Mehr als 50 Skulpturen, Arbeiten auf Papier und eigens für das Museum geschaffene Wandzeichnungen: Warum sich der kurze Ausflug von Düsseldorf nach Duisburg lohnt.

Köpfe aus Stahl, geschlossene Augen: Jaume Plensa in der Küppersmühle

Von Alexandra Scholz-Marcovich |

Mehrere großformatige Kopfskulpturen von Jaume Plensa mit geschlossenen Augen in einem abgedunkelten Ausstellungsraum des MKM Museum Küppersmühle in Duisburg.
Jaume Plensa: Köpfe mit geschlossenen Augen

Geschlossene Augen, unterschiedliche Oberflächen: Mehr als 50 Skulpturen sind in Jaume Plensas Ausstellung „Invisible“ in der Küppersmühle zu sehen. / Werke: Jaume Plensa / Foto: Klaus von Jackelmann, NDOZ

Ein Kopf aus Edelstahl schwebt im alten Silo, Buchstaben werfen neue Bilder an die Wand. Fotograf Klaus von Jackelmann hat Jaume Plensas Ausstellung „Invisible“ in Duisburg besucht.

Mehrere Köpfe stehen in einem abgedunkelten Raum. Die Augen sind geschlossen, die Gesichter langgezogen. Licht streift über Bronze, Marmor und unebene Oberflächen. Die Figuren schauen niemanden an. Gerade deshalb schaut man selbst genauer hin.

Fotograf Klaus von Jackelmann hat die Ausstellung „Invisible“ von Jaume Plensa im Museum Küppersmühle besucht. Seine Bilder zeigen keine Kunst, die sich mit einem schnellen Rundgang erledigt. Sie braucht Abstand, Nähe und Zeit.

Die Ausstellung beginnt vor der Museumstür

Noch vor dem Eingang steht „Flora“. Der weiße Kopf aus dem Jahr 2021 ragt zwischen den Backsteinfassaden der ehemaligen Küppersmühle auf. Geschlossene Augen, ein ruhiges Gesicht, mehr als sieben Meter hoch.

„Beeindruckend ist bereits die große weiße Figur vor dem Gebäude der Küppersmühle“, sagt Klaus. Für ihn begann die Begegnung mit Plensas Arbeiten deshalb nicht erst im Ausstellungsraum.

Das Weiß der Skulptur setzt sich deutlich von den alten Industriegebäuden ab. Gleichzeitig wirkt der Kopf nicht wie ein Fremdkörper. Er steht dort, als hätte man beim Bau der Mühle versehentlich Platz für ihn gelassen.

Ein Kopf schwebt im alten Silo

Im ehemaligen Siloraum wartet die Arbeit, die Klaus am stärksten im Gedächtnis geblieben ist. „Invisible Anna“ besteht aus einem Geflecht von Edelstahlstäben. Der transparente Kopf ist rund sieben Meter hoch und scheint im dunklen Raum zu schweben.

Licht fällt von oben durch die Konstruktion. Die Grenzen der Skulptur bleiben sichtbar, ohne dass sie einen geschlossenen Körper bildet. Wer daruntersteht, wird klein.

„Am meisten hat mich die riesige Figur im ehemaligen Silo begeistert“, sagt Klaus.

Das MKM nennt „Invisible“ die bislang umfassendste Einzelausstellung des spanischen Bildhauers Jaume Plensa. Mehr als 50 Skulpturen sind zu sehen, dazu Arbeiten auf Papier und Wandzeichnungen, die eigens für das Museum entstanden sind. Zum ersten Mal seit zehn Jahren widmet ein deutsches Museum dem Künstler eine Ausstellung dieses Umfangs. Auf den Siloraum folgen acht weitere Räume mit Arbeiten aus Marmor, Alabaster, Kunststoff, Bronze, Eisen und Stahl.

Geschlossene Augen, offene Oberflächen

Plensas Figuren wirken zunächst ruhig und in sich gekehrt. Dann fallen ihre Oberflächen auf. Manche sind glatt, andere tragen Spuren, Vertiefungen und unregelmäßige Strukturen. Je nach Standpunkt verändert sich auch die Form der Gesichter.

Ein Kopf, von vorn sofort erkennbar, kann im Profil beinahe verschwinden. Die langgezogenen Proportionen irritieren den gewohnten Blick auf den menschlichen Körper.

Klaus empfand die Begegnung anders als bei antiken Figuren, die er in Rom oder Griechenland gesehen hat. Plensas Köpfe erreichten ihn unmittelbarer. Diese Wirkung entsteht nicht nur durch ihre Größe. Auch die geschlossenen Augen verändern das Verhältnis zwischen Werk und Betrachter. Die Figuren beobachten den Raum nicht. Sie überlassen das Schauen vollständig dem Publikum.

Die kleineren Arbeiten aus Alabaster und Marmor wirken aus der Nähe beinahe weich. Ihre Oberflächen laden dazu ein, mit der Hand darüberzufahren.

