Vor unserer Redaktion in Flingern steht AWISTA auf der Tonne – in sechs Düsseldorfer Stadtteilen leert die Zukunftswerkstatt. Dahinter steckt Beschäftigungsförderung.

Wer in Düsseldorf manchmal hinter der blauen Tonne steckt

Von Alexandra Scholz-Marcovich |

Große schwarze Papiertonne mit blauem Deckel und AWISTA-Logo vor einem Wohnhaus in Düsseldorf-Flingern
Blaue Papiertonne vor der NDOZ-Redaktion in Flingern

Vor der NDOZ-Redaktion in Flingern leert die AWISTA die blaue Tonne. In sechs anderen Düsseldorfer Stadtteilen übernimmt diese Aufgabe die Zukunftswerkstatt Düsseldorf. / Foto: Alexandra Scholz-Marcovich, NDOZ

Blaue Tonne, Schulessen, Fahrradservice: Hinter ganz gewöhnlichen Handgriffen steckt in Düsseldorf manchmal dieselbe städtische Gesellschaft.

Montagmorgen, früh. Eindeutig zu früh.

Vor unserer Redaktion in Flingern steht eine große schwarze Tonne mit blauem Deckel, vorne prangt das Logo der AWISTA. Seit April 2025 wird Altpapier in Düsseldorf wöchentlich abgeholt, bei uns ist montags der Tag dafür. Ein Geständnis vorweg: Ich habe diese Tonne noch nie selbst rausgestellt. Das erledigt unser Hausmeister, zuverlässig und mit einer Freundlichkeit, die um diese Uhrzeit an ein kleines Wunder grenzt. Und ehrlich gesagt hatte ich mir auch nie Gedanken darüber gemacht, wer die Tonne anschließend leert. AWISTA steht drauf, also AWISTA.

So einfach ist es allerdings nicht.

In sechs Stadtteilen ist es nicht die AWISTA

In Rath, Unterrath, Gerresheim, Unterbach, Wersten und Urdenbach übernimmt die Zukunftswerkstatt Düsseldorf, kurz ZWD, im Auftrag der Stadt die Leerung der blauen Tonnen. Rund 16.400 Behälter gehören dort zum Sammelgebiet, im Jahr 2025 kamen dabei etwa 5.500 Tonnen Altpapier zusammen. Fünf Müllsammelfahrzeuge sind dafür im Einsatz, zwei davon fahren seit Dezember 2025 vollelektrisch. Die Stadt förderte deren Anschaffung mit 550.000 Euro aus dem Klimaschutz-Haushalt 2025; nach ihren Angaben sollen damit jährlich rund 60 Tonnen CO₂ eingespart werden. Die Sammeltermine veröffentlicht die ZWD auf ihrer Website.

Die Zukunftswerkstatt Düsseldorf? Bei der Müllabfuhr? Genau an diesem Punkt wurde die Geschichte für mich interessant. Denn das eigentliche Geschäft der ZWD ist weder Papier noch Müllentsorgung. Die hundertprozentige Tochter der Stadt beschäftigt, qualifiziert und begleitet seit über 35 Jahren Menschen, die häufig schon längere Zeit ohne Arbeit waren. Die blaue Tonne ist nur eine der Stellen, an denen diese Arbeit im Düsseldorfer Alltag sichtbar wird.

Eine Stadt voller unsichtbarer Handgriffe

Im Jahresbericht 2025 der ZWD tauchen Zahlen auf, an denen man normalerweise vorbeilesen würde: 852.800 Leerungen blauer Tonnen, 751.362 Mittagessen, 1.649 gewechselte Fahrradschläuche, 1.100 Kilometer gereinigte Gehwege. Das klingt zunächst wie eine etwas eigentümliche kommunale Statistik. Zusammengenommen erzählen diese Zahlen aber etwas anderes: Der ZWD-Betrieb Casa Blanka unterstützt die Verpflegung an 44 Schulen, 25 Schulkiosken und 50 Kitas. Die Umweltwerkstatt übernimmt unter anderem Reinigungsarbeiten im Stadtgebiet. Am Hauptbahnhof betreibt die ZWD die Radstation mit rund 500 Fahrradstellplätzen. Dienstleistungen, die jeder kennt – nur die Verbindung dahinter kennt man nicht unbedingt.

1.122 Menschen, sehr unterschiedliche Wege

2025 begleitete die ZWD nach eigenen Angaben insgesamt 1.122 Menschen. Hinter dieser Zahl stehen allerdings sehr unterschiedliche Situationen. 179 Personen arbeiteten in sogenannten Arbeitsgelegenheiten – Tätigkeiten, die nach längerer Erwerbslosigkeit wieder an einen geregelten Arbeitsalltag heranführen sollen. 343 Personen befanden sich in sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung; dabei handelt es sich nicht automatisch um Vermittlungen auf den regulären Arbeitsmarkt, ein Teil dieser Beschäftigung findet in geförderten Strukturen der ZWD selbst statt. Weitere 600 Menschen nahmen an Coaching-, Qualifizierungs- oder Aktivierungsangeboten teil, hinzu kamen 7.563 Beratungen. Zur ZWD gehören außerdem Angebote, die auf der Straße überhaupt nicht sichtbar sind: Unterstützung für Frauen beim beruflichen Wiedereinstieg, Quartiersberatung und das Kompetenzzentrum Frau und Beruf. Fünf Teilnehmerinnen schlossen 2025 beispielsweise eine Qualifizierung zur erweiterten Alltagsassistenz ab – alle fünf fanden anschließend eine Beschäftigung in Pflege oder Betreuung.

