Der Kunstpalast zeigt über 100 Werke von Niki de Saint Phalle und stellt die Frage, wem der weibliche Körper gehört.
Niki de Saint Phalle im Kunstpalast: Was hinter den Nanas steckt
Niki de Saint Phalle, L'Amour, Fontaine Stravinsky, Paris 1991
Fontaine Stravinsky in Paris im Mai 1991. Das Becken liegt trocken, im Beton sind Schläuche und Kabel zu sehen. Im Vordergrund „L'Amour", eine gemeinsame Arbeit von Niki de Saint Phalle und Jean Tinguely, links eine der schwarzen Maschinen von Jean Tinguely. Foto: Alexandra Scholz-Marcovich / NDOZ
Mai 1991, Paris. Mit 16 fotografiere ich die roten Lippen von „L’Amour“. Drei Monate später stirbt Jean Tinguely. 35 Jahre später führt mich das Bild zu Niki de Saint Phalle im Kunstpalast Düsseldorf.
Mai 1991. Ich bin 16 und zum ersten Mal in Paris. Zwischen der Kirche Saint-Merri und dem Centre Pompidou fotografiere ich ein riesiges Paar roter Lippen. Das Becken der Fontaine Stravinsky liegt trocken, im Beton sind Schläuche und Kabel zu sehen. Warum das Wasser fehlt, lässt sich heute nicht mehr klären.
Die Lippen heißen „L’Amour“. Sie gehören zu den 16 Skulpturen der 1983 eröffneten Fontaine Stravinsky: sieben schwarze Maschinen von Jean Tinguely, sechs farbige Figuren aus Kunstharz von Niki de Saint Phalle, drei Arbeiten von beiden gemeinsam. „L’Amour“ ist eine davon.
Drei Monate später, am 30. August 1991, stirbt Jean Tinguely. Davon weiß ich an diesem Tag nichts.
Schockiert bin ich nicht. Madonna hatte diese Arbeit längst erledigt.
1991 ist der weibliche Körper überall. Auf Plattencovern, auf Postern, im Fernsehen. Sichtbar war er also. Wem er gehörte, war eine andere Frage.
Genau davon handelt 35 Jahre später eine Ausstellung in Düsseldorf.
Mehr als hundert Werke, zwölf Räume
Dream Machine zeigt im Kunstpalast über 100 Arbeiten in zwölf thematischen Räumen: Malerei, Assemblagen, Performance, Skulptur, Film, Grafik, Design und Kunst im öffentlichen Raum. Der Bogen reicht über vier Jahrzehnte.
Die These der Ausstellung ist deutlich. Der Traum war für Saint Phalle kein Rückzug aus der Wirklichkeit, sondern ein Entwurf für eine andere. Im Zentrum steht ihr Kampf gegen Strukturen, die Frauen das Recht auf Selbstbestimmung über den eigenen Körper verwehren.
Das ist eine andere Perspektive auf eine Künstlerin, deren Popularität ihr fast im Weg steht. Herzen, Nanas, kräftige Farben: Man erkennt sie sofort. Aber versteht man sie deshalb auch?
Bevor die Nanas kamen, wurde geschossen
Anfang der 1960er-Jahre griff Saint Phalle in Paris zum Gewehr. Für die Tirs lud sie Künstlerinnen, Künstler und Freunde ein, auf weiße Gipsreliefs zu schießen, in denen Farbbeutel steckten. Die Einschüsse ließen die Farbe unkontrolliert über die Oberfläche laufen. Der Angriff auf das Bild wurde Teil seiner Entstehung.
Sie zielte nicht nur auf Bilder. 1961 formulierte sie es selbst: „gegen alle“. Gegen Männer, gegen die Gesellschaft, gegen ihre Familie, gegen sich selbst.
Die Radikalität dieser Arbeiten brachte ihr den Zugang zu den Nouveaux Réalistes. Der Kritiker Pierre Restany nahm sie als einzige Frau in den Kreis auf, zu dem auch Yves Klein, Daniel Spoerri und Jean Tinguely gehörten.
Wie viel diese Konstellation kostete, hat in Frankreich vor allem Camille Morineau untersucht. Sie war von 2003 bis 2014 Konservatorin für zeitgenössische Kunst am Musée national d’art moderne im Centre Pompidou, kuratierte dort 2006 die Yves-Klein-Ausstellung und 2014 die große Niki-de-Saint-Phalle-Retrospektive im Grand Palais, die anschließend ins Guggenheim Bilbao ging. Seit 2014 leitet sie eine Organisation für die Erforschung von Künstlerinnen des 19. und 20. Jahrhunderts. Ihre Frage lautet, welche Frauen in dieser männlich dominierten Konstellation in den Hintergrund gerieten.