Anfassen ist nicht gestattet.

Es bleibt beim genauen Hinsehen.

Wenn der Schatten ein zweites Werk bildet

Besonders aufmerksam wurde Klaus auf die Schatten der Skulpturen. Einige Körper bestehen aus Buchstaben und Zeichen. Das Licht fällt durch die Zwischenräume und setzt die Figur an der Wand fort.

„Der Schattenwurf der Figuren hat mich sehr begeistert. Dadurch haben sich an den Wänden zusätzliche Werke gebildet“, sagt er.

Die Skulptur endet damit nicht an ihrer Oberfläche. Sie verändert sich mit dem Licht, der Position des Betrachters und dem Abstand zur Wand. Aus Stahl entsteht ein Körper. Aus dem Körper entsteht ein Schatten. Beides gehört zum selben Moment.

Sprache ist bei Plensa nicht nur Inhalt. Sie wird zum Material. Buchstaben verschiedener Alphabete bilden menschliche Silhouetten und bleiben einzeln lesbar. Erst mit etwas Abstand verbinden sie sich zu einem Körper.

Der Künstler beschreibt seine Arbeit als Versuch, Verbindungen zwischen Menschen zu schaffen, ohne dass Herkunft, Religion, Ideologie oder Geografie die entscheidende Rolle spielen.

Auch die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte ist Teil der Ausstellung. Auf metallenen Türen sind einzelne Artikel der Erklärung zu lesen. Klaus fotografierte die Tür mit Artikel 1: Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.

Erst Abstand, dann Nähe

Klaus betrachtet die Ausstellung nicht nur als Besucher, sondern durch den Sucher seiner Kamera. Das verändert die Begegnung mit den Werken.

„Durch die Kamera bin ich oft auf Abstand und erfahre eigentlich erst beim Betrachten der Bilder eine Nähe zur Kunst“, sagt er.

Auf Abstand lassen sich Linien, Formen und Größenverhältnisse ordnen. Auf dem fertigen Bild treten andere Details hervor: ein einzelner Buchstabe, der Schatten eines Kopfes oder eine Person, die im Verhältnis zur Skulptur plötzlich sehr klein erscheint.

Manche Arbeiten erschließen sich im Raum. Andere beginnen auf dem Foto ein zweites Mal.

Kurator Kay Heymer über die Resonanz

Bei seinem Besuch sprach Klaus auch mit Kurator Kay Heymer. Er gehört zum Team des MKM und der Stiftung für Kunst und Kultur.

Nach Klaus’ Erinnerung zeigte sich Kay Heymer besonders erfreut darüber, mit welcher Begeisterung die Ausstellung vom Publikum angenommen werde.

Eine alte Mühle als Teil der Inszenierung

Das MKM befindet sich in einer ehemaligen Getreidemühle aus dem 19. Jahrhundert, die mehr als 100 Jahre industriell genutzt wurde. Herzog & de Meuron bauten das Speichergebäude Ende der 1990er-Jahre zum Museum um und realisierten später auch die 2021 eröffnete Erweiterung. Heute stehen rund 6.100 Quadratmeter Ausstellungsfläche zur Verfügung. Alte Silos, Backstein, hohe Räume und die Verbindungen zwischen den Gebäudeteilen sind nicht bloß Hintergrund. Besonders bei „Invisible Anna“ wird die Industriearchitektur selbst zum Teil der Wahrnehmung.

Mehr Museumsgeschichte braucht es für diesen Besuch zunächst nicht. Die Räume erklären ihre Wirkung beim Gehen.

Wie viel Zeit sollte man einplanen?

Klaus empfiehlt für die Ausstellung ein bis zwei Stunden. Wer die unterschiedlichen Materialien, die Oberflächen und vor allem die Schatten genauer betrachtet, bleibt eher länger.

Die Wechselausstellung allein kostet 8 Euro, ermäßigt 4 Euro. Das Ticket für die Wechselausstellung und die Sammlung kostet 14 Euro, ermäßigt 7 Euro. Kinder und Jugendliche bis einschließlich 16 Jahre haben freien Eintritt. Duisburgerinnen und Duisburger können das MKM donnerstags gegen Vorlage ihres Ausweises kostenlos besuchen.

Mittwochs um 15 Uhr führt der „Kunstmittwoch“ durch die aktuelle Wechselausstellung. Sonntags um 15 Uhr gibt es eine Überblicksführung durch das Haus. Beide Angebote sind im Eintrittspreis enthalten. Für die Sonntagsführung ist keine Anmeldung notwendig, ein frühes Erscheinen wird empfohlen.

Aus dem Museumsbesuch wird ein halber Tag

„Die Reise von Düsseldorf nach Duisburg ist in jedem Fall lohnenswert, und es gibt drumherum noch viel zu entdecken“, sagt Klaus.

Der Innenhafen beginnt direkt vor dem Museum. Für eine Pause ist das Restaurant KÜ mit dem MKM verbunden und bietet einen Blick auf das Hafenbecken. Eine frühzeitige Reservierung wird empfohlen.

