Instinktiv erwartet man trotzdem die große Erzählung mit den „üblichen“ Namen. Doch schon beim Aufschlagen kippt die Erwartung: Statt Marken-Storytelling bekommt man ein Werk, das deutsche Familienunternehmen in Argumente, Kennzahlen und Best-Practice-Logik übersetzt – so, als würde es Deutschland für ein internationales Publikum wirtschaftlich und politisch vermessen.
Deutsche Familienunternehmen als Stabilitätsfaktor
Die Herausgeber Uwe Rittmann und Tobias Rappers verkaufen das Buch nicht als Nostalgie, sondern als Erklärung: Familienunternehmen gelten hier als wirtschaftlicher Stabilitätsanker – mit langfristigem Denken, Verantwortung und Innovationskraft, gerade in Zeiten von Krisen und Umbrüchen. Der Band arbeitet dafür mit einem klaren Baukasten: kurze Essays von Expert:innen (Transformation, Verantwortung, Wachstum, Kultur, Bürokratie) und danach 50 Unternehmensporträts, sortiert in Kategorien wie „World Market Leaders“, „Hidden Champions“ und „Rising Stars“.
Auffällig ist der Blick aufs System: Erfolg erscheint nicht als Einzelleistung, sondern als Ökosystem aus Netzwerken, Kooperationen und Anpassungsfähigkeit.
Politisch wird der Band dort, wo er Familienunternehmen als Standort-Test liest – und damit als Frage nach Handlungsfähigkeit des Staates: weniger Bürokratie, vollzugstauglichere Gesetze, schnellere Verfahren (Lutz Goebel, NKR). Manfred Wittenstein bindet das an die Idee der Sozialen Marktwirtschaft – als Balance aus Freiheit, Verantwortung und Sicherheit. Und Nico Schönefeldt (DIHK) setzt die Klammer bei Fachkräften und Qualifizierung.
Wir wählen fünf Porträts, die exemplarisch zeigen, wie der Band Strategie, Zahlen und Standortfragen zusammenführt.
Düsseldorf im Buch: Henkel als naheliegender Anker
Für Leser:innen in Düsseldorf ist der Einstieg klar: Henkel steht im Band in der Kategorie „World Market Leaders“ – gerahmt als „pioneering spirit“ hinter 150 Jahren Familientradition. Gleichzeitig bleibt der Ton konsequent wirtschaftlich: Henkel wird als globaler Player beschrieben – der Band nennt rund 47.000 Mitarbeitenden, mehr als 160 Produktionsstandorten und über 10.000 Patenten weltweit. Und doch setzt das Porträt immer wieder einen lokalen Fixpunkt: Das „Herz“ schlage in Düsseldorf, wo sowohl Headquarter als auch die zweitgrößte Produktionsstätte sitzen.
Charakteristisch für den Band: Henkel wird als Stabilitäts-Formel erzählt – langfristige Kontrolle, klare Governance und ein Standort, der trotz Globalität sichtbar bleibt.
Düsseldorf – aber „unsichtbar global“: Heitkamp & Thumann
Noch spannender (weil überraschender) ist ein Porträt, das viele nicht kennen: Heitkamp & Thumann, gegründet 1978 und in Düsseldorf ansässig, wird im Buch als globaler B2B-Player beschrieben – mit Präzisionskomponenten für Asthma-Inhalatoren sowie für Lithium- und Alkaline-Batterien. Laut Unternehmensprofil kommt die Gruppe auf 92 Prozent Export und rund 1.900 Mitarbeitende; der Band nennt für 2024 einen Umsatz von 550 Mio. Euro. Und: Ein aktueller Schwerpunkt ist die Internationalisierung – mehr als 100 Millionen Euro fließen in eine neue Produktionsstätte in den USA.
Lesart des Buches: Als eine der größten Stärken wird die bewusste Diversifizierung beschrieben – um die Abhängigkeit von einzelnen Märkten oder Konjunkturzyklen zu verringern.
Hidden Champions: WITTENSTEIN und der lange Atem
Als Beispiel für einen „Hidden Champion“ funktioniert WITTENSTEIN besonders gut, weil das Porträt Wandel nicht als Ausnahme, sondern als Prinzip erzählt: gegründet 1949, aus der Ära der Handschuh-Nähmaschinen heraus neu erfunden – der große Sprung in die Drive Technology machte das Unternehmen zum globalen Nischenführer. Im Text ist von annual revenues of some 500 million euros die Rede; dazu kommen 2.850 Mitarbeitende und 25 Standorte in über 45 Ländern. Und typisch für den Ton des Buches: Innovation wird als Kultur beschrieben – „everyone is an innovator“, inklusive einer Ausbildungsquote von 7 Prozent. Besonders prägnant ist die Episode der Finanzkrise 2008/09: Dr Manfred Wittenstein versprach keine Entlassungen – und präsentierte kurz darauf die Pläne für eine Innovation Factory, die als größte Investition der Unternehmensgeschichte bezeichnet wird.
Typisch für die Dramaturgie des Buches: Aus Verantwortung wird ein Leistungsbeweis – nicht nur als Haltung, sondern als Investitionsentscheidung.
Rising Stars: Kienbaum, Führung – und ein Modellwechsel 2026
Mit Kienbaum verschiebt sich der Blick weg von Maschinen hin zu Governance, Führung und Transformation. Das Porträt erinnert an die Wurzeln der Beratung: gegründet 1945, heute eine international aufgestellte Management- und HR-Consultancy mit rund 600 Mitarbeitenden und – im Text – 22 Offices weltweit. In Deutschland nennt das Buch sieben Standorte inklusive Düsseldorf (neben Berlin, Frankfurt, Hamburg, Köln, München und Stuttgart). Bemerkenswert ist der Governance-Fokus: Das neue Partnership Model (ab 2026) wird als Versuch beschrieben, Kontinuität und unternehmerische Dynamik strukturell zu verbinden.
