Krieg und Frieden von Tolstoi/ Armin Petras in fünf Stunden auf der Bühne im Central

Leid und Elend von Krieg und Frieden von 1805 bis 2026 – begeisternde Premiere

Von Jo Achim Geschke |

Krieg und Frieden D Haus

Krieg und Frieden. Ensemble in Uniformen / Foto © Thomas Rabsch, D Haus

Ein russisches Werk über Krieg und Frieden ist heutzutage wohl per se aktuell. Tolstoi schrieb den Roman der Weltliteratur über mehrere russische Adelsfamilien während der Napoleonischen Kriege 1805 bis 1812 in den Jahren 1868/1869 . Eine Inhaltsangabe macht schon klar: Zuschauende sollten das Programmheft erwerben und vor der Aufführung reinschauen. Denn die fünf Stunden Inszenierung sind ein außergewöhnlich gelungenes Theatererlebnis mit überwältigend guten Schauspieler*innen.

Es sind 13 Darsteller*innen, die in 35 Rollen schlüpfen, und auch (teils auf der Bühne) die Kunst der Kostümwechsel zeigen, die ja blitzschnell ausgetauscht werden müssen. Rund 180 Kostüme haben die Schneiderinnen von Kostümbildnerin Susanne Uhl angefertigt. Das alles läuft auf einer langgestreckten Laufsteg-Bühne ab, das Publikum sitzt auf beiden Seiten. Es ist eigentlich die Probebühne im Central, nahe Hauptbahnhof, inmitten des härter werdenden Kiez rundherum.

 Die Aufführung beginnt bereits um 17 Uhr und dauert gut fünf Stunden, aber die Schauspielkunst und zwei Pausen machen diese Länge durchaus annehmbar. In der ersten Pause gibt es auf der „Brücke“ des Central einen Snack (Chili con Carne) und ein Getränk (im Ticketpreis enthalten), in der zweiten Pause kann jeder noch einen Drink kaufen.

Der bekannte und preisgekrönte Autor Armin Petras, der 2027 Intendant am Theater Bremen wird, hat im Auftrag des Schauspielhauses – und damit zum Abschied für Intendant Schulz – das 1000-Seiten-Werk Tolstois in eine dreiteilige Bühnenfassung umgeschrieben.

Die Napoleonischen Kriege

Zeitlich geht es in mehreren Bildern um die Napoleonischen Kriege. So etwa 1805, als Napoleon – übrigens mehrfach hinreißend dargestellt von Claudia Hübbecker – die Österreicher besiegte. Das zeigt etwa der Auftritt von Mila Moinzadeh, der den österreichischen Schmäh im bestens Wienerisch wunderbar rüberbringt. Es führt zur berühmten Schlacht bei Austerlitz, und dann geht es zum Frieden von Tilsit 1807. Die Schauplätze der Szenen sind in einem Tableau über den Zuschauerrängen in Leuchtschrift sichtbar.

Es geht über die Pausen hinweg bis 1812, als Napoleon bei Borodino scheitert mit seinem Plan, Moskau zu erobern. Beim Rückzug wird die französische Armee durch Kälte, Hunger und Partisanen-Angriffe aufgerieben.

Krieg und Fernsehnachrichten

Das alles zeigt Tolstoi und auch die Inszenierung  (Regie Tilmann Köhler) als sinnloses, brutales Töten mit Zigtausenden von Opfern auf beiden Seiten, und es wird deutlich an den Schicksalen der russischen adligen Familien. Deren Realitätsferne und Fanatismus (überragend dabei Thomas Wittmann) wird gnadenlos vorgeführt. Einzig Pierre  (Matthias Reichwald) bleibt dem Kriegs- und Nationalwahn erstmal fern, lernt aber später die grausame Wirklichkeit der Front kennen.

Alles erinnert heutige Zuschauer an die grausigen Fernsehbilder aus dem Krieg von Putins Russland gegen die Ukraine, mit den zerstörten Häusern und dem Leid der Familien jetzt im vierten Jahr, der Jahrestag des Überfalls ist der 24. Februar.  

Die Frauen

Da helfen auch die Szenen mit den Frauen der Familien nicht, die sich verlieben und die trauern müssen. Blanka Winkler als Natalija (Natascha) Rostowa etwa hüpft und tanzt und lacht und läuft hin und her, dass man am liebsten mitmachen möchte – diese Szene mit ihr und Sophie Stockinger ist eigentlich einen dicken Szenenapplaus wert, der kommt vom Publikum leider nicht. Eine feine Rolle hat auch Yohanna Schwertfeger als Hélène Kuragin, Tochter des Fürsten Kuragin, die auch die intrigante Seite und die Zwänge zum Überleben zeigt.

