Wie kurz ist der Weg vom Messestand in die Apothekentüte? Ein Besuch auf der Cannafair Düsseldorf zwischen Online-Arzt, Markenwelt und neuen politischen Grenzen.

Cannabis auf Rezept, Gummibärchen im Gedränge

Von Alexandra Scholz-Marcovich |

Eine beschriftete schwarze Apothekendose steht neben medizinischen Cannabisblüten auf Informationsmaterial der Cannafair Düsseldorf.
Medizinalcannabis aus der Rats-Apotheke auf der Cannafair

Medizinalcannabis aus der Rats-Apotheke Düsseldorf: Auf der Cannafair 2026 hat NDOZ den digital vermittelten Bestellweg bis zur Abholung am Stand nachvollzogen. Personenbezogene Angaben wurden unkenntlich gemacht. / Foto: Alexandra Scholz-Marcovich, NDOZ

Auf der Cannafair zeigt sich, was seit 2024 rund um medizinisches Cannabis entstanden ist: Plattformen, spezialisierte Apotheken und internationale Marken. Wir haben den angebotenen Bestellweg journalistisch getestet. Er funktioniert erstaunlich schnell. Doch genau dieser Weg steht politisch wieder zur Debatte.

Schon auf dem Weg vom Parkplatz zur Halle liegt Cannabis in der Luft. Nicht als Metapher, sondern sehr konkret. Die Raucherzonen befinden sich draußen, und so funktioniert der Duft wie ein olfaktorisches Willkommensschild. Man weiß sofort, wo man ist. Eine Bäckerei ist es jedenfalls nicht.

Wir kommen gegen 13.30 Uhr am Areal Böhler an. Kostenloser Parkplatz, fünf Minuten Fußweg, keine Schlange. Kaum bin ich durch den Eingang, besitze ich bereits eine Tasche, Blättchen und einen Samen. Andere Messen schenken Kugelschreiber. Hier denkt man langfristiger.

Die Cannafair fand vom 21. bis 23. August 2026 auf dem Areal Böhler in Düsseldorf statt. Sie verbindet Fachmesse und Publikumsfestival: Medizinisches Cannabis, Eigenanbau, Konsumzubehör und Markenwelt liegen hier dicht beieinander. Das merkt man schon nach den ersten Metern.

Drinnen ist es voll, laut und erstaunlich fröhlich. Musik kommt aus mehreren Richtungen, Markenlogos aus allen. Cannabis ist das Thema. Branding ist die eigentliche Religion.

    Ich rauche nicht. Mich interessiert an diesem Tag deshalb weniger, welche Blüte fruchtig riecht oder welches Produkt angeblich entspannt. Ich will etwas anderes wissen: Wie kommt man auf einer Messe von der Auswahl eines medizinischen Cannabisprodukts bis zur Abholung in einer Apothekentüte?

    Ein Rezept zwischen zwei Messeständen

    Der interessanteste Teil dieser Messe steht nicht unter einer Pflanzenlampe. Er steckt in einem digitalen Ablauf, der Plattform, Arzt und Apotheke miteinander verbindet.

    Am Stand von Cannatree, einem Angebot der Rats-Apotheke in Düsseldorf-Gerresheim, zeigt mir Daniel Mezentsev vier medizinische Cannabisprodukte aus Polen und Kanada. Ich entscheide mich für eines davon, um den beworbenen Weg journalistisch nachvollziehen zu können.

    Der Ablauf führt über Weed.de. Dort wählt man Produkt und Menge, beantwortet einen medizinischen Fragebogen und macht Angaben zu Beschwerden. Ein über die Plattform vermittelter Arzt prüft die Anfrage und entscheidet über die Verordnung. Ohne Rezept gibt es kein medizinisches Cannabis. Anschließend muss die Apotheke die Verordnung annehmen und das Arzneimittel bereitstellen.

