Der NDOZ-Wochenrückblick zum 23. Oktober: Was die Stadt bewegt hat – und was über diese Woche hinausweist.
Düsseldorf diese Woche: Was wichtig war, was bleibt
Wandbild „Auge“ am Hellweg in Düsseldorf-Flingern
„Auge“ am Hellweg in Flingern: 1980 von der damaligen Wandmalgruppe Düsseldorf geschaffen und 2010 in dritter Fassung von Klaus Klinger erneuert. Das Motiv entstand ursprünglich als Kritik an Überwachung und Kontrolle. Nachdem es wegen Arbeiten an der Fassade verschwunden war, setzten sich Anwohnerinnen und Anwohner für seine Rückkehr ein. Foto: Alexandra Scholz-Marcovich / NDOZ
Was kostet eigentlich das gute Leben in der Stadt? Diese Woche geht es um Mieten, Gesundheit, soziale Infrastruktur – und darum, was Düsseldorf lebenswert macht.
Was kostet eigentlich das gute Leben in einer Stadt?
Die naheliegende Antwort wäre: ziemlich viel.
15,10 Euro pro Quadratmeter beträgt inzwischen die durchschnittliche Angebotsmiete in Düsseldorf. Ein halber Liter Cola enthält 53 Gramm Zucker. Und selbst hinter einer blauen Tonne, die morgens selbstverständlich geleert wird, kann mehr stecken als Abfallentsorgung: In mehreren Düsseldorfer Stadtteilen ist die Leerung Teil der Arbeit einer städtischen Gesellschaft, die zugleich Beschäftigungsförderung betreibt.
Drei sehr unterschiedliche Geschichten dieser Woche. Zusammen erzählen sie trotzdem etwas Ähnliches.
Eine Stadt funktioniert nicht nur deshalb gut, weil Wohnungen gebaut, Mülltonnen geleert oder Krankheiten behandelt werden. Interessant wird es bei der Frage, zu welchem Preis – und für wen.
Wohnen: Zwischen 15,10 und 7,85 Euro liegen zwei Düsseldorf
Wer derzeit in Düsseldorf eine Wohnung sucht, begegnet einer Zahl besonders schnell: 15,10 Euro pro Quadratmeter. So hoch liegt die durchschnittliche Angebotsmiete laut aktuellem GREIX-Mietpreisindex. Gegenüber dem Vorjahr sind die Angebotsmieten in Düsseldorf um 5,4 Prozent gestiegen.
Eine zweite Zahl sieht ganz anders aus: 7,85 Euro.
Das ist in Düsseldorf die derzeitige Bewilligungsmiete für neu öffentlich geförderte Wohnungen der Einkommensgruppe A. Auch die Förderrichtlinie Öffentliches Wohnen NRW 2026 setzt sie bei höchstens 7,85 Euro pro Quadratmeter an.
Natürlich sind beide Werte nicht direkt vergleichbar. Der eine beschreibt Angebote auf dem freien Markt, der andere eine regulierte Miete für öffentlich geförderten Wohnraum mit Zugangsvoraussetzungen.
Gerade deshalb erzählen sie so viel.
Denn zwischen 7,85 und 15,10 Euro liegt nicht einfach eine Differenz von 7,25 Euro. Dazwischen liegt für viele Menschen die Frage, ob sie in Düsseldorf überhaupt noch eine passende Wohnung finden.
Gleichzeitig liegt im Rathaus eine Neuregelung für größere Wohnungsbauprojekte auf dem Tisch. Auf privaten Grundstücken sollen bei Vorhaben ab 75 Wohnungen künftig mindestens 30 Prozent öffentlich geförderter Wohnraum entstehen, ergänzt um weitere gemeinwohlorientierte Wohnformen. Auf städtischen Grundstücken läge der geförderte Anteil höher. Entschieden ist bislang nichts; es gilt weiterhin die Regelung von 2023 mit 50 Prozent.
Das klingt nach Verwaltungsdeutsch. Tatsächlich geht es um eine der politischsten Fragen überhaupt: Wer wird sich das Düsseldorf von morgen leisten können?
Dass Investoren wirtschaftlich bauen können müssen, ist keine Nebensache. Ohne Projekte entstehen auch keine Wohnungen. Aber ebenso wenig kann sich eine wachsende Stadt darauf verlassen, dass ein angespannter Markt das Problem des bezahlbaren Wohnens von selbst löst.
Was bleibt: Düsseldorf braucht Wohnungen. Entscheidend ist nicht nur, wie viele gebaut werden, sondern welche.
