Der dritte im Bunde auf der Bühne trägt Springerstiefel und blaue Sportkleidung, was dem neuen Rechten fehlt, ist der Kopf, der Schauspieler Dominik Dos-Reis muss mit dem Kopf in der Jacke spielen. Dafür ist der Kopf Stefan Hunsteins über dem braunen Anzug komplett bandagiert, einem Kriegsversehrten ähnlich, und Ole Lagerpusch trägt eine Brille, die an Beckmann Brille draußen vor der Tür erinnert.
Neben der Litfaßsäule ohne Werbung, die aber politischen Werbesprech erklingen lässt, steht ein Tisch mit aufgemalten Händen, die Verhandungspartner sind verschwunden. Gegenüber öffnet sich eine Veranda vor einem Haus mit irgendwie österreichischen Fenstern. Auf der Veranda startet später des deutschen Spießers Liebstes – der Grill.
Sehenswertes Bühnenbild
Jelinek, die 2002 den Düsseldorfer Heine-Preis und 2004 den Literatur Nobelpreis erhielt, ist schließlich bekannt auch für ihre satirischen, ätzenden Texte. Und Regisseur Jossi Wieler ist bekannt für etliche ausgezeichnete Jelinek-Inszenierungen. Er hat auch in Düsseldorf wieder mit Bühnen- und Kostümbildnerin Anna Viebrock gearbeitet, die für ein sehenswertes Bühnenbild sorgte.
Sprachspiele und assoziative Sprache
Katja Bürkle entert die Szene lässig in einem orangefarbenen Overall, die Gedichterzählerin wird sich später auf Hemd und Hose reduzieren. Sprachspiele und assoziative Sprache bestimmen den Text, den Jelinek wir fast immer als Fließtext (ohne Rollenzuweisung) geschrieben hat.
Die braune Bestie könnte wiederkommen
Sprache des äußerst umstrittenen Philosophen Martin Heidegger (1889 – 1976) fließt, satirisch genutzt, in den Text ein, Heideggers „Schwarze Hefte“ und seine unbestreitbare Nähe zu den Nazis ist Jelinek offenbar bestens bekannt. Das deutsche „Seiende“ wird hier dargestellt als Übergang, Übertritt zur Bestie. Auch ein Hund geistert durch den Text, er ist nie zu sehen. Aber er ist ohne Leine, und nicht nur die Leine fehlt auch den Deutschen nach 1945: „Unsere Leinen hängen noch am Führer“, heißt es einmal. Was seit Jahren allseits bekannt ist in Deutschland: Dass die antisemitische und nazistische Einstellung bei etwa einem Fünftel der Deutschen immer noch vorhanden war.
Empfehlung : Sehr gutes Digitales Programmheft
Im Programmheft ist ein QR Code, der zum digitalen Programmheft führt – eine ausgezeichnete Erfindung des Schauspielhaus-Teams. Dort sind Texte aufgeführt, die zum weiteren Verständnis führen, und aus denen Jelinek zum Teil zitiert.
Etwa von Theodor W. Adornos 1951 erschienenen „Minima Moralia – Reflexionen aus dem beschädigten Leben“ sind von Aphorismen und kurze Essays, die der Philosoph im amerikanischen Exil schrieb, Texte über Antisemitismus und Kultur von 1944 bis 1946.
1967 erschien das Suhrkamp Buch „Die Unfähigkeit zu trauern“ von Alexander und Margarete Mitscherlich, ein Buch, dass ich als Schüler 1968 gelesen habe, nicht alles verstand, aber das mich ab 1970 zum Einstieg in eine intensiven Lektüre und Kenntnisse der Psychoanalyse führte. Das Buch allerdings rüttelte an den deutschen Verdrängungen, es folgten heftige Auseinandersetzungen. Zitat: „Ohne eine schmerzliche Erinnerungsarbeit wird dies nicht gelingen können, und ohne sie wirken unbewusst die alten Ideale weiter, die im Nationalsozialismus die fatale Wendung der deutschen Geschichte herbeigeführt haben.“
Zitat aus dem digitalen Programmheft: „Erstaunlich viele sprachliche Bilder und Formulierungen in Ein Übertritt zitieren das lyrische Werk des walisischen Dichters und Schriftstellers Dylan Thomas (1914 bis 1953)…
https://www.dhaus.de/digitale-programmhefte/ein-uebertritt
Hoffen auf Alles auf Ende
Das die Kriege, die Entmenschlichung im Krieg und vor dem Krieg, ein Ende habe, es ist eine Hoffnung. Wenn die drei Männer gegen Ende sich aus ihren Masken schälen, bleibt die „Gedichterin“ auf dem leeren Tisch zurück. Es überkommt den Zuschauer ein Gruseln, wenn die drei Männer diesen Ort des Wartehäuschens schließlich mit lauten Marschtritt verlassen, und Ende eben nicht das Ende ist.
Lesung
Am 6. November und am 15. November liest Stefan Hunstein nach den Vorstellungen Texte von Erlassen der Nazis von 1934 und am 15. 11. Texte von Paul Celan.
Weitere Termine und Kartenbestellung
https://www.dhaus.de/programm/a-z/ein-uebertritt/
Besetzung
Mit Katja Bürkle, Dominik Dos-Reis, Stefan Hunstein, Ole Lagerpusch
Regie Jossi Wieler
Bühne und Kostüm Anna Viebrock
Bühnenbildmitarbeit Anna Brotánková
Kostümmitarbeit Lasha Iashvili
Musik Friederike Bernhardt
Licht Christian Aufderstroth
Dramaturgie Victor Schlothauer
Dauer circa 1 Stunde 45 Minuten | keine Pause