    Das Privatrezept, das ich erhalte, trägt die qualifizierte elektronische Signatur eines Arztes mit Anschrift in Sibiu, Rumänien. Aus dem scheinbar lokalen Weg zwischen Messestand und Düsseldorfer Apotheke wird damit beinahe unbemerkt ein grenzüberschreitender telemedizinischer Vorgang.

    Für die telemedizinische Beratung werden 4,50 Euro berechnet, für die Ausstellung des Rezepts ein Euro. Zusammen mit 69,90 Euro für zehn Gramm Medizinalcannabis ergibt sich ein Gesamtbetrag von 75,40 Euro.

    Der Arzt sitzt in Rumänien, die Apotheke in Gerresheim. Dazwischen liegt eine Plattform.

    So weit die Theorie.

    Firefox und ich geraten zunächst in eine kleine Beziehungskrise. Der Vorgang lässt sich nicht abschließen. Mit Chrome klappt es beim zweiten Versuch. Rund zwanzig Minuten später liegt die ärztliche Freigabe vor. Die Apotheke nimmt das Rezept an. Abholen kann ich die Bestellung allerdings erst gegen 16 Uhr.

    Das lässt Zeit für die übrige Messe. Und für die Frage, was in den vergangenen zwei Jahren rund um eine Pflanze entstanden ist, die politisch geöffnet wurde und wirtschaftlich längst weitergedacht wird.

    Die Marke reist dem Produkt voraus

    Bei LOT420 treffe ich Roxanne Deschênes aus Kanada. Mitten im Düsseldorfer Messelärm plötzlich Französisch zu sprechen, ist eine kleine Erholung. Direkt verkaufen will und darf das Unternehmen hier nicht. Seine Produkte sind für Apotheken bestimmt.

      Warum also die lange Reise? Weil auf der Cannafair genau die Menschen versammelt sind, die später in der Apotheke nach bestimmten Produkten fragen. Klassische Werbung ist in diesem Markt stark begrenzt, soziale Netzwerke sind schwierig, die Rechtslage unterscheidet sich von Land zu Land. Also reist die Marke selbst: nach Düsseldorf, Berlin, Portugal oder Brasilien.

      Das ist keine Gegenkultur mehr. Es ist internationaler Markenaufbau unter schwierigen regulatorischen Bedingungen.

      Gummibärchen, Growboxen und die Sache mit dem genauen Hinsehen

      Am größten ist das Gedränge dort, wo alles wie ein Süßwarenladen auf sehr lauter Urlaubsreise aussieht. Fruchtgummis, Bonbons, Kekse und Slush-Maschinen leuchten in Farben, gegen die selbst ein Jahrmarkt zurückhaltend wirkt. Prävention besitzt eindeutig das leisere Farbkonzept.

      Gerade hier lohnt sich der zweite Blick. THC-haltige Gummibärchen und andere Edibles dürfen in Deutschland weiterhin nicht verkauft werden. Auf einer Cannabismesse bedeutet eine grüne Verpackung noch lange nicht, dass überall dasselbe enthalten ist. CBD, andere Cannabinoide, Aroma oder schlicht Marketing: Wer wissen will, was er vor sich hat, muss das Etikett lesen. Eine erstaunlich vernünftige Erkenntnis für einen Stand mit Slush-Maschine.

        Ein paar Meter weiter beginnt die Abteilung Selbstversorgung. Es gibt Samen, Dünger, reflektierende Zelte, LED-Systeme, Trockennetze und schmale Growboxen, die wie beleuchtete Designvitrinen aussehen. Gegen Schädlinge verkauft man gleich deren natürliche Feinde. In Petrischalen liegen Nützlinge bereit, kleine Insekten gegen andere, unerwünschte Insekten. Biologischer Pflanzenschutz kann sehr futuristisch aussehen, wenn er zwischen Pflanzenlampen präsentiert wird.

