Kapitalmarkt-Dialog Mai 2026 | NDOZ × Bethmann Bank: Börsenrallye, Iran-Konflikt, KI & Gold
Geht der Börsen-Rallye der Treibstoff aus? Risiken für einen Abschwung steigen
Benzinpreise in Düsseldorf-Flingern am 24. April 2026
Benzinpreise am 24.04.2026 in Düsseldorf-Flingern. / Foto: Stefan Scholz, NDOZ
Die Waffen schweigen im Nahen Osten, die Weltwirtschaft zeigt sich robust, und die Finanzmärkte jagen neue Höchststände. Doch jedes Rennen rast unweigerlich auf ein Ende zu. Angesichts anhaltender Energieengpässe wächst das Risiko, dass der Rallye der Treibstoff ausgeht. Es ist Zeit, Tempo rauszunehmen. Auch Geldanlegerinnen und -anleger, die zuletzt mutiger unterwegs waren, tun gut daran, wieder vorsichtiger durch die Kurven an der Börse zu fahren.
Auf diesem Weg schafft der Kapitalmarkt-Dialog von NDOZ und Bethmann Bank Orientierung. Hier gibt das Team der Bethmann Bank in Düsseldorf wertvolle Einschätzungen für die Kapitalanlage.
Patric Wilhelm, Geschäftsbereichsleiter der Bethmann Bank, analysiert die aktuelle Situation und blickt voraus auf die weitere Entwicklung. Hier seine Zusammenfassung:
Patric Wilhelm (Bethmann Bank) – Kapitalmarkt-Dialog NDOZ
Patric Wilhelm, Geschäftsbereichsleiter der Bethmann Bank, im Kapitalmarkt-Dialog mit NDOZ. / Foto: Bethmann Bank
Der Rückblick
Die Waffenruhe hat den Iran-Krieg nicht beendet – er hat sich nur verändert: Aus der militärischen Auseinandersetzung ist ein Wirtschaftskrieg geworden. Der wesentliche strategische Hebel: die Straße von Hormus. Mitte April hatte der Iran noch angekündigt, die Schlagader für den Transport von Erdöl und Flüssigerdgas wieder zu öffnen. Doch er machte seine Ankündigung wieder rückgängig. Grund sei die anhaltende Seeblockade der USA
Die globalen Finanzmärkte ließen sich dennoch beruhigen von diplomatischen Beschwichtigungen und der Hoffnung auf ein baldiges Ende des Kriegs. Und sie tankten Mut. Schließlich präsentierten sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen stabil. Die Aktienmärkte holten in der Folge die anfänglichen Verluste größtenteils wieder auf. In einigen Fällen schossen sie sogar auf neue Allzeithochs.
Getrieben von starken Unternehmensgewinnen schob der Markt die Ängste beiseite – obwohl die Störungen an den Energiemärkten in Wahrheit so groß sind wie noch nie.
Die aktuelle Lage
Die befristete Waffenruhe zwischen den USA, Israel und dem Iran hat die Eskalationsgefahr zwar kurzfristig reduziert. Sie hat die Hoffnungen geweckt, dass sich die Lage auf zentralen Energie‑ und Handelsrouten wie der Straße von Hormus normalisieren könnte. Doch diese Hoffnung bleibt äußerst fragil.
Entsprechend hoch ist weiterhin das Risiko, dass es erneut zu Störungen in den globalen Lieferketten kommt, insbesondere im Energie‑ und Transportsektor. Diese Unsicherheit hat immer mehr Einfluss auf die Realwirtschaft: Der globale Industriezyklus hat nach kurzer Erholung wieder an Schwung verloren. Schwellenländer leiden dabei besonders unter steigenden Energiepreisen und schlechteren Exportaussichten. In den Industrieländern, vor allem in Europa, erscheint die Entwicklung zunächst robuster zu sein. Dieses Bild wird jedoch verzerrt durch längere Lieferzeiten. Globale Angebotsengpässe überdecken eine schwache Nachfrage und erhöhen Kosten‑ sowie Preisdruck.
Zwar sind nahezu alle EU‑Länder abhängig von Öl- und Gasimporten. Doch die Bedeutung fossiler Energieträger unterscheidet sich teils erheblich. Länder wie Belgien, Spanien, Italien, Griechenland und Irland weisen eine besondere Abhängigkeit auf. Zusätzliche Risiken entstehen dadurch, dass mehrere große EU‑Länder besonders abhängig von Öl‑ und Flüssigerdgas‑Lieferungen aus dem Nahen Osten sind. Diese Verwundbarkeit trifft auf eine angespannte Ausgangslage mit hohen Schulden, anhaltenden Haushaltsdefiziten und engen EU‑Vorgaben. Das hohe Zinsniveau verschärft die Lage zusätzlich.