Mehr bei NDOZ: 15,10 Euro oder 7,85 Euro: Wovon in Düsseldorf abhängt, was Wohnen kostet →
Gesundheit: 53 Gramm Zucker – und eine einfache politische Antwort?
Auch bei der zweiten Geschichte dieser Woche beginnt alles mit einer Zahl.
53 Gramm Zucker stecken ungefähr in einem halben Liter klassischer Cola. Das entspricht rund 18 Stück Würfelzucker. Das Universitätsklinikum Düsseldorf nennt dieses Beispiel in der aktuellen Debatte über eine mögliche Zuckersteuer.
Der Düsseldorfer Diabetologe Prof. Michael Roden macht dabei etwas, das in politischen Debatten gelegentlich zu kurz kommt: Er unterscheidet zwischen dem, was plausibel klingt, und dem, was wissenschaftlich tatsächlich belegt ist.
Dass ein regelmäßiger hoher Konsum zuckergesüßter Getränke mit einem erhöhten Risiko für Übergewicht und Typ-2-Diabetes verbunden ist, gilt als gut belegt. Eine einzelne Limonade verursacht selbstverständlich keinen Diabetes; Ernährung, Bewegung, genetische Faktoren und das Körpergewicht spielen ebenfalls eine Rolle.
Komplizierter wird es bei der Steuer.
Internationale Erfahrungen deuten darauf hin, dass Hersteller Rezepturen verändern und sich Kaufverhalten beeinflussen lässt. Ob eine solche Abgabe langfristig tatsächlich zu weniger Diabetes-Neuerkrankungen führt, ist dagegen noch nicht ausreichend belegt.
Rodens Forderung ist deshalb bemerkenswert unspektakulär: Wenn eine Steuer eingeführt wird, muss ihre Wirkung professionell gemessen werden.
Eigentlich sollte das selbstverständlich sein.
Politik beschließt eine Maßnahme mit einem bestimmten Ziel. Anschließend wird geprüft, ob dieses Ziel erreicht wurde. Funktioniert sie, gibt es Argumente für sie. Funktioniert sie nicht, muss man nachsteuern.
Das wäre weniger spektakulär als die übliche Debatte zwischen „Bevormundung“ und „Gesundheitsschutz“. Aber vermutlich nützlicher.
Was bleibt: Eine gute Absicht ist noch kein Ergebnis. Gerade Gesundheitspolitik sollte sich daran messen lassen, was sie tatsächlich verändert.
Mehr bei NDOZ: Zuckersteuer ab 2027: Ein Düsseldorfer Diabetologe nennt eine Bedingung →
Und dann ist da noch die blaue Tonne
Die dritte Geschichte kostet vermutlich niemanden einen Gedanken.
Montagmorgen. Blaue Tonne raus, irgendwann ist sie leer, später wieder rein.
Fertig.
Nur: Nicht überall in Düsseldorf fährt dafür die AWISTA vor.
In Rath, Unterrath, Gerresheim, Unterbach, Wersten und Urdenbach übernimmt die Zukunftswerkstatt Düsseldorf, kurz ZWD, die Leerung. Rund 16.400 Behälter gehören zu ihrem Sammelgebiet. Dahinter steht eine hundertprozentige städtische Gesellschaft, deren eigentliche Aufgabe Beschäftigungsförderung ist.
Und plötzlich wird aus einer Mülltonne eine Geschichte über den Arbeitsmarkt.
Die ZWD betreibt nicht nur die Altpapiersammlung. Sie ist unter anderem in der Schul- und Kitaverpflegung tätig, betreibt die Radstation am Hauptbahnhof und bietet Qualifizierung, Coaching und geförderte Beschäftigung für Menschen an, deren Weg zurück in den regulären Arbeitsmarkt oft schwierig ist. 2025 begleitete sie nach eigenen Angaben 1.122 Menschen.
Das ist die Art von kommunaler Infrastruktur, die funktioniert, gerade weil sie kaum auffällt.
Vielleicht ist das überhaupt ein unterschätztes Merkmal einer lebenswerten Stadt: Vieles, was den Alltag trägt, bemerkt man erst, wenn es nicht mehr funktioniert.
Der Bus kommt. Die Bibliothek öffnet. Müll wird abgeholt. Kinder bekommen Mittagessen. Eine Straße ist beleuchtet.
Oder jemand erhält nach Jahren ohne geregelte Beschäftigung wieder einen Arbeitsplatz.
Was bleibt: Stadtpolitik besteht nicht nur aus Rathausdebatten und großen Bauprojekten. Manchmal fährt sie morgens als Müllwagen durch die Straße.
Mehr bei NDOZ: Wer in Düsseldorf manchmal hinter der blauen Tonne steckt →
Also: Was kostet das gute Leben?