Die Unsinnigkeit von Kriegen, die Absurdität von Macht und Gefolgschaft bis in die Schlacht wird von Jonas Friedrich Leonhardi als Andrej Bolkonsky ebenso toll dargestellt wie etwa von Florian Lange als General Kutusow.

Und während der Schlachtenlärm gnadenlos über das Publikum hinwegdonnert, wird die Brutalität von Krieg sogar in diesem Saal deutlich.

Unvergessliches Theatererlebnis

Auch wenn es zunächst heftig anmutet, fünf Stunden Aufführung plus Pausen im Central zuzuschauen – es ist ein unvergessliches Theatererlebnis. Das sich vor allem lohnt, wenn man sich etwa fit macht mit den Hintergründen aus dem Programmheft.

Am Schluss stehen die meisten Zuschauer*innen spontan auf: Standing Ovations für diese grandiose Leistung der Schauspieler*innen und diese Inszenierung.

Weitere Termine und Kartenbestellung unter

https://www.dhaus.de/programm/a-z/krieg-und-frieden/

Besetzung

Anna Scherer, adlige Gesellschafterin: Sonja Beißwenger

Dolochow, Offizier und Zechbruder Anatol Kuragins / Denissow, Offizier und Freund Nikolai Rostows: Glenn Goltz

Napoleon: Claudia Hübbecker

Diplomat / Arzt: Mila Moinzadeh

Fürst Bolkonsky Thomas Wittmann

Andrej Bolkonsky, Sohn des Fürsten Jonas Friedrich Leon­hardi

Marja Bolkonskaya, Tochter des Fürsten Judith Bohle

Lisa Bolkonskaya, verheiratet mit Andrej Bolkonsky Sophie Stockinger

Graf Besuchow Thomas Wittmann

Pierre Besuchow, unehelicher Sohn des Grafen Matthias Reichwald

Prinzessin Emily Besuchowa, Nichte des Grafen Judith Bohle

Fürstin Anna Michailowna, verarmte Verwandte der Besuchows Claudia Hübbecker

Boris, Sohn der Fürstin Anna Michailowna und Patenkind des Grafen Besuchow Yohanna Schwertfeger

Graf Rostow Thomas Wittmann

Gräfin Rostowa Claudia Hübbecker

Natalija (Natascha) Rostowa, Tochter der Rostows Blanka Winkler

Nikolai Rostow, der ältere Sohn der Rostows Michael Fünfschilling

Sonja Rostowa, Nichte der Gräfin und Ziehtochter der Rostows Sophie Stockinger

Petja Rostow, der jüngere Sohn der Rostows Luke Dopheide / Moritz Ristow / Max Wrieden

Onkel Semjon, Verwandter des Grafen Rostow Mila Moinzadeh

Fürst Wassili Kuragin Glenn Goltz

Hélène Kuragin, Tochter des Fürsten Yohanna Schwertfeger

Anatol Kuragin, Sohn des Fürsten Florian Lange

Zar Alexander I. Sonja Beißwenger

Josif, ein Freimaurer Claudia Hübbecker

General Bagration Sophie Stockinger

Gräfin Bagration Blanka Winkler

General Benningsen Sonja Beißwenger

General Barkley Glenn Goltz

Alter Soldat Thomas Wittmann

Wilson Sophie Stockinger

Beamter Michael Fünfschilling

Dorfältester Glenn Goltz

Priester Thomas Wittmann

Verwalter Mila Moinzadeh

Französischer Beamter Yohanna Schwertfeger

Kutscher Michael Fünfschilling

Tod Sonja Beißwenger

Chor der Offiziere / Diener / Bauern Ensemble

E-Gitarre, Percussion, Flöte, russisches Horn und elektronische Musik Matthias Krieg

 

Regie Tilmann Köhler

Bühne Karoly Risz

Kostüm Susanne Uhl

Musikalische Leitung und Komposition Matthias Krieg

Choreografie Gal Fefferman

Kampfchoreografie Atef Vogel

Licht Christian Schmidt

Dramaturgie David Benjamin Brückel

 

Dauer

5 Stunden 30 Minuten — zwei Pausen (Der Ticketpreis für »Krieg und Frieden« beinhaltet die Pausenverpflegung und ein Getränk)

Unterstützung

Mit freundlicher Unterstützung der Dr. Jürgen Trautvetter und Dr. Hermann Brückner-Stiftung.