Alex & Stefan on Tour: Das Düsseldorf Festival eröffnet mit „Pixel“ und einer Rede von Andreas Dahmen über Kunst, Pluralität und Demokratie.

Düsseldorf Festival 2026: „Pixel“, Standing Ovations und klare Worte zur Demokratie

Von Alexandra Scholz-Marcovich, Stefan Scholz |

Die Cie Käfig in „Pixel“ beim Düsseldorf Festival 2026: Tänzer bewegen sich in einem kreisförmigen Raum aus Tausenden digitalen Lichtpunkten.
„Pixel“ eröffnet das Düsseldorf Festival 2026

Zwischen Körper und digitalem Raum: Die Cie Käfig eröffnet das Düsseldorf Festival 2026 mit Mourad Merzoukis „Pixel“ im Theaterzelt am Burgplatz. / Foto: Alexandra Scholz-Marcovich, NDOZ

Andreas Dahmen spricht zum Auftakt ungewöhnlich deutlich über die gesellschaftliche Kraft der Kunst und über Neugier, Pluralität und Demokratie. Dann beginnt „Pixel“ von Mourad Merzouki, Cie. Käfig und verschiebt im Theaterzelt die Grenzen zwischen Körper, Licht und digitalem Raum.

Ein Kreis aus Lichtpunkten schließt sich um die Tänzer. Er wird dichter, bewegt sich, zieht sich zusammen. Für einen Moment scheint die Bühne ihre eigene Schwerkraft zu verlieren.

Ein Jahr Arbeit wird plötzlich greifbar, wird zum Erlebnis für das Publikum und die Veranstalter

19.20 Uhr am Burgplatz. Empfang vor dem Theaterzelt, ein Glas Weißwein, Gespräche im Stehen. Um 19.30 Uhr richtet Christiane Oxenfort die ersten Worte an die geladenen Gäste.

Sie erzählt von diesem eigentümlichen Moment, wenn nach einem Jahr Vorbereitung das, was im Festivalbüro geplant, diskutiert und künstlerisch entwickelt wurde, plötzlich Wirklichkeit wird. Auch nach 36 Ausgaben sei das keine Selbstverständlichkeit. Mit der Eröffnung verbinde sich jedes Jahr aufs Neue Aufregung und große Freude.

Später vor dem Publikum greift Oberbürgermeister Dr. Stephan Keller ein Bild auf, das gut zum Düsseldorf Festival passt.

„Hier auf dem Burgplatz schlägt das Herz des Düsseldorf Festivals.“

Aber dieses Herz habe noch andere Organe, sagt Keller. Das Festival findet nicht nur im Theaterzelt statt. Bis zum 4. Oktober bespielt es unterschiedliche Orte in der Stadt mit Tanz, Musik, Zirkus und Produktionen, die sich nicht immer eindeutig einer Kunstform zuordnen lassen.

Oberbürgermeister Stephan Keller spricht bei der Eröffnung des Düsseldorf Festivals 2026, neben ihm Christiane Oxenfort und Andreas Dahmen.
Oberbürgermeister Dr. Stephan Keller bei der Eröffnung des Düsseldorf Festivals 2026, neben ihm Christiane Oxenfort und Andreas Dahmen. Foto: Stefan Scholz, NDOZ.

Dann spricht Andreas Dahmen. Und der Ton verändert sich.

Was Kunst für eine Gesellschaft leisten kann

Dahmen spricht zunächst nicht über Politik, sondern über Neugier. Über die vielleicht schönste Seite seines Berufs: etwas zu ermöglichen, das keinem unmittelbaren Zweck folgen muss. Über diesen Zustand, in dem man sich auf etwas einlässt, ohne vorher zu wissen, was passieren wird.

Hingehen. Zuschauen. Sich überraschen lassen. Vielleicht passiert etwas. Vielleicht kommt man anders wieder heraus.