Der Ausblick
Der kurzfristige Ausblick bleibt unsicher. Er hängt stark von der geopolitischen Entwicklung ab. Selbst wenn die Waffenruhe anhält, ist nicht zu erwarten, dass sich die Handels- und Energieflüsse normalisieren. Reedereien und Versicherer agieren vorsichtig. Teile der Energieinfrastruktur sind beschädigt. Und globale Lieferketten benötigen Zeit, um sich zu stabilisieren. Noch für Monate dürfte es Engpässe im Angebot sowie erhöhte Energiepreise geben und die Planungssicherheit für Unternehmen belasten.
Scheitert die Waffenruhe oder eskaliert der Konflikt erneut, würden sich die wirtschaftlichen Belastungen verschärfen. Dann wären nicht nur Energiemärkte, sondern auch globale Lieferketten betroffen – mit steigenden Kosten, längeren Lieferzeiten und schwächerer Industrieproduktion.
Der Ausblick des Internationalen Währungsfonds bestätigt diese Tendenz: Das Wachstum verlangsamt sich, die Inflation bleibt hoch und sinkt nur langsam. Der Krieg verschärft bestehende strukturelle Schwächen wie hohe Staatsschulden, begrenzten wirtschaftspolitischen Handlungsspielraum sowie soziale und klimabedingte Belastungen. Insgesamt überwiegen die Inflationsrisiken, da anhaltende Engpässe und Kostendruck eine rasche Entspannung unwahrscheinlich machen.
Für die Geldpolitik entsteht ein anspruchsvolles Umfeld: Im Euroraum bleibt der Druck zu einer strafferen Ausrichtung hoch. Die US-Notenbank hat mehr Spielraum. Sie bleibt jedoch abhängig von Dauer und Intensität des Energie- und Angebotsschocks sowie der Inflationsentwicklung. Wir gehen davon aus, dass in den USA die Inflation trotz möglicher Entspannung bei den Ölpreisen über dem Zielwert bleibt. Die EZB signalisiert einen abwartenden Kurs. Eine erste Zinserhöhung im Juni bleibt jedoch möglich.
Die Strategie
Die Weltwirtschaft wächst weiter. Unternehmen erzielen Rekordgewinne. Und die Erwartungen an die Gewinnentwicklung in den kommenden Quartalen sind solide. Trotz der geopolitischen Spannungen erweist sich die globale Wirtschaft als widerstandsfähig. Insgesamt rechnen wir mit etwas höheren Inflationsraten und einem nur leicht geschwächten Wirtschaftswachstum, das weiterhin im positiven Bereich bleibt. Die Sorge vor einer länger anhaltenden Kombination aus hoher Inflation und schwachem Wachstum halten wir für übertrieben. Steigende Inflationserwartungen könnten jedoch dazu führen, dass die Notenbanken die Zinsen länger unverändert lassen oder punktuell anheben. Eine deutliche Lockerung der Geldpolitik erwarten wir derzeit nicht.
Aktien haben Verluste wettgemacht, US-Titel erreichten neue Höchststände. Dieses Vertrauen der Anleger stützt sich auf eine starke Ertragslage. Auch in Europa werden Rekordmargen erzielt und lassen ein zweistelliges Gewinnwachstum erwarten. Ein solides makroökonomisches Umfeld und hohe Investitionen in Künstliche Intelligenz bilden eine Basis für attraktive Aktienrenditen. Angesichts geopolitischer Risiken bleibt Vorsicht geboten. Dennoch behalten wir eine moderate Aktienübergewichtung bei, mit Präferenz für Schwellenländer und Zurückhaltung gegenüber Europa. Auf Sektorebene gewichten wir IT-Papiere über. Insbesondere gilt das für Halbleiter, denn der KI-Ausbau, die Chipknappheit und platzsparende Chip-Lösungen (Advanced Packaging) geben Rückenwind. Immobilien sind dagegen stark untergewichtet. Hier belasten Schwächen bei Büroimmobilien sowie steigende Kosten und sinkende Erschwinglichkeit von Wohnimmobilien die Renditen.
Anleihen gegenüber bleiben wir neutral. Höhere Inflationserwartungen haben zu steigenden Renditen geführt. Die Risikoaufschläge bei Unternehmensanleihen sind nach anfänglichen Ausschlägen wieder zurückgegangen. Dennoch bevorzugen wir weiterhin hochwertige Staats- und Unternehmensanleihen und meiden risikoreichere Anleihen. Denn deren Bewertung entschädigt aus unserer Sicht nicht ausreichend für die zusätzlichen Risiken.