        Am Gizeh-Stand läuft unterdessen Festivalbetrieb. Ein riesiger Bildschirm, laute Musik, Verkäufer in rosa T-Shirts. Für fünf Euro wandert eine Stranddecke, die sich in eine Tasche verwandeln lässt, über den Tresen. Dazu gibt es Feuerzeuge, ein Mischbrett, einen kleinen Grinder und Blättchen. Messeökonomie kann sehr überzeugend sein, wenn sie rosa trägt.

        Fünf Euro sind allerdings nur der Einstieg. Eine kleine Pfeife in Figurenform kostet zehn Euro, eine Glaspfeife hundert. Samenpakete werden je nach Sorte und Anbieter für 20 bis 150 Euro angeboten. Zwischen kleinem Mitbringsel und dreistelligem Spezialprodukt liegen hier manchmal nur wenige Messestände.

          Was ich auf der Cannafair außerdem gesehen habe

          Vom Steckling bis zur Rosinpresse: sechs Details, die am Rand der Recherche hängen geblieben sind.

          Junge Cannabispflanzen mit Preisangabe auf der Cannafair Düsseldorf

          Jungpflanzen

          Schmale beleuchtete Growbox auf der Cannafair Düsseldorf

          Growbox

          Beschriftete Petrischalen mit Nützlingen für biologischen Pflanzenschutz

          Nützlinge

          Vorführung einer Rosinpresse auf der Cannafair Düsseldorf

          Rosinpresse

          Bunte Pfeifen im Comic-Look in einer Verkaufsvitrine auf der Cannafair

          Pfeifen im Comic-Look

          Alexandra Scholz-Marcovich am Infopoint der Cannafair 2026

          NDOZ vor Ort

          Vom Eigenanbau über Pflanzenschutz und Verarbeitung bis zum Konsumzubehör: Die Cannafair zeigt, wie breit der Markt inzwischen geworden ist.

          Fotos, Konzept und Art Direction: Alexandra Scholz-Marcovich / NDOZ

          Die leiseren Ecken

          Forschung, Prävention und Politik sind ebenfalls da, nur weniger dominant. CANNA Research Laboratories informiert über Analysen und Anbauwissen. Der Deutsche Hanfverband spricht über Legalisierung und politische Entwicklungen. Beim Bund gegen Alkohol und Drogen im Straßenverkehr können Besucher in einem Fahrsimulator erleben, was eingeschränkte Reaktionsfähigkeit bedeutet.

            Konferenzen habe ich an diesem Tag nicht gesehen. Dafür einen B2B-Lounge-Bereich, in den mein Presseticket mich nicht hineinbringt. Für die diskreteren Geschäfte braucht man offenbar das richtige Bändchen.

            Gegen 16 Uhr kehre ich zu Cannatree zurück. Die Bestellung liegt bereit, verpackt in einer Apothekentüte. Vom ersten Versuch am Smartphone bis zur Übergabe sind etwa zweieinhalb Stunden vergangen. Die medizinische Prüfung selbst dauerte ungefähr zwanzig Minuten.

            Das ist schnell. Fast irritierend schnell.

            Und genau darin liegt die größere Geschichte dieses Nachmittags: Medizinisches Cannabis bleibt ein verschreibungspflichtiges Arzneimittel. Doch der Zugang hat inzwischen die Benutzeroberfläche des E-Commerce. Produkt wählen, Fragebogen ausfüllen, ärztliche Entscheidung abwarten, Rezept an die Apotheke übermitteln, Arzneimittel abholen. Hinter den vertrauten Klicks stehen weiterhin Arzt und Apotheke. Von außen sieht der Eingang trotzdem aus wie ein gewöhnlicher Onlineshop.

            Ein Markt in einem sich schließenden Zeitfenster

            Möglich wurde dieses Modell vor allem durch die politische Öffnung vom 1. April 2024. Seitdem fällt medizinisches Cannabis nicht mehr unter das Betäubungsmittelgesetz. Es bleibt rezeptpflichtig, kann aber auf einem normalen Arzneimittelrezept verordnet werden. Die besonderen Vorschriften für Betäubungsmittelrezepte entfielen.