Für Dahmen ist das mehr als eine schöne Begleiterscheinung von Kunst. Er sagt an diesem Abend ungewöhnlich deutlich, was Kunst aus seiner Sicht für eine Gesellschaft leisten kann. Dann fallen vier Wörter: „Pluralität, Farbigkeit, Diversität, Demokratie.“

Seine Wortwahl fällt auf. Dahmen spricht nicht einfach von einer „bunten“ Gesellschaft. Er benutzt das Wort Farbigkeit. Er spricht von Pluralität und verbindet sie ausdrücklich mit Demokratie. Und er geht noch einen Schritt weiter: Wenn Künstlerinnen und Künstler solche Werte in den Mittelpunkt ihres Handelns stellten, könnten auf Bühnen „Gegenentwürfe“ sichtbar werden zu gesellschaftlichen Entwicklungen, „die wir alle nicht wollen“.

Eine Partei nennt Dahmen bewusst nicht, auch keine Wahlergebnisse. Der Satz bleibt stehen und wird im Theaterzelt sehr deutlich beklatscht.

„… dass es Gegenentwürfe gibt zu mancher gesellschaftlichen Entwicklung, die wir alle nicht wollen.“

Andreas Dahmen

Andreas Dahmen spricht beim Empfang zur Eröffnung des Düsseldorf Festivals 2026.

Foto: Stefan Scholz, NDOZ.

Der politische Kontext gibt diesen Worten zusätzliches Gewicht. Die AfD stellt in ihrem Bundestagswahlprogramm 2025 „deutsche Leitkultur“ dem „Multikulturalismus“ gegenüber. Im Landtag Sachsen-Anhalt forderte ihre Fraktion im Juni zudem, staatliche Kulturförderung an ein „Bekenntnis zu Staat, Demokratie und deutscher Kultur“ zu knüpfen. Die anderen Fraktionen lehnten den Antrag ab und verwiesen auf die Freiheit der Kunst. Dahmen nennt die AfD nicht. Seine Rede fällt aber in eine Debatte darüber, welche Rolle öffentlich geförderte Kunst und Kultur in einer Gesellschaft spielen sollen. (Quellen: AfD-Bundestagswahlprogramm 2025; Landtag Sachsen-Anhalt, 25. Juni 2026.)

Dann wird es dunkel.

Und dann kommt „Pixel“

Wenige Minuten später bekommt Dahmens Gedanke von der kindlichen Neugier eine sehr konkrete Form. Mourad Merzouki bringt mit seiner Compagnie Käfig „Pixel“ ins Theaterzelt. Das Stück entstand 2014 gemeinsam mit den Digitalkünstlern Adrien Mondot und Claire Bardainne. Hip-Hop trifft auf zeitgenössischen Tanz, Akrobatik und eine digitale Welt, die nicht hinter den Menschen auf der Bühne bleibt, sondern sich mit ihnen bewegt.

Elf Performerinnen und Performer stehen an diesem Abend auf der Bühne. Oder vielleicht müsste man sagen: in Räumen. Denn was Boden ist, was Wand, was vorne und was hinten, verändert sich ständig. Man könnte lange erklären, wie diese Technik funktioniert. Man muss sie eigentlich sehen.

Tänzerinnen und Tänzer der Cie Käfig bewegen sich bei Pixel zwischen warmem Bühnenlicht und kühlen digitalen Lichtpunkten.
Warme Körper, kühle Lichtpunkte: In „Pixel“ reagieren Tanz und digitale Projektion ständig aufeinander. Foto: Alexandra Scholz-Marcovich, NDOZ.

Das Licht ist mal warm, mal kalt. Punkte werden zu Linien, Linien zu Flächen. Der Raum öffnet sich, kippt und schließt sich wieder. Die Choreografien sind präzise bis in kleinste Bewegungen. Besonders stark sind jene Momente, in denen die Körper selbst die Logik der Projektion übernehmen.

Bewegungen werden gedehnt, fast eingefroren. Die Tänzer simulieren Zeitlupe so genau, dass für Sekunden nicht mehr klar ist, ob das Bild oder der Mensch unsere Wahrnehmung steuert. Die Musik treibt den Abend voran, ohne die Bilder zu überfahren.

Und dann fällt der Himmel herunter.