Gold sehen wir weiterhin als wichtigen Baustein zur Risikostreuung und behalten es als stabilisierenden Bestandteil im klassischen Portfolio bei, insbesondere zur Absicherung gegen geopolitische und marktbedingte Unsicherheiten.
Fazit
Insgesamt sehen wir trotz der aktuellen Herausforderungen ein konstruktives Umfeld für Anleger und halten eine ausgewogene, qualitativ ausgerichtete Anlagestrategie weiterhin für den richtigen Ansatz.
Das Interview
Frage: Es lief zuletzt gut an den Börsen. Ein wesentlicher Treiber bleibt Künstliche Intelligenz, wo weiterhin hohe Investitionen erwartet werden. Doch Sie treten jetzt auf die Euphorie-Bremse. Warum?
Patric Wilhelm: „Finanzmärkte und Gesamtwirtschaft zeigten sich ausgesprochen robust. Und natürlich richten sich besonders große Erwartungen auf den Ausbau der KI. Deshalb haben wir unsere Gewichtung im IT-Sektor auch erhöht. Doch es gibt anhaltende geopolitische Unsicherheiten, die wir im Blick behalten müssen. Die damit verbundenen Risiken hat der Markt aus unserer Sicht noch nicht komplett eingepreist. Außerdem sinkt nach der jüngsten Börsenrallye der Spielraum für weitere Kursgewinne.“
Frage: Sie befürchten also, dass Rückschläge die Märkte erneut verunsichern könnten?
Patric Wilhelm: „Jedenfalls sollten wir uns davon nicht überraschen lassen. Zwar bestand zuletzt berechtigte Hoffnung, dass es im Iran-Konflikt zu einer Deeskalation kommt. Aber die Engpässe bei der Energie bestehen weiter. Wir haben als Bethmann Bank verschiedene Szenarien im Blick. In unserem Basisszenario gehen wir davon aus, dass die Energieengpässe bis Ende Juni beseitigt sein werden. Doch je länger der Konflikt dauert, desto mehr rücken negative Szenarien in den Fokus. Das Risiko für einen möglichen Abschwung ist gestiegen. Deshalb raten wir Investorinnen und Investoren: Seid ein bisschen vorsichtiger.“
Kernaussage der Bethmann Bank vom Finanzplatz Frankfurt
„Die anhaltende Unsicherheit wegen des Iran-Konflikts und die Energieengpässe stellen ein wachsendes Risiko für die Aktienmärkte dar. Die Wahrscheinlichkeit eines ungünstigen Szenarios hat zugenommen, was die Abwärtsrisiken für die Aktienmärkte erhöht. Nach einer starken Rallye bei Aktien sehen wir daher einen guten Zeitpunkt, das Risiko im Portfolio zu reduzieren, indem wir unsere Aktienallokation von einer leichten Übergewichtung auf neutral senken. Unsere Einschätzung zu Anleihen und Gold bleibt hingegen unverändert. Bei Anleihen bevorzugen wir hochwertige Anleihen gegenüber hochverzinslichen Anleihen, da die Kreditrisikoaufschläge, die eine Vergütung für das zusätzliche Risiko darstellen, unserer Meinung nach zu niedrig sind. Schließlich sorgt Gold für Diversifizierung im Portfolio und profitiert von langfristigen strukturellen Trends.“
Über die Bethmann Bank
Gegründet 1712, ist die Bethmann Bank, eine Marke der ABN AMRO Bank N.V. Frankfurt Branch, heute einer der führenden Anbieter von Wealth Management in Deutschland und betreut vornehmlich vermögende Privatkunden, Familienunternehmen und Vermögensverwalter. Der Name Bethmann steht, wie alle Mitglieder von ABN AMRO Wealth Management in Europa, für individuelle Beratung ohne Fokus auf eigene Produkte. Kundinnen und Kunden erhalten klare, verständliche Lösungen mit einem besonderen Schwerpunkt auf Nachhaltigkeit.
Nach der Ende Juni 2025 vollzogenen Übernahme der Hauck Aufhäuser Lampe Privatbank AG (HAL) durch die ABN AMRO Bank N.V. ist geplant, bis voraussichtlich Mitte 2026 das Wealth Management der Bethmann Bank und von HAL unter der Marke „Bethmann HAL“ zusammenzuführen. Mit gemeinsamen Assets under Management (AuM) von derzeit mehr als 70 Mrd. Euro und 17 Standorten in Deutschland wird Bethmann HAL die drittgrößte Privatbank in Deutschland sein, mit vollem Zugriff auf die internationalen Ressourcen der ABN AMRO.