            Darauf entstand ein neues Ökosystem aus Telemedizinplattformen, spezialisierten Apotheken, Importeuren und Marken. Nach Angaben der Bundesregierung stiegen die Importe von Cannabisblüten vom ersten zum zweiten Halbjahr 2024 um 170 Prozent. Die Verordnungen zulasten der gesetzlichen Krankenkassen nahmen im selben Zeitraum lediglich um neun Prozent zu. Die Bundesregierung sieht darin ein Indiz für einen wachsenden Selbstzahlermarkt mit Privatrezepten.

            Nun soll ein Teil dieser Öffnung wieder enger werden. Der vorliegende Gesetzentwurf sieht für die erstmalige Verschreibung von Cannabisblüten einen persönlichen Kontakt zwischen Arzt und Patient vor, etwa in der Praxis oder bei einem Hausbesuch. Eine reine Online-Abfrage würde dafür nicht mehr genügen. Bei Folgeverordnungen soll mindestens einmal innerhalb von vier Quartalen ein weiterer persönlicher Kontakt stattfinden. Außerdem ist ein Versandverbot für medizinische Cannabisblüten vorgesehen. Der Botendienst einer Apotheke soll möglich bleiben.

            Für den auf der Cannafair getesteten Weg wäre vor allem die Pflicht zum persönlichen Erstkontakt entscheidend. Die digitale Anfrage mit anschließender ärztlicher Entscheidung könnte in dieser Form nicht mehr allein die erste Verordnung tragen.

            Zum Redaktionsschluss am 26. August 2026 war die Reform noch nicht in Kraft. Nach der ersten Beratung im Bundestag und einer öffentlichen Anhörung im Gesundheitsausschuss befand sich der Entwurf weiterhin im parlamentarischen Verfahren. Bis zu einer gesetzlichen Änderung gilt die bestehende Rechtslage.

            Was bleibt von einem Messetag?

            Nach mehreren Stunden zwischen Apothekenwegen, Pflanzenlampen und sehr vielen Markenversprechen brauche ich nichts, was angeblich entspannt. Ich brauche jemanden, der meinen Nacken kennt.

            Junge polnische Masseure bieten eine sitzende Rücken- und Nackenmassage für rund zwanzig Euro an. Ich nehme Platz. Nach wenigen Minuten denke ich: Das hier wirkt tatsächlich schnell. Ganz ohne Rezept und ohne Firefox.

            Die Massage ist eine Randnotiz. Die Apothekentüte nicht.

            Sie steht für einen Markt, der in sehr kurzer Zeit gelernt hat, Medizin, Plattformlogik und Markenwelt miteinander zu verbinden. Auf der Cannafair lässt sich beobachten, wie normal dieser Weg bereits wirkt. Gerade deshalb ist die politische Frage so wichtig: Wer prüft den Zugang, wer berät die Patienten, und wie viel Digitalisierung verträgt ein verschreibungspflichtiges Arzneimittel?

            Der Weg in die Apothekentüte war an diesem Samstag erstaunlich kurz. Ob er es bleibt, entscheidet allerdings nicht die Cannafair in Düsseldorf, sondern der Bundestag in Berlin.

            Transparenz- und Aktualitätshinweis

            Für diesen Beitrag wurde der auf der Messe angebotene Bestell- und Abholweg für medizinisches Cannabis journalistisch nachvollzogen. Die Autorin konsumiert kein Cannabis und nahm das bestellte Produkt nicht ein. NDOZ erhielt für den Beitrag keine Vergütung. Die Cannafair stellte zwei Pressetickets zur Verfügung. Medizinisches Cannabis ist verschreibungspflichtig; über eine Verordnung entscheidet der behandelnde Arzt.

            Der Abschnitt zur Rechtslage entspricht dem Stand vom 26. August 2026. Bei einer späteren Aktualisierung müssen insbesondere der Stand des Gesetzgebungsverfahrens sowie die Regeln für Erstkontakt, Folgeverordnung und Versand erneut geprüft werden.

            Quellen zur Rechtslage

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