Kapitalmarkt-Dialog Juni 2026 | NDOZ × Bethmann HAL: Nahost, Ölpreis, Börsenrallye und Zinsen

Spritpreise runter, Aktien rauf: Frieden in Nahost? Investieren mit Blick nach vorn

Hand an einer Zapfsäule mit mehreren Benzinpistolen. Das Bild steht symbolisch für sinkende Spritpreise, Ölpreise und ihre Wirkung auf die Finanzmärkte.
Zapfsäule als Symbol für Ölpreise und Finanzmärkte

Spritpreise, Ölpreis und Börsen hängen enger zusammen, als es auf den ersten Blick wirkt. Im Kapitalmarkt-Dialog Juni ordnet Bethmann HAL die aktuelle Lage ein. / Foto: Marek Studzinski / Unsplash

Auf dieses Signal hatten die Börsen gewartet: Kaum hatten sich die USA und Iran auf ein Ende des Kriegs im Nahen Osten geeinigt, schnellten die Aktienkurse in die Höhe und der Ölpreis geriet ins Rutschen. Das Rahmenabkommen gibt den Kriegsparteien 60 Tage Zeit, über die Bedingungen für den Frieden zu verhandeln. Doch viele Fragen waren zunächst weiter offen. Nach der spontanen Erleichterung blieb neben Optimismus also Raum für Skepsis. Zu oft war in den vergangenen Monaten nach vollmundigen Ankündigungen die Hoffnung in Ernüchterung umgeschlagen.

Was bedeutet die jüngste Entwicklung für Investoren und Investorinnen? Sollten Geldanlegerinnen und Geldanleger ihre Strategie an die neue Lage anpassen?

Der Kapitalmarkt-Dialog von NDOZ und Bethmann HAL schafft Orientierung. Hier gibt das Team der Bethmann HAL in Düsseldorf wertvolle Einschätzungen für die Kapitalanlage.

Patric Wilhelm, Geschäftsbereichsleiter der Bethmann HAL, analysiert die aktuelle Situation und blickt voraus auf die weitere Entwicklung. Hier seine Zusammenfassung:

 

Der Rückblick

Die hohen Energiepreise blieben zuletzt der prägende Faktor für das makroökonomische Umfeld. Denn die Straße von Hormus als wichtigstes Nadelöhr für den Transport von Erdöl und Flüssigerdgas war weiterhin blockiert. Dies belastete die globale Energieversorgung. Der Inflationsdruck blieb hoch. Gleichzeitig blieben die Erwartungen an das wirtschaftliche Wachstum verhalten, insbesondere im Euroraum. Die Europäische Zentralbank (EZB) reagierte auf den Ölpreisschock und die steigenden Verbraucherpreise: Erstmals seit 2023 hob sie in diesem Juni die Leitzinsen um 0,25 Punkte auf 2,25 Prozent an. Die US-Notenbank Federal Reserve hielt den Leitzins dagegen in ihrer ersten Sitzung unter dem neuen Fed-Chef Kevin Warsh stabil bei 3,50 bis 3,75 Prozent.

Zum Kapitalmarkt-Dialog Mai 2026: Geht der Börsen-Rallye der Treibstoff aus? Risiken für einen Abschwung steigen

Trotz der Unsicherheiten hatte sich die Marktstimmung noch ein wenig stabilisiert. Immer gestützt von der Hoffnung auf einen baldigen Durchbruch für den Frieden am Golf.

Die aktuelle Lage

Mit der Absichtserklärung für den Frieden ist die Hoffnung nun wieder deutlich gewachsen, dass die Waffen in der Region anhaltend schweigen. Eine dauerhafte Öffnung der Straße von Hormus würde sinkende Energiepreise bedeuten und die allgemeine Teuerung dämpfen. Damit sänke auch der Druck auf die Notenbanken, die Zinsen erneut anzuheben.

Fantasie ist ein wesentlicher Treiber der Börsen. Und so stiegen die Aktienkurse mit der Ankündigung eines Friedensabkommens deutlich: Der Deutsche Aktienindex (DAX) kletterte zeitweise wieder über die Marke von 25.000 Punkten. An der New Yorker Wall Street sprang der Dow Jones auf ein zwischenzeitliches Rekordhoch von 51.720 Punkten. Der Ölpreis sank auf unter 80 Dollar für ein Fass (159 Liter) der Nordseesorte Brent. Damit lag der Preis aber immer noch deutlich über dem Niveau vor dem Krieg.