Wenn Pixel zu einer Kraft werden

Zunächst sind es einzelne Lichtpunkte, dann immer mehr. Sie fallen wie Regen und werden schließlich zum Sturm. Die Performer öffnen transparente Schirme und stemmen sich gegen etwas, das physisch gar nicht existiert. Andere ducken sich vor der Bewegung der Projektion.

Szene aus Pixel beim Düsseldorf Festival 2026: Performer mit transparenten Schirmen unter einer Projektion aus fallenden Lichtpunkten.
Eine virtuelle Kraft, auf die die Körper ganz real reagieren: Die fallenden Pixel werden auf der Bühne zum Sturm. Foto: Alexandra Scholz-Marcovich, NDOZ.

Und trotzdem glaubt man diese Kraft zu spüren. Genau darin liegt eine der Qualitäten von „Pixel“: Die digitale Welt ist nie bloß Dekoration. Sie spielt mit, drängt, zieht, täuscht und verändert die Wahrnehmung des Raumes.

An anderer Stelle bewegt sich eine Artistin mit nach hinten gebogenem Körper tief über die Bühne, fast wie eine Spinne. Der Körper scheint plötzlich anderen Gesetzen zu folgen. Dann schließen die Pixel die Gruppe ein, formen einen Tunnel und öffnen wieder einen neuen Raum.

Man wird von einer Dimension in die nächste getragen, ohne dass die Menschen auf der Bühne gegen die Technik verschwinden. Im Gegenteil: Je virtueller die Welt um sie herum wird, desto stärker schaut man auf ihre Körper.

Wenn eine Rede im Bühnenraum weiterklingt

„Pixel“ ist kein politisches Stück, und man muss es auch nicht dazu machen. Doch nach Dahmens Rede bekommt der Abend einen zweiten Resonanzraum.

Er spricht davon, künstlerische Grenzen aufzubrechen. Auf der Bühne passiert genau das. Er spricht davon, sich auf etwas einzulassen, dessen Ausgang man nicht kennt. „Pixel“ lebt von diesem Spiel. Hip-Hop, zeitgenössischer Tanz, Akrobatik, Musik und digitale Kunst treffen aufeinander, ohne dass eine Disziplin die andere verdrängen muss.

Keine Botschaft mit Ausrufezeichen. Es passiert einfach. Wer zusieht, versteht es sofort.

Elf Menschen vor einem stehenden Saal

Nach rund 70 Minuten ist die Vorführung beendet. Die Projektionen verschwinden. Plötzlich sind da wieder nur Menschen auf einer Bühne. Elf. Und ein Publikum, das sitzen bleiben könnte.

Nein, das Publikum steht auf.

Das Publikum im Theaterzelt steht und applaudiert den elf Darstellerinnen und Darstellern von Pixel beim Düsseldorf Festival 2026.
Der Saal steht: Standing Ovations für die Cie Käfig nach „Pixel“ im Theaterzelt am Burgplatz. Foto: Stefan Scholz, NDOZ.

Standing Ovations im Theaterzelt. Dahmen hatte einleitend davon gesprochen, sich auf etwas einzulassen, ohne zu wissen, was mit einem passiert.

Es ist etwas passiert an diesem Abend: Die Eröffnung des diesjährigen Düsseldorf Festivals war in vielerlei Hinsicht bewegend und vor allem künstlerisch auf Weltklasse-Niveau. Ein Niveau, das ohne Kunstfreiheit, Pluralität, Farbigkeit, Diversität und Demokratie niemals hätte erreicht werden können.

Das gilt es zu bewahren. Düsseldorf kann zu Recht stolz darauf sein, dem Festival seit 36 Jahren eine angemessene Bühne zu bieten.

Kurz & knapp

Düsseldorf Festival 2026
16. September bis 4. Oktober 2026

„Pixel“ · Cie Käfig / Mourad Merzouki
16. bis 19. September 2026, jeweils 20 Uhr
Theaterzelt am Burgplatz

Choreografie: Mourad Merzouki
Digitale Kreation: Adrien Mondot & Claire Bardainne
Musik: Armand Amar

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