Der rote Faden: Selbst Beratung wird hier als Familienunternehmer-Logik erzählt – langfristig, wertebasiert und mit Governance als Erfolgsfaktor.
The Legacy Keepers: Ritter Sport und der quadratische Markenhebel
Als Beispiel dafür, wie ein einfacher Einfall zur Marken-Architektur werden kann, funktioniert Ritter Sport im Band überraschend gut: Die Firma wird mit Gründung 1912 (Clara & Alfred Ritter) verortet, der ikonische Moment folgt 1932 – Clara Ritters Idee, die Tafel quadratisch zu machen, damit sie als 100-Gramm-Schokolade in die Sportjackentasche passt, ohne zu brechen. Aus einem pragmatischen Detail wird ein Format mit Wiedererkennungswert. Gleichzeitig bleibt das Porträt konsequent im Business-Modus: Ritter wird als bis heute 100 Prozent familiengeführt beschrieben, mit rund 1.900 Mitarbeitenden, mehr als 60 Prozent Exportanteil und 12 Standorten weltweit (inklusive der eigenen Kakaofarm „El Cacao“).
Das Muster dahinter: Aus einer scheinbar simplen Produktidee wird ein strategischer Beleg für Markenführung – die Quadratform als Wiedererkennungs- und Wachstumshebel, flankiert von harten Eckdaten und Nachhaltigkeitsargumenten.
NDOZ-Check: Was der Band auslässt – und was das für Düsseldorf heißt
Nachfolge als Testfall – was der Band nur streift
Der Band erwähnt Nachfolge vor allem als Standortthema (KfW Succession Monitor 2024), bleibt aber naturgemäß auf der Makroebene. Vor Ort zeigt sich die Herausforderung konkreter: In Düsseldorf warnt die IHK vor einer wachsenden Lücke ohne Nachfolger – und verweist auf Beratung und Matching. Dazu kommt ein klassisches Konfliktfeld in Familien: Primogenitur vs. faire Anteilsverteilung. Kurz: Das „Stabilitätsmodell“ steht und fällt mit der nächsten Generation.
Export global – der EU-Indien-Deal als Realitätscheck
Viele Porträts betonen Internationalisierung und Anpassungsfähigkeit – das passt in die aktuelle Debatte um das EU-Indien-Freihandelsabkommen (politisch vereinbart, noch nicht in Kraft). Für Düsseldorf/NRW (Export nach Indien 2024) kann das Impulse für Chemie, Maschinenbau und Automobilzulieferer setzen; Henkel oder Heitkamp & Thumann profitieren potenziell – bei gleichzeitig wachsendem Wettbewerbsdruck etwa in Pharma und Textil. Details zu Chancen und Risiken für den Standort: EU-Indien-Freihandelsabkommen: Was der Mega-Deal für Düsseldorf und NRW bedeutet
Fazit: Ein Buchtipp – eher zum Querlesen als zum Wegschmökern
„The Secrets of German Family Businesses“ ist weniger Lesestoff für den Feierabend als ein strukturierter Überblick in englischer Sprache: datenreich, argumentativ, klar kuratiert. Genau deshalb ist der Band spannend – wenn man verstehen will, wie „German Family Business“ international erzählt wird: als Mischung aus Verantwortung, Transformationsfähigkeit und Wachstum, immer wieder gespiegelt an harten Rahmenbedingungen des Standorts. Für den Standort Düsseldorf ist das spannend, weil das Buch zeigt, wie internationale Leser auf deutsche Stärken – und auf politische Bremsen – schauen. Der Reiz liegt im Kontrast: Hochglanz und harte Daten – und dazwischen die Fragen, die hier vor Ort zählen: Bürokratie, Fachkräfte, Nachfolge.
Der Befund (Stand: Februar 2026): Standortfragen werden sehr nüchtern als Wettbewerbsfaktor verhandelt – bis hin zu Nachfolge-Zahlen aus dem KfW Succession Monitor 2024: 41 % der Nachfolgeplanenden ziehen einen externen Verkauf in Betracht, 231.000 Mittelständler planen bis Ende 2025 den Rückzug/Stilllegung.
Mini-FAQ
- Worum geht es in dem Buch? Um deutsche Familienunternehmen als wirtschaftliches Modell – in Essays (u. a. Verantwortung, Transformation, Wachstum, Bürokratie) und 50 Unternehmensporträts.
- Für wen ist das ein gutes Geschenk? Für alle, die Wirtschaft als Arbeitswerkzeug lesen: Strategie, Transformation, M&A, C-Level/Management, Beratung, Finance, Standort-/Investorenkommunikation, Wirtschaftsstudium.
Weniger geeignet für alle, die eine große Saga über bekannte Marken oder Familienkonflikte suchen. - Hat das Buch Düsseldorf-Bezug? Ja: neben Henkel auch über Heitkamp & Thumann – ein Düsseldorfer Familienunternehmen, das im Buch als globaler B2B-Player mit hoher Exportquote beschrieben wird.
Buchdaten
The Secrets of German Family Businesses
Prestel Verlag, Hardcover, 304 Seiten, Englisch, 65 €
ISBN 978-3-7913-9190-8
Erscheinung: 17.12.2025 (DACH), 20.01.2026 (UK), 03.03.2026 (US)