Interessant für Düsseldorf: Dieselbe Kuratorin hat Klein und Saint Phalle bearbeitet. Im Kunstpalast hängt Kleins Blau nun in unmittelbarer Nachbarschaft zu ihren Frauenfiguren.

Freude als Waffe
Mitte der 1960er-Jahre kamen die Nanas: rund, schwanger, tanzend, farbig, monumental. Als Gegenentwürfe zu traditionellen Darstellungen verweigern sie die Rolle des sexualisierten Objekts.
War Saint Phalle damit harmloser geworden?
Heike van den Valentyn, Kuratorin der Düsseldorfer Ausstellung, sagt das Gegenteil. Saint Phalle sei trotz ihrer fröhlichen, farbintensiven Bildsprache eine sehr genaue und kritische Beobachterin ihrer Zeit gewesen. Nachdem sie das Schießen aufgegeben habe, „wurde Freude zu ihrer neuen Waffe“.
Eine Frau muss nicht kleiner werden
1966 trieb sie die Idee ins Monumentale. Gemeinsam mit Jean Tinguely und Per Olof Ultvedt entstand für das Moderna Museet in Stockholm HON – en katedral: eine rund 25 Meter lange schwangere Nana, die das Publikum zwischen den Beinen betrat. Über ihre Arbeitsweise sagte Saint Phalle später, ihre Kunstschule sei die Kathedrale gewesen, sie habe einen kollektiven Traum in sich getragen.
Der Raum befand sich in der Frau.
Die andere Seite
Wer bei den Farben stehen bleibt, verpasst die Hälfte.
Saint Phalles Werk verhandelt auch Gewalt, Angst und Verletzlichkeit. Autobiografisches fließt ein, darunter die Erfahrung des Missbrauchs durch ihren Vater. Als Gegenpol zu den Nanas entstand die Werkgruppe der Devouring Mothers, in der sie ihre konfliktreiche Beziehung zur Mutter in grotesk überzeichneten Figuren verhandelt.
1968 wurde ihr autobiografisches Theaterstück „ICH. Eine Schlacht“ im Rahmen der documenta 4 in Kassel uraufgeführt, konzipiert gemeinsam mit Rainer von Diez. Ein Mitschnitt ist im Filmraum der Ausstellung zu sehen. Ihr Film „Daddy“ von 1974 verarbeitet traumatische Erfahrungen.
Später kamen andere Themen dazu. In den 1990er-Jahren engagierte sie sich gegen die Stigmatisierung von AIDS. In den 2000er-Jahren widmete sie eine Serie von Lithografien dem Recht auf Abtreibung, der Regulierung der Waffenindustrie und dem Klimawandel.
Politische Kunst erkennen wir besonders schnell, wenn sie ernst aussieht. Niki de Saint Phalle konnte ihre Revolte rosa anmalen.
Getrennt, aber nie fertig miteinander
Die bequeme Erzählung von der Frau gegen die Männer trägt bei ihr nicht.
Die französische Kuratorin Sophie Duplaix, die 2025 im Grand Palais eine Ausstellung über Saint Phalle, Tinguely und Pontus Hulten verantwortete, beschreibt die Zusammenarbeit als dauerndes gegenseitiges Herausfordern. Kennengelernt hätten sich beide 1956, ein Paar wurden sie 1960. Sie arbeiteten in der Impasse Ronsin im Süden von Paris, wo auch Brancusi ein Atelier hatte, und zogen Mitte der 1960er-Jahre in ein ehemaliges Gasthaus im Département Essonne, das für Jahre ihr Atelier blieb. Bis zur Trennung.
Geheiratet hatten sie 1971. Tinguelys erste Frau war die Künstlerin Eva Aeppli, deren Arbeiten in Düsseldorf ebenfalls zu sehen sind.
Sie wollte die Welt der Männer. Nur eben nicht unbedingt eine Welt ohne sie.
Düsseldorf kannte Niki schon 1968
Die Ausstellung hat hier eine Vorgeschichte.
Am 19. November 1968 eröffnete im Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen ihre erste Einzelausstellung in Deutschland. Sie lief bis zum 1. Januar 1969 und konzentrierte sich auf ihre Skulpturen. Einige der damaligen Arbeiten, darunter eine Version des Nana-Hauses, sind jetzt im Kunstpalast wiederzuentdecken.
Eine alte Verbindung
Sechs Jahre später, 1974, führten die in Hannover aufgestellten Nana-Skulpturen zu öffentlichen Kontroversen. Man hatte sich an diese Körper im Stadtraum noch nicht gewöhnt.
Eine eigene Welt bauen
Am Ende wollte Saint Phalle keinen Platz in einer bestehenden Welt. Sie baute eine eigene.
