Regisseur Thorleifur Örn Arnarsson aus Island lässt seine Schauspieltruppe vor einem vierstöckigen Gerüst aus grauen Fachwerk-Balken agieren, die eine Art überladenden Theater-Fundus mit Puppen, Masken und anderen Utensilien darstellen.
Die Familie ist offenbar mit ihren Aufführungen erfolgreich und eine Familie von Mimen, wie man sie sich vorstellt, Klischees wie den untreuen Ehemann Carl Gustav Ekdahl, der mit Maj ins Bett geht und danach seine Frau in der Badewanne bequasselt, inklusive.
Die ganze Bühne
Mutter Emilie Ekdahl geht mit den Kindern Fanny und Alexander sehr liebevoll um. Was beim Film die Schnitte sind, so hat es der Regisseur in einem Interview im Programmheft erklärt, ist auf der Bühne die Aufteilung in Szenen auf der linken oder rechten Seite des Zuschauerraums, etwa mit dem Bett der Kinder. Die Agierenden gehen auch schon mal miteinander diskutierend durch die Zuschauerreihe acht.
Forderung nach Verzicht
Aber während einer Probe stirbt Vater Oskar, eine sehr intensive Szene im Stück. Mutter Emilie ist verzweifelt. Das ist die Stunde des großen Manipulators, des Bischofs. Der Bischof bietet Mutter Emilie ein sichereres Heim, sagt er, aber sie muss dafür auf all ihren Reichtum und alle Güter verzichten, und in sein spartanisches Haus einziehen.
Hier kommt Bergmans protestantisch geprägte Erfahrung mit Religion deutlich zum Ausdruck, die auch Regisseur Arnarsson ausspielt. Der Bischof, den Philipp Hauß ausgezeichnet als Schein-Heiligen, als Religionseiferer spielt, quält den kleinen Alexander mit manipulativen double-bind-Sätzen. Die Ideologie des verquastem „Strafen aus Liebe“ und ähnliches kommt hier sehr gut zutage. Alexander ist längst in die Phantasie seiner erfundenen Geschichten geflohen. Der Bischof erträgt die für ihn kaum zu fassende Phantasie nicht, er will einfache, klare überkommene Strukturen aus alten Zeiten. Und ist damit ein moderner, jetzt-zeitiger Mensch – die Wahl in Sachsen-Anhalt grüßt aus dem Jetzt herüber. Aber die Verhältnisse, die sind nicht so, eben nie so eindeutig schwarz-weiß.
Die Mutter flippt aus
Schließlich züchtigt er den phantasievollen Alexander mit dem Rohrstock. Mutter Emilie rastet aus – und wie Tabea Bettin als sonst eher zurückhaltende Mutter plötzlich explodiert, Stühle wirft und auf ihren Bischof losgeht, ist sehr beeindruckende Schauspielkunst.
Aber dann bleibt sie doch bei ihm, wird sogar schwanger. Aber als er ihr die Kinder wegnehmen will, wenn sie ihn verlassen will, mixt sie ihm Schlaftabletten in den Tee. Die Familie entführt die beiden Kinder in die Sicherheit. Und der Bischof endet in einem Inferno im Haus mit den Fachwerk-Balken.
Der Phantasie die Ehre
Die Familie, die am Ende vereint und friedlich zum Essen schreitet, will weiterhin der Phantasie die Ehre geben, und weiter Theater spielen, der Phantasie die Freiheit geben. Es ist der Sieg der Phantasie Alexanders über den rückwärtsgewandeten, starrköpfigen Manipulator.
Großer langer Jubel, der noch mehr aufbrandet, wenn das große Talent, der kleine Alexander / Aedan D'Inca sich neben Bühnenmutter Tabea Bettin verbeugt. Ein äußerst gelungener Theaterabend, die zweite Premiere in dieser neuen Spielzeit mit dem neuen Intendanten, der anwesend war.
Kartenbestellungen und weitere Termine unter
https://www.dhaus.de/programm/spielplan/fanny-und-alexander-2026/2880/
Besetzung
Helena Ekdahl, Witwe, ehemalige Schauspielerin: Manuela Alphons
Oscar Ekdahl, ihr ältester Sohn, Theaterdirektor: Markus Danzeisen
Emilie Ekdahl, seine Frau, Schauspielerin: Tabea Bettin
Alexander, Sohn von Oskar und Emilie: Anton Jäger / Aedan D'Inca
Fanny, Tochter von Oskar und Emilie: Maria Lomova / Sophia Swirski
Carl Gustav Ekdahl, Helenas zweiter Sohn: Franz Pätzold
Alma Ekdahl, seine Frau / Frau Blenda Vergerus, Mutter des Bischofs: Cathleen Baumann
Maj, Geliebte von Carl Gustav / Henrietta Vergerus, Schwester des Bischofs: Lisa-Katrina Mayer
Isak Jacobi, Geliebter von Helena, Geschäftsmann: Jürgen Sarkiss
Ismael, sein Neffe: Eren Kavukoğlu
Bischof Edvard Vergerus: Philipp Hauß
Live-Musik Julius Béla Dörner
Regie Thorleifur Örn Arnarsson
Bühne Eva Veronica Born
Kostüm Andri Unnarson
Musik Julius Bèla Dörner
Licht Alexander Held
Dramaturgie Anika Steinhoff, Birgit Lengers
Dauer: 2 Stunden, 15 Minuten | keine Pause