Der Ausblick

Trotz der noch umfangreichen Verhandlungen forderte US-Präsident Donald Trump schon: Die Schiffe der Welt sollten die Motoren anwerfen und das Öl fließen lassen. Doch tatsächlich ist neben allem Optimismus weiterhin ein gesundes Maß an Vorsicht geboten. Rein technisch lasse sich die Straße von Hormus nicht umgehend freimachen, sagen Experten. So müssten zunächst etwa die Seeminen geräumt werden. Außerdem gibt es viele offene Punkte. Zum Beispiel die Frage, wie sich Israel und die Hisbollah im Libanon verhalten.

Damit bleibt der weitere Verlauf stark davon abhängig, ob sich die geopolitische Lage tatsächlich nachhaltig beruhigt oder ob neue Angebotsstörungen auftreten. Für die Märkte bedeutet dies, dass Inflations- und Zinserwartungen auch in den kommenden Monaten anfällig für kurzfristige Stimmungsumschwünge bleiben dürften. Positiv ist, dass die strukturellen Wachstumskräfte tragen: In den USA wirken Investitionen in Künstliche Intelligenz und Infrastruktur stützend. Europa profitiert von steigenden staatlichen Investitionen. Und auch China bleibt trotz schwächerer Nachfrage aus dem Ausland ein wichtiger Treiber der globalen Nachfrage.

Insgesamt halten wir daher an dem Bild eines verlangsamten, aber weiterhin robusten globalen Wachstums fest. Das Umfeld bleibt anspruchsvoll, doch es ist eher von Unsicherheit und Volatilität als von einer klaren Rezessionsdynamik geprägt.

Die Strategie

Angesichts der Verwerfungen an den internationalen Ölmärkten, einer starken Rallye bei Halbleiteraktien und steigender Anleiherenditen seit Jahresbeginn passen wir unsere Positionierung innerhalb von Anlageklassen an. Zum einen reduzieren wir unsere Position in Schwellenländern zugunsten der Industrieländer. Damit verteilen wir regional um, behalten aber insgesamt eine neutrale Position in Aktien bei. Zum anderen haben wir unsere Gewichtung in Gold leicht reduziert, obwohl wir diesem Edelmetall weiterhin positiv gegenüberstehen.

  • Bei Aktien reduzieren wir unsere Position in Anteilsscheinen aus Schwellenländern von „übergewichtet“ auf „neutral“. Ein Grund sind die gestiegenen Bewertungen für die zeitweise sehr gefragten Aktien aus dieser Region. Die Erlöse daraus nutzen wir, um unser Engagement in Aktien aus Industrieländern wieder auf „neutral“ anzuheben. Innerhalb der Industrieländer bevorzugen wir weiterhin US-Aktien gegenüber europäischen Titeln. Sie dürften überdurchschnittlich von den hohen Investitionen in Künstliche Intelligenz profitieren, die das Wirtschaftswachstum zusätzlich unterstützen.
  • Bei Anleihen bevorzugen wir im Rentenbereich ebenfalls eine insgesamt neutrale Positionierung. Wir gewichten Anleihen hoher Bonität leicht über. Dieses Segment kann in einem Umfeld erhöhter Unsicherheit weiterhin als Puffer im Portfolio wirken. Bei Hochzinsanleihen bleiben wir dagegen zurückhaltend. Die Gründe liegen in geringen Renditeaufschlägen und in einem aus unserer Sicht wenig überzeugenden Verhältnis von Risiko und Rendite. Innerhalb des hochwertigen Rentensegments bevorzugen wir Unternehmensanleihen und bonitätsstarke Pfandbrief-Anleihen gegenüber Staatsanleihen. Denn hier sehen wir derzeit das attraktivere Verhältnis von Stabilität und Ertrag. Gleichzeitig bleiben wir bei langen Laufzeiten vorsichtig.
  • Bei Gold hat der Aufwärtstrend in den vergangenen Monaten nachgelassen. Insbesondere ein Anstieg der Anleiherenditen hat das Edelmetall unter Druck gesetzt, da höhere Renditen Gold im Vergleich weniger attraktiv machten. Zudem hat die Korrelation zwischen Gold und Aktien in jüngster Zeit zugenommen. Damit hat die Rolle von Gold als Instrument zur Diversifikation im Portfolio abgenommen. Die langfristigen Argumente für Gold bleiben jedoch stark, insbesondere da die Zentralbanken unter dem Strich weiterhin Gold kaufen. Wir reduzieren unsere Goldposition leicht, bleiben jedoch gegenüber dem Edelmetall positiv eingestellt.