Eine offene Stelle allein reicht nicht immer

Das klingt zunächst widersprüchlich: Unternehmen suchen Personal, gleichzeitig sind in Düsseldorf weiterhin viele Menschen arbeitslos. Aber eine freie Stelle und ein Mensch ohne Arbeit passen nicht automatisch zusammen. Fehlt eine Ausbildung, liegt die letzte Beschäftigung Jahre zurück oder kommen gesundheitliche und soziale Probleme hinzu, kann der Weg zurück in einen regelmäßigen Arbeitsalltag lang sein. Genau dort setzen viele Angebote der ZWD an.

Der Jahresbericht erzählt beispielsweise von N., 52 Jahre alt, ohne Berufsabschluss und nach langer Erwerbslosigkeit mit instabilen Wohnverhältnissen. Über die Umweltwerkstatt kam er als Platzwart wieder in einen geregelten Arbeitsalltag; seit Januar 2026 arbeitet er im Paul-Janes-Stadion. Ein anderer im Bericht beschriebener Teilnehmer war zuvor 15 Jahre arbeitsuchend. Nach einer geförderten Beschäftigung in der Fahrgastbegleitung wechselte er im Februar 2026 zur Rheinbahn und arbeitet dort als Nacht-Rangierfahrer. Das sind zwei von der ZWD ausgewählte Erfolgsgeschichten, sie können nicht für alle Teilnehmenden stehen. Aber sie zeigen konkret, was mit dem abstrakten Begriff „Beschäftigungsförderung” gemeint sein kann.

Was die Zahlen nicht erzählen

Genau an dieser Stelle lohnt sich ein zweiter Blick auf den Bericht. 2024 hatte die ZWD insgesamt 1.261 Menschen begleitet, 2025 waren es 1.122 – ein Rückgang von rund elf Prozent. Gleichzeitig liegt die Zahl der Langzeitarbeitslosen in Düsseldorf weiterhin bei mehr als 10.000. Warum weniger Menschen an den Angeboten teilnahmen, erklärt der Bericht nicht. Auch eine andere Frage bleibt offen: Wie viele der 1.122 Menschen fanden anschließend dauerhaft eine Beschäftigung auf dem regulären Arbeitsmarkt? Eine solche Gesamtquote veröffentlicht der Jahresbericht 2025 nicht. Er dokumentiert einzelne Übergänge und für einzelne Angebote konkrete Ergebnisse, aber keine langfristige Bilanz für alle Teilnehmenden. Das ist kein Beleg dafür, dass die Maßnahmen nicht funktionieren. Es bedeutet nur: Die vielen Tonnen, Mittagessen und Fahrradreparaturen lassen sich sehr genau zählen – was langfristig aus den Menschen wird, die dahinterstehen, deutlich schwerer.

Und wie geht es mit der ZWD weiter?

Eine größere Veränderung ist bereits angekündigt: Die Zukunftswerkstatt und die Jugendberufshilfe Düsseldorf wollen sich zusammenschließen. Beide Unternehmen werden schon seit September 2024 von Melanie Spengler geführt. Der Jahresbericht kündigt einen neuen gemeinsamen Namen an und erklärt, Arbeitsplätze, Standorte und Projekte sollten erhalten bleiben. Wie und wann der Zusammenschluss rechtlich umgesetzt werden soll, ist dagegen offen: Im Ratsinformationssystem der Stadt findet sich dazu bislang keine Beschlussvorlage, und im Entwurf des Doppelhaushalts 2027/28 werden beide Gesellschaften weiterhin getrennt ausgewiesen – rund 1,7 Millionen Euro städtischer Zuschuss sind für die ZWD vorgesehen, 4,3 Millionen für die Jugendberufshilfe. Ob es bei diesen Ansätzen bleibt, ist allerdings Teil einer größeren Frage: Düsseldorf steht vor einem Sparkurs, das Haushaltsstabilisierungskonzept soll im Dezember gemeinsam mit dem Haushalt beschlossen werden. Das Thema dürfte also noch einmal zurückkommen.

Die Tonne bleibt dieselbe

Vor unserer Redaktion in Flingern wird die blaue Tonne weiterhin von der AWISTA geleert. In Rath, Unterrath, Gerresheim, Unterbach, Wersten und Urdenbach kann hinter demselben alltäglichen Vorgang dagegen die Zukunftswerkstatt stehen. Von außen sieht man diesen Unterschied kaum. Vielleicht ist genau das das Interessante daran: Ein Teil der sozialen Infrastruktur Düsseldorfs kommt nicht als Beratungsstelle oder Förderprogramm daher. Manchmal kommt sie als Müllwagen.


Quellen: Zukunftswerkstatt Düsseldorf, Jahresberichte 2024 und 2025 · Amt für Umwelt- und Verbraucherschutz, Informationsvorlage „Vollelektrische Sammelfahrzeuge der ZWD”, Ausschuss für öffentliche Einrichtungen, Stadtökologie, Abfallmanagement und Bevölkerungsschutz, Sitzung vom 6. März 2026 · Entwurf des Haushaltsplans 2027/2028 der Landeshauptstadt Düsseldorf (Vorbericht) · Ratsinformationssystem der Landeshauptstadt Düsseldorf, Recherche vom 20. Oktober 2026.

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