Wer freitags, samstags oder sonntags kommt, kann bis zum 30. September außerdem die Aussichtsplattform auf dem Dach besuchen. Sie liegt rund 40 Meter über Duisburg. Der Zugang kostet zusätzlich 4 Euro und ist nur bei geeigneter Witterung möglich.

Klaus empfiehlt als weitere Duisburger Station auch die Landmarke Tiger & Turtle. Dafür sollte man allerdings eine eigene Etappe einplanen. Innenhafen, Museum und ein zweiter Ort in der Stadt machen aus dem Ausstellungsbesuch problemlos einen halben Tag.

Im Raum und noch einmal im Bild

Für Klaus liegt die Wirkung der Ausstellung gerade darin, dass Plensas Figuren nicht wie klassische Statuen erscheinen. Sie sind übergroß, in sich gekehrt, teilweise durchsichtig und dennoch körperlich präsent. Manche Kunst lässt sich ruhig aus der Distanz betrachten. Bei diesen Arbeiten braucht es nach seinem Eindruck die unmittelbare Begegnung im Raum.

Vielleicht ist genau das eine Stärke von „Invisible“: Die Werke verändern den Raum und wirken später auf den Fotografien noch einmal anders.

Für einen Ausflug von Düsseldorf nach Duisburg liefert die Ausstellung damit einen konkreten Anlass. Wegen der Skulpturen, wegen des alten Silos und wegen der Schatten, die an den Wänden plötzlich zu neuen Bildern werden.

×Drei Kopfskulpturen von Jaume Plensa im Museum Küppersmühle

Geschlossene Augen, langgezogene Gesichter und Hände, die vor den Körpern ruhen. / Werke: Jaume Plensa / Foto: Klaus von Jackelmann, NDOZ

×Zwei Besucher vor einer Skulptur in Jaume Plensas Ausstellung Invisible

Kunstbetrachtung im doppelten Sinn: Zwei Besucher stehen vor einer schwebenden Figur, einer von ihnen hält das Smartphone bereit. / Werke: Jaume Plensa / Foto: Klaus von Jackelmann, NDOZ

×Schwarz-weiße Arbeit von Jaume Plensa mit Gesicht und Schrift

Ein Gesicht zwischen Zeichnung, Relief und Schrift. Die Augen bleiben in dieser Arbeit ausnahmsweise geöffnet. / Werke: Jaume Plensa / Foto: Klaus von Jackelmann, NDOZ

Kurz & knapp

Ausstellung:

Jaume Plensa: „Invisible“

Laufzeit:

26. Juni bis 1. November 2026

Ort:

MKM Museum Küppersmühle für Moderne Kunst

Philosophenweg 55

47051 Duisburg-Innenhafen

Öffnungszeiten:

  • Mittwoch: 14 bis 18 Uhr
  • Donnerstag bis Sonntag und an Feiertagen: 11 bis 18 Uhr
  • Montag und Dienstag geschlossen

Eintritt:

  • Wechselausstellung: 8 Euro, ermäßigt 4 Euro
  • Gesamtes Haus: 14 Euro, ermäßigt 7 Euro
  • Familienkarte für das gesamte Haus: 22 Euro
  • Bis einschließlich 16 Jahre: Eintritt frei
  • Duisburgerinnen und Duisburger: donnerstags frei mit Ausweis

Empfohlene Besuchsdauer:

Ein bis zwei Stunden

Öffentliche Führungen:

  • Mittwoch um 15 Uhr: aktuelle Wechselausstellung
  • Sonntag um 15 Uhr: Sammlung und Wechselausstellung
  • Kein Aufpreis zum Eintritt

ÖPNV:

Ab Duisburg Hauptbahnhof mit der Buslinie 934 bis zur Haltestelle Hansegracht.

Mit dem Auto aus Düsseldorf:

Über die A59, Ausfahrt Duisburg-Duissern. Danach der Beschilderung „Innenhafen“ beziehungsweise „Museum Küppersmühle“ folgen.

Parken:

Der Parkplatz liegt gegenüber dem Museum. Nach Entwertung des Tickets an der Museumskasse sind die ersten drei Stunden kostenlos. Die Höhe der anschließenden Gebühr sollte am Parkautomaten geprüft werden, da die offiziellen MKM-Seiten derzeit unterschiedliche Beträge nennen.

Zusätzlicher Tipp:

Aussichtsplattform bis 30. September, freitags bis sonntags bei geeigneter Witterung. Zusatzpreis: 4 Euro.

Quellen:

MKM Museum Küppersmühle; Vor-Ort-Eindrücke von Klaus von Jackelmann und sein Gespräch mit Kurator Kay Heymer.

Weitere Ausstellungsansichten:
Auf der offiziellen Website von Jaume Plensa sind weitere Ansichten von „Invisibles“ im Museum Küppersmühle zu sehen.