Fazit

Das aktuelle Umfeld spricht aus unserer Sicht weiterhin für eine ausgewogene und breit diversifizierte Aufstellung über alle Anlageklassen hinweg – mit einem klaren Fokus auf Qualität und Stabilität.

Das Interview

Frage: Bethmann HAL hat aktuell die Anlagestrategie angepasst, etwa bei Aktien aus Schwellenländern. Dabei waren sie zuletzt besonders gefragt. Warum reduzieren Sie dort ihre Position von „übergewichtet“ auf „neutral“?

Patric Wilhelm: „Als wir zu Beginn des Jahres eine Übergewichtung in Schwellenländern eingegangen sind, waren die Aktienbewertungen in dieser Region attraktiver als in den Industrieländern. Das galt besonders für Schlüsselbranchen wie IT und Industrie. Dann gab es eine starke Rallye bei Schwellenländer-Aktien. Jetzt liegen die Bewertungen über denen in Europa und Japan. Zudem bleiben die wirtschaftlichen Aussichten für Schwellenländer zwar robust. Aber die gestiegenen Energiepreise wirken sich auf diese Volkswirtschaften aus. Das schmälert die Attraktivität der Region, auch wenn das Gesamtwachstum solide ist. Gleichzeitig bieten die Industrieländer eine ausgewogenere und stärker diversifizierte Ertragsdynamik. Denn dort gibt es mehrere Sektoren mit attraktiven Wachstumsperspektiven. Dies rechtfertigt eine neutrale und breiter gestreute Positionierung.“

Frage: Ihr Fokus liegt damit insgesamt wieder etwas stärker auf den Industrieländern. Wie lässt sich die aktuelle Strategie von Bethmann HAL zusammenfassen?

Patric Wilhelm: „Insgesamt passen wir unsere Positionierung gezielt an das veränderte Marktumfeld an, ohne unsere grundsätzliche Ausrichtung zu verändern. Dass wir in Schwellenländern und bei Gold reduzieren, reflektiert vor allem gestiegene Bewertungen und veränderte Marktbedingungen. Gleichzeitig sehen wir in Industrieländern, insbesondere in den USA, weiterhin attraktive Wachstumschancen. Mit dieser ausgewogenen Anpassung bleiben wir flexibel und gut positioniert für die kommenden Marktphasen.“

Kernaussage der Bethmann HAL vom Finanzplatz Frankfurt

„Geopolitische Spannungen haben die Finanzmärkte in den vergangenen Monaten spürbar geprägt. Insbesondere der Krieg im Nahen Osten hat nicht nur großes menschliches Leid verursacht, sondern weltweit Unsicherheit geschürt – mit direkten Auswirkungen auf das Marktumfeld. Aktienkurse zeigten sich volatil, Anleihemärkte standen unter Druck, die Renditen zogen an und auch die Ölpreise schwankten deutlich und tendierten seit Ausbruch des Konflikts nach oben. Trotz dieses herausfordernden Umfelds bleiben die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und die Perspektiven vieler Unternehmen insgesamt konstruktiv. Für langfristig orientierte Anleger ergibt sich daraus ein Bild, das Raum für vorsichtigen Optimismus lässt – insbesondere mit Blick auf die zweite Jahreshälfte.“

Über Bethmann HAL

Die Marke Bethmann HAL ist Teil der ABN AMRO Deutschland und zählt zu den drei größten Anbietern von Wealth Management in Deutschland. Sie vereint die jahrhundertelangen Privatbankkulturen der Vorgängerinstitute Bethmann Bank und Hauck Aufhäuser Lampe und deren herausragende Expertise bei der Betreuung großer und komplexer Vermögen. Neben einem umfassenden Angebot in der Vermögensverwaltung bietet Bethmann HAL ein Wertpapier-Beratungsgeschäft, Zugang zu Private Assets wie Private Equity und Immobilien sowie einen Wealth Planning-Ansatz, der die individuelle Vermögungssituation nach Kundenpräferenzen und über alle Asset-Klassen und Generationen hin optimiert. Eine besondere Expertise besteht im Bereich E&E (Entrepreneur & Enterprise): Die ganzheitliche Betreuung von mittelständischen Unternehmern sowohl mit Blick auf ihre familiäre als auch auf ihre unternehmerische Vermögenslage durch integrierte Teams aus dem Wealth Management und Corporate Banking der ABN AMRO ist in dieser Form ein Alleinstellungsmerkmal im deutschen Markt. Bethmann HAL hat mehr als 70 Mrd. Euro Assets under Management und ist mit 1.700 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern an 17 Standorten in Deutschland präsent.