Vielleicht war schon die Frage falsch gestellt.
Natürlich kostet eine lebenswerte Stadt Geld.
Wohnraum muss gebaut und gefördert werden. Gesundheitsprävention kostet Geld. Soziale Infrastruktur kostet Geld. Bibliotheken, öffentlicher Verkehr, Straßen, Kultur, Schulen und Beschäftigungsprogramme ebenfalls.
Aber teuer und wertvoll sind nicht dasselbe.
Die interessantere Frage lautet deshalb nicht nur, was Düsseldorf ausgibt.
Sondern: Was bekommt die Stadt dafür zurück?
Bezahlbare Wohnungen? Weniger Erkrankungen? Menschen, die wieder Arbeit finden? Einen Alltag, der funktioniert?
Dann wird aus der Kostenfrage eine Frage nach Wirkung.
Und die lässt sich sehr viel schlechter mit einer einzigen Zahl beantworten.
Außerdem diese Woche in Düsseldorf
Tschechows „Möwe“ landet im Schauspielhaus
Barbara Frey inszeniert Anton Tschechows „Die Möwe“ am Düsseldorfer Schauspielhaus. Jo Achim Geschke beschreibt für NDOZ einen ruhigen, melancholischen Abend und ein starkes Ensemble – aber auch eine Inszenierung, der an einigen Stellen etwas mehr Tempo gutgetan hätte.
Jo Achim Geschkes Kritik bei NDOZ →
Fast drei Stunden bei Die Kurve
À table mit Alex war diesmal in Pempelfort: neun Mezze, Fischkebab, Ceviche, israelischer Wein – und ein französischer Gast. Interessanter als die Zahl der Teller war am Ende vielleicht die Zeit: Von 19.47 Uhr bis ungefähr 22.40 Uhr saß die Runde am Tisch. Fast drei Stunden, ohne dass jemand zum Aufbruch drängte.
À table mit Alex: Die Kurve in Pempelfort →
Was am Wochenende kommt
Der Wochenrückblick soll nicht zum zweiten Veranstaltungskalender werden. Dafür gibt es bei NDOZ die laufend aktualisierten Übersichten. Drei Termine für dieses Wochenende trotzdem:
Herbstkirmes: Am Freitag um 16 Uhr beginnt am Tonhallenufer die Düsseldorfer Herbstkirmes. Sie läuft bis zum 31. Oktober; am 28. Oktober ist Familientag.
Tag der Bibliotheken: Am Samstag beteiligen sich Zentralbibliothek und Stadtteilbüchereien am bundesweiten Aktionstag. Neukundinnen und Neukunden können sich an diesem Tag unter bestimmten Bedingungen drei Monate kostenlos anmelden; dazu gibt es Veranstaltungen für Kinder und Erwachsene.
DüsselDog Days: Im Blumengroßmarkt findet am Samstag und Sonntag erstmals die neue Düsseldorfer Hundemesse statt. Samstag ist von 14 bis 20 Uhr geöffnet, Sonntag von 10 bis 18 Uhr; Eintritt 8 Euro.
Praktisch fürs Wochenende: Auf der Brehmstraße wird es ab Freitag kompliziert. Auf Höhe des Eisstadions ist die Fahrbahn in Richtung Norden vom 23. bis 27. Oktober komplett gesperrt. Hintergrund sind Arbeiten am Fernwärmenetz und an der Fahrbahnoberfläche.
Mehr Termine bei NDOZ
Drei NDOZ-Serien für die nächsten Tage
Kultur, Wirtschaft und Flohmärkte: laufend aktualisiert und direkt aus Düsseldorf.
Was wir weiter beobachten
Beim Wohnen steht die Abstimmung über die Gemeinwohlquote noch aus. Danach wird sich zeigen, was sie in konkreten Projekten tatsächlich hervorbringt.
Bei der Gesundheit ist die Zuckersteuer ein gutes Beispiel dafür, dass politische Maßnahmen nicht nur beschlossen, sondern später auch auf ihre Wirkung geprüft werden müssen.
Und bei der ZWD kommt eine weitere Frage hinzu: Die Gesellschaft und die Jugendberufshilfe Düsseldorf wollen zusammenrücken. Gleichzeitig muss die Stadt sparen. Auch hier wird interessant sein, was von Strukturen bleibt, die im Alltag oft kaum sichtbar sind.
Drei unterschiedliche Geschichten also.
Und doch dieselbe Frage:
Was macht eine Stadt lebenswert – und was ist uns das wert?
Düsseldorf diese Woche. Was wichtig war, was bleibt. Jeden Freitag bei NDOZ.



