintergrund, weil es ja seit Jahrzehnten schon der Aufhebung der Diskriminierung des Konstrukts gender / Geschlecht dient.

Langer Jubel und standing ovations, Regisseur Kieran Joel holt auch Mithu Sanyal aus der Reihe 11 zum verdienten Applaus auf die Bühne.

 

Weitere Aufführungen 16. November und mehr unter

https://www.dhaus.de/programm/spielplan/identitti/5405/

 (Dank an meine Ehefrau Dr. Isabelle Siemes für wertvolle Tipps zur Lektüre.)

Identitti

Identitti von Mithu Sanyal – Cennet Rüya Voss, Fnot Taddese, Leila Abdullah, Friederike Wagner, / Foto © Sandra Then D´Haus