Die „Weiße Frau” und das Eigenleben einer Legende
Eine der bekanntesten Düsseldorfer Spukgeschichten beginnt mit einer realen Person.
Jacobe von Baden heiratete 1585 Herzog Johann Wilhelm von Jülich-Kleve-Berg. Zehn Tage lang wurde die Hochzeit gefeiert. Später erkrankte Johann