Es sind 13 Darsteller*innen, die in 35 Rollen schlüpfen, und auch (teils auf der Bühne) die Kunst der Kostümwechsel zeigen, die ja blitzschnell ausgetauscht werden müssen. Rund 180 Kostüme haben die Schneiderinnen von Kostümbildnerin Susanne Uhl angefertigt. Das alles läuft auf einer langgestreckten Laufsteg-Bühne ab, das Publikum sitzt auf beiden Seiten. Es ist eigentlich die Probebühne im Central, nahe Hauptbahnhof, inmitten des härter werdenden Kiez rundherum.
Die Aufführung beginnt bereits um 17 Uhr und dauert gut fünf Stunden, aber die Schauspielkunst und zwei Pausen machen diese Länge durchaus annehmbar. In der ersten Pause gibt es auf der „Brücke“ des Central einen Snack (Chili con Carne) und ein Getränk (im Ticketpreis enthalten), in der zweiten Pause kann jeder noch einen Drink kaufen.
Der bekannte und preisgekrönte Autor Armin Petras, der 2027 Intendant am Theater Bremen wird, hat im Auftrag des Schauspielhauses – und damit zum Abschied für Intendant Schulz – das 1000-Seiten-Werk Tolstois in eine dreiteilige Bühnenfassung umgeschrieben.
Die Napoleonischen Kriege
Zeitlich geht es in mehreren Bildern um die Napoleonischen Kriege. So etwa 1805, als Napoleon – übrigens mehrfach hinreißend dargestellt von Claudia Hübbecker – die Österreicher besiegte. Das zeigt etwa der Auftritt von Mila Moinzadeh, der den österreichischen Schmäh im bestens Wienerisch wunderbar rüberbringt. Es führt zur berühmten Schlacht bei Austerlitz, und dann geht es zum Frieden von Tilsit 1807. Die Schauplätze der Szenen sind in einem Tableau über den Zuschauerrängen in Leuchtschrift sichtbar.
Es geht über die Pausen hinweg bis 1812, als Napoleon bei Borodino scheitert mit seinem Plan, Moskau zu erobern. Beim Rückzug wird die französische Armee durch Kälte, Hunger und Partisanen-Angriffe aufgerieben.
Krieg und Fernsehnachrichten
Das alles zeigt Tolstoi und auch die Inszenierung (Regie Tilmann Köhler) als sinnloses, brutales Töten mit Zigtausenden von Opfern auf beiden Seiten, und es wird deutlich an den Schicksalen der russischen adligen Familien. Deren Realitätsferne und Fanatismus (überragend dabei Thomas Wittmann) wird gnadenlos vorgeführt. Einzig Pierre (Matthias Reichwald) bleibt dem Kriegs- und Nationalwahn erstmal fern, lernt aber später die grausame Wirklichkeit der Front kennen.
Alles erinnert heutige Zuschauer an die grausigen Fernsehbilder aus dem Krieg von Putins Russland gegen die Ukraine, mit den zerstörten Häusern und dem Leid der Familien jetzt im vierten Jahr, der Jahrestag des Überfalls ist der 24. Februar.
Die Frauen
Da helfen auch die Szenen mit den Frauen der Familien nicht, die sich verlieben und die trauern müssen. Blanka Winkler als Natalija (Natascha) Rostowa etwa hüpft und tanzt und lacht und läuft hin und her, dass man am liebsten mitmachen möchte – diese Szene mit ihr und Sophie Stockinger ist eigentlich einen dicken Szenenapplaus wert, der kommt vom Publikum leider nicht. Eine feine Rolle hat auch Yohanna Schwertfeger als Hélène Kuragin, Tochter des Fürsten Kuragin, die auch die intrigante Seite und die Zwänge zum Überleben zeigt.
Die Unsinnigkeit von Kriegen, die Absurdität von Macht und Gefolgschaft bis in die Schlacht wird von Jonas Friedrich Leonhardi als Andrej Bolkonsky ebenso toll dargestellt wie etwa von Florian Lange als General Kutusow.