Der Tarot-Garten in der Toskana entstand zwischen 1978 und 1998. Monumentale Figuren nach den 22 großen Arkana wurden zu Skulpturen und begehbarer Architektur, überzogen mit Spiegeln, Keramik und Glas. Jean Tinguely, ein Team von Assistentinnen und Assistenten sowie lokale Beteiligte arbeiteten mit. Um die Finanzierung zu sichern, entwickelte sie ein eigenes Parfum und Editionen, die in der Ausstellung ebenfalls zu sehen sind.
Die Utopie wird begehbar
Dass viele ihrer Werke gemeinschaftlich entstanden, ist in Düsseldorf gerade keine Fußnote. Im zweiten Obergeschoss des Kunstpalastes wächst im ERGO-Foyer während der Ausstellungsdauer eine große Mosaikwand aus Einzelteilen, die Kinder zu Hause gestalten. Die Stadtbüchereien haben dafür gemeinsam mit dem Museum kostenlose Mitmach-Tüten gepackt.
Nicht du bout des lèvres
Jean Tinguely starb am 30. August 1991, drei Monate nach meiner Aufnahme in Paris. Zu seiner Beerdigung in Freiburg im Üechtland kamen nach Angaben von Sophie Duplaix rund 10.000 Menschen.
Danach hörte Saint Phalle nicht auf, mit ihm zu arbeiten. 1991 und 1992 entstand die Serie Méta-Tinguely, kurz darauf die Tableaux éclatés, bewegliche Bilder, die sie selbst als gemeinschaftliche Werke betrachtete, obwohl sie ohne ihn entstanden. 1993 schrieb sie ihm in einem fiktiven Brief: „Jean, je te mange. Je prends ta force.“ Jean, ich esse dich. Ich nehme deine Kraft. Von 1991 bis 1996 setzte sie sich für den Bau des Musée Tinguely in Basel ein, gegen den Widerstand zahlreicher Freunde des Bildhauers, die lieber ein Anti-Museum gewollt hätten.
Im Französischen sagt man du bout des lèvres, wenn etwas nur halbherzig ausgesprochen wird, zögerlich, fast widerwillig.
Die Lippen, die ich im Mai 1991 fotografierte, taten das Gegenteil. Sie waren riesig, rot und standen mitten in Paris.
Heute interessiert mich an diesem Bild weniger, dass ich damals 16 war. Mich interessiert, warum mir eine Frau, die so viel Raum beanspruchte, bereits so selbstverständlich vorkam. Vielleicht verliert eine Provokation ihre Wirkung nicht, wenn wir sie irgendwann nicht mehr als Provokation erkennen. Vielleicht hat sie dann etwas verschoben.
Über Niki de Saint Phalle sollte man deshalb so sprechen, wie diese Lippen gemalt sind: nicht du bout des lèvres.
Niki de Saint Phalle. Dream Machine
Ausstellung
10. September 2026 bis 7. Februar 2027
Kunstpalast
Ehrenhof 4–5
40479 Düsseldorf
Eintritt: 17 Euro
ermäßigt: 13 Euro
unter 18 Jahren: frei
Öffnungszeiten
- Dienstag bis Sonntag: 11–18 Uhr
- Donnerstag: 11–21 Uhr
- Montag: geschlossen
Für Familien
Ein eigener Raum lädt zum kreativen Arbeiten ein. Für jüngere Besucherinnen und Besucher gibt es eine kostenlose tonies® Tour und ein Entdeckerheft.
Studio Niki: Mitmachen über die Stadtbüchereien
Die Stadtbüchereien Düsseldorf haben gemeinsam mit dem Kunstpalast Mitmach-Tüten für Kinder gepackt. Sie sind während der Servicezeiten in der Zentralbibliothek im KAP1 und in den vierzehn Stadtteilbüchereien kostenlos erhältlich.
Zu Hause gestaltete Mosaik-Teile können direkt ins Studio Niki im Kunstpalast oder in eine Stadtbücherei gebracht werden. Daraus wächst im zweiten Obergeschoss im ERGO-Foyer eine große gemeinsame Mosaikwand. Zusätzlich bieten die Stadtbüchereien Veranstaltungen zur Mosaikgestaltung an.
Termine Studio NikiWeitere Stationen
Die Ausstellung entstand in Kooperation mit dem Nationalmuseum Wrocław, der Heidi Horten Collection Wien, der Niki Charitable Art Foundation San Diego und dem Sprengel Museum Hannover.
Vom 20. März bis 29. August 2027 ist Dream Machine in Wrocław zu sehen, anschließend vom 24. September 2027 bis 5. März 2028 in Wien.




