Menschen in Düsseldorf | In ihrem Atelier an der Friedrichstraße lässt Carolin Herzberg malen, auch wer es nie gelernt hat.
Carolin Herzberg: Wer sagt, dass du nicht malen kannst?
„Du kannst doch gar nicht malen", sagte die Tochter. Die Frau kam trotzdem in Carolin Herzbergs Düsseldorfer Atelier. Zwei Stunden später hatte sie einen Plan.
Manche Farben sieht man erst, wenn das Licht ausgeht. Im Hinterhof an der Friedrichstraße 102 liegt ausARTen, das Atelier von Carolin Herzberg. Hier gibt es große Fenster und Platz zum Malen. Für einen ihrer Kurse wird es allerdings dunkel.
Klaus von Jackelmann hat einen solchen Schwarzlicht-Workshop mit der Kamera begleitet. Acht Menschen, gemischte Gruppe, ein junger Mann darunter. Bevor die Farben leuchten, stellt sich eine Frage, die auch bei bestem Tageslicht nicht unbedingt leichter wird: Was male ich eigentlich?
Klaus notiert, wie zunächst Motive überlegt werden. Dann entsteht ein Untergrund, darauf wird mit Kreide vorgezeichnet, anschließend kommen die Farben. Sein eigener Leitfaden an diesem Abend: einfach mal machen. Dazwischen Caro, wie er sie nennt, gut gelaunt, mit Anregungen für die Teilnehmenden.
Bevor das Licht ausgeht
Fünf kleine Schritte bis zum Schwarzlicht.

Leinwand
Bevor das Schwarzlicht angeht, stehen die Leinwände bereit: freie Motivwahl im Atelier von ausARTen. Foto: Klaus von Jackelmann.
Motiv
Erst die Idee, dann die Farbe: Im Workshop werden Motive zunächst mit Kreide vorbereitet. Foto: Klaus von Jackelmann.
Material
Farben, Pinsel, Untergrund: Vor dem ersten Strich liegt die Auswahl auf dem Tisch. Foto: Klaus von Jackelmann.Erst steht alles bereit. Dann kommt eine Idee, Material wird gewählt, Konzentration stellt sich ein, und die Farbe berührt die Leinwand.
Wenn die Farben plötzlich leuchten
Carolin beschreibt den Anfang ihrer freien Malkurse als nachdenklich und konzentriert. Ein Motiv gibt sie nicht vor. Die Gäste suchen nach einer eigenen Idee und lassen sich von ihren Impulsen anregen. Für gewöhnlich malt sie während des Kurses kein eigenes Bild. Ihre Aufgabe ist es, Techniken zu zeigen, Tipps zu geben und die anderen bei ihrer Arbeit zu begleiten.
Wer Carolin Herzberg zuhört, merkt schnell: Sie will kein Motiv vorgeben, sondern den Anfang leichter machen. Vorkenntnisse setzt das Atelier ausdrücklich nicht voraus, Farben, Pinsel und Schwarzlicht stehen bereit.
Sobald das Schwarzlicht angeht, verändert sich die Stimmung. Carolin beschreibt diesen Moment als den Augenblick, in dem der Raum kippt:
„Kaum jemand rechnet damit, wie intensiv und magisch die Farben in der Dunkelheit tatsächlich leuchten!“
Für Klaus von Jackelmann beginnt damit eine zweite Suche: nicht nach dem Motiv, sondern nach der richtigen Belichtungszeit. Was für die Teilnehmenden ein überraschender Effekt ist, verlangt hinter der Kamera erst einmal technische Geduld. Dann übernimmt das Schwarzlicht, und aus dem vorsichtigen Anfang wird ein anderer Raum.
Dann leuchtet es.
Was aus den ersten Linien wird.




Im Schwarzlicht werden aus Skizzen, Gesten und Zufällen Bilder, die im Raum plötzlich eine andere Kraft bekommen.