Und während der Schlachtenlärm gnadenlos über das Publikum hinwegdonnert, wird die Brutalität von Krieg sogar in diesem Saal deutlich.
Unvergessliches Theatererlebnis
Auch wenn es zunächst heftig anmutet, fünf Stunden Aufführung plus Pausen im Central zuzuschauen – es ist ein unvergessliches Theatererlebnis. Das sich vor allem lohnt, wenn man sich etwa fit macht mit den Hintergründen aus dem Programmheft.
Am Schluss stehen die meisten Zuschauer*innen spontan auf: Standing Ovations für diese grandiose Leistung der Schauspieler*innen und diese Inszenierung.
Weitere Termine und Kartenbestellung unter
https://www.dhaus.de/programm/a-z/krieg-und-frieden/
Besetzung
Anna Scherer, adlige Gesellschafterin: Sonja Beißwenger
Dolochow, Offizier und Zechbruder Anatol Kuragins / Denissow, Offizier und Freund Nikolai Rostows: Glenn Goltz
Napoleon: Claudia Hübbecker
Diplomat / Arzt: Mila Moinzadeh
Fürst Bolkonsky Thomas Wittmann
Andrej Bolkonsky, Sohn des Fürsten Jonas Friedrich Leonhardi
Marja Bolkonskaya, Tochter des Fürsten Judith Bohle
Lisa Bolkonskaya, verheiratet mit Andrej Bolkonsky Sophie Stockinger
Graf Besuchow Thomas Wittmann
Pierre Besuchow, unehelicher Sohn des Grafen Matthias Reichwald
Prinzessin Emily Besuchowa, Nichte des Grafen Judith Bohle
Fürstin Anna Michailowna, verarmte Verwandte der Besuchows Claudia Hübbecker
Boris, Sohn der Fürstin Anna Michailowna und Patenkind des Grafen Besuchow Yohanna Schwertfeger
Graf Rostow Thomas Wittmann
Gräfin Rostowa Claudia Hübbecker
Natalija (Natascha) Rostowa, Tochter der Rostows Blanka Winkler
Nikolai Rostow, der ältere Sohn der Rostows Michael Fünfschilling
Sonja Rostowa, Nichte der Gräfin und Ziehtochter der Rostows Sophie Stockinger
Petja Rostow, der jüngere Sohn der Rostows Luke Dopheide / Moritz Ristow / Max Wrieden
Onkel Semjon, Verwandter des Grafen Rostow Mila Moinzadeh
Fürst Wassili Kuragin Glenn Goltz
Hélène Kuragin, Tochter des Fürsten Yohanna Schwertfeger
Anatol Kuragin, Sohn des Fürsten Florian Lange
Zar Alexander I. Sonja Beißwenger
Josif, ein Freimaurer Claudia Hübbecker
General Bagration Sophie Stockinger
Gräfin Bagration Blanka Winkler
General Benningsen Sonja Beißwenger
General Barkley Glenn Goltz
Alter Soldat Thomas Wittmann
Wilson Sophie Stockinger
Beamter Michael Fünfschilling
Dorfältester Glenn Goltz
Priester Thomas Wittmann
Verwalter Mila Moinzadeh
Französischer Beamter Yohanna Schwertfeger
Kutscher Michael Fünfschilling
Tod Sonja Beißwenger
Chor der Offiziere / Diener / Bauern Ensemble
E-Gitarre, Percussion, Flöte, russisches Horn und elektronische Musik Matthias Krieg
Regie Tilmann Köhler
Bühne Karoly Risz
Kostüm Susanne Uhl
Musikalische Leitung und Komposition Matthias Krieg
Choreografie Gal Fefferman
Kampfchoreografie Atef Vogel
Licht Christian Schmidt
Dramaturgie David Benjamin Brückel
Dauer
5 Stunden 30 Minuten — zwei Pausen (Der Ticketpreis für »Krieg und Frieden« beinhaltet die Pausenverpflegung und ein Getränk)
Unterstützung
Mit freundlicher Unterstützung der Dr. Jürgen Trautvetter und Dr. Hermann Brückner-Stiftung.



