Fanny und Alexander nach Bergman als 2. Premiere im D Haus

Fanny und Alexander oder der Sieg der Phantasie über geistige Enge

Von Jo Achim Geschke |

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Alles nur Theater – Sohn Alexander (Aedan D'Inca) schaut auf die Szene im häuslichen Theaterspiel. / Foto © Sandra Then D Haus

Das Essen der ganzen Familie endet damit, dass alle mit dem Weinglas in der Hand hustend und anscheinend vergiftet über dem festlich gedeckten Tisch zusammenbrechen. Der Sohn Alexander (ganz phantastisch Aedan D'Inca) geht langsam am Tisch vorbei und dann – stehen alle auf. Es ist die Schauspielerfamilie Ekdahl, mit der Oma und deren Söhnen und ihren Frauen und – vor allem – eben den Enkeln Fanny und Alexander. Der Sohn von Schauspielerin Emilie ist sehr phantasiebegabt. Und die ganze Familie eben immer wieder im Aufführ-Modus. Die Schauspieler*innen spielen auf ihre Bühne als Schauspieler*innen auf der Theaterbühne – auch diese Konstellation wohl typisch für Ingmar Bergman, von dem das Original, sein letzter, Oscar-prämierter Film von 1982, stammt.

Regisseur Thorleifur Örn Arnarsson aus Island lässt seine Schauspieltruppe vor einem vierstöckigen Gerüst aus grauen Fachwerk-Balken agieren, die eine Art überladenden Theater-Fundus mit Puppen, Masken und anderen Utensilien darstellen.

Die Familie ist offenbar mit ihren Aufführungen erfolgreich und eine Familie von Mimen, wie man sie sich vorstellt, Klischees wie den untreuen Ehemann Carl Gustav Ekdahl, der mit Maj ins Bett geht und danach seine Frau in der Badewanne bequasselt, inklusive.

Die ganze Bühne

Mutter Emilie Ekdahl geht mit den Kindern Fanny und Alexander sehr liebevoll um. Was beim Film die Schnitte sind, so hat es der Regisseur in einem Interview im Programmheft erklärt, ist auf der Bühne die Aufteilung in Szenen auf der linken oder rechten Seite des Zuschauerraums, etwa mit dem Bett der Kinder. Die Agierenden gehen auch schon mal miteinander diskutierend durch die Zuschauerreihe acht.

Forderung nach Verzicht

Aber während einer Probe stirbt Vater Oskar,  eine sehr intensive Szene im Stück. Mutter Emilie ist verzweifelt.  Das ist die Stunde des großen Manipulators, des Bischofs.  Der Bischof bietet Mutter Emilie ein sichereres Heim, sagt er, aber sie muss dafür auf all ihren Reichtum und alle Güter verzichten, und in sein spartanisches Haus einziehen.

Hier kommt Bergmans protestantisch geprägte Erfahrung mit Religion deutlich zum Ausdruck, die auch Regisseur Arnarsson ausspielt. Der Bischof, den Philipp Hauß ausgezeichnet als Schein-Heiligen, als Religionseiferer spielt, quält den kleinen Alexander mit manipulativen double-bind-Sätzen. Die Ideologie des verquastem „Strafen aus Liebe“ und ähnliches kommt hier sehr gut zutage. Alexander ist längst in die Phantasie seiner erfundenen Geschichten geflohen. Der Bischof erträgt die für ihn kaum zu fassende  Phantasie nicht, er will einfache, klare überkommene Strukturen aus alten Zeiten. Und ist damit ein moderner, jetzt-zeitiger Mensch – die Wahl in Sachsen-Anhalt grüßt aus dem Jetzt herüber. Aber die Verhältnisse, die sind nicht so, eben nie so eindeutig schwarz-weiß.

Die Mutter flippt aus

Schließlich züchtigt er den phantasievollen Alexander mit dem Rohrstock. Mutter Emilie rastet aus – und wie Tabea Bettin als sonst eher zurückhaltende Mutter plötzlich explodiert, Stühle wirft und auf ihren Bischof losgeht, ist sehr beeindruckende Schauspielkunst.

Aber dann bleibt sie doch bei ihm, wird sogar schwanger. Aber als er ihr die Kinder wegnehmen will, wenn sie ihn verlassen will, mixt sie ihm Schlaftabletten in den Tee. Die Familie entführt die beiden Kinder in die Sicherheit. Und der Bischof endet in einem Inferno im Haus mit den Fachwerk-Balken.

Der Phantasie die Ehre

Die Familie, die am Ende vereint und friedlich zum Essen schreitet, will weiterhin der Phantasie die Ehre geben, und weiter Theater spielen, der Phantasie die Freiheit geben. Es ist der Sieg der Phantasie Alexanders über den rückwärtsgewandeten, starrköpfigen Manipulator.

Großer langer Jubel, der noch mehr aufbrandet, wenn das große Talent, der kleine Alexander /  Aedan D'Inca sich neben Bühnenmutter Tabea Bettin verbeugt.  Ein äußerst gelungener Theaterabend, die zweite Premiere in dieser neuen Spielzeit mit dem neuen Intendanten, der anwesend war.  

Kartenbestellungen und weitere Termine unter

https://www.dhaus.de/programm/spielplan/fanny-und-alexander-2026/2880/

Besetzung

Helena Ekdahl, Witwe, ehemalige Schauspielerin: Manuela Alphons

Oscar Ekdahl, ihr ältester Sohn, Theaterdirektor: Markus Danzeisen

Emilie Ekdahl, seine Frau, Schauspielerin: Tabea Bettin

Alexander, Sohn von Oskar und Emilie: Anton Jäger / Aedan D'Inca

Fanny, Tochter von Oskar und Emilie: Maria Lomova / Sophia Swirski

Carl Gustav Ekdahl, Helenas zweiter Sohn: Franz Pätzold

Alma Ekdahl, seine Frau / Frau Blenda Vergerus, Mutter des Bischofs: Cathleen Baumann

Maj, Geliebte von Carl Gustav / Henrietta Vergerus, Schwester des Bischofs:  Lisa-Katrina Mayer

Isak Jacobi, Geliebter von Helena, Geschäftsmann: Jürgen Sarkiss

Ismael, sein Neffe: Eren Kavukoğlu

Bischof Edvard Vergerus: Philipp Hauß

Live-Musik Julius Béla Dörner

Regie Thorleifur Örn Arnarsson

Bühne Eva Veronica Born

Kostüm Andri Unnarson

Musik Julius Bèla Dörner

Licht Alexander Held

Dramaturgie Anika Steinhoff, Birgit Lengers

Dauer: 2 Stunden, 15 Minuten | keine Pause