Erst Grafikdesign, dann der Sprung
Carolin Herzberg ist 34, in Gütersloh aufgewachsen und lebt seit knapp zehn Jahren in Düsseldorf. Sie hat Gestaltung mit Schwerpunkt Grafikdesign studiert und lange als Grafikerin gearbeitet. Ihren eigenen Schwerpunkt setzt sie anders:
„Allerdings habe ich mich im Herzen schon immer eher als Künstlerin gefühlt.“
Vor knapp anderthalb Jahren machte sie sich vollständig selbstständig. Für diesen Schritt musste sie Mut sammeln. Über das Gefühl danach sagt sie:
„Es hat sich noch nie etwas in meinem Leben so richtig angefühlt.“
Der Wunsch, Kunst mehr Raum zu geben, war schon vorher da. 2023 gründete sie Loft of Art, heute ein Kollektiv mit mehreren Kunstschaffenden. Die Düsseldorfer Kunstszene habe damals auf sie sehr geschlossen gewirkt: kaum Nachtmärkte, kaum offene Plattformen. Sie wollte einen Ort schaffen, an dem Kunstschaffende miteinander und mit einem Publikum in Kontakt kommen.
Bei der Pink Edition des Loft of Art Weekend 2026 habe ich gesehen, wie unterschiedlich die Menschen und Arbeiten in diesem Kollektiv sind. Carolins Bilder gehörten dazu. Der Zugang zur Kunst ist auch in ihren Erzählungen ein wiederkehrendes Thema. Für sie entscheidet kein klassisches Kunststudium allein darüber, wer etwas zu zeigen hat.
„Meiner Meinung nach entsteht Kunst nicht zwangsläufig durch theoretisches Wissen, sondern aus Passion und Gefühl.“
Carolin Herzberg
So begründet sie auch, warum sie anderen eine Plattform gibt.
Auch Zuversicht hat anstrengende Tage
An sich selbst zu glauben, habe sie früh gelernt, erzählt Carolin. Sie sei mit der Überzeugung aufgewachsen, schaffen zu können, worauf sie sich konzentriere, auch wenn um sie herum gezweifelt wurde. Dafür sei sie dankbar. Das könnte leicht nach einer glatten Erfolgsgeschichte klingen. Carolin erzählt weiter.
Für neue Action-Painting-Angebote bereitet sie gerade den Kellerbereich auf. Dabei seien unerwartet viel Arbeit und hohe Kosten auf sie zugekommen. Eine besonders schwierige Woche habe sie zuletzt daran zweifeln lassen, ob sie weitermachen solle. Kurz habe sie sich gefragt, ob das ein Zeichen des Universums sei, alles aufzugeben.
Sie entschied sich, es als Prüfung zu sehen, und machte weiter. Zwischen der Idee eines größeren Ateliers und dem fertigen Raum liegen eben auch Arbeiten, die auf keinem leuchtenden Workshop-Foto zu sehen sind.
„Mama, du kannst doch gar nicht malen“
Carolin beschreibt zwei Seiten ihrer Arbeit. In den Spachtelkursen gibt sie Techniken weiter, damit am Ende ein eigenes Bild entsteht und kein nachgezeichnetes Motiv. In den freien Kursen zählt das Ergebnis weniger. Da genüge ihr, wenn jemand im Malen für einen Moment bei sich ankomme.
Was sie antreibt, erzählt sie an einer Begegnung aus einem Spachtelkurs. Eine Frau habe ihr vor dem Malen erzählt, was ihre Tochter zu Hause gesagt hatte:
„Mama, warum machst du denn einen Malkurs? Du kannst doch gar nicht malen.“
Ein ziemlich abschließendes Urteil für ein Bild, das noch gar nicht existiert.
Carolin erinnert sich, wie die Frau im Verlauf des Kurses aufblühte und mit jedem Strich sicherer wurde. Am Ende stand sie vor ihrem Werk und hatte einen Plan für die Heimkehr. Carolin gibt ihre Worte so wieder:
„Ich werde jetzt mit meinem ganz tollen Bild nach Hause gehen und meine Tochter komplett überraschen. Die wird von den Socken sein!“
Zu Hause sollte dann das Bild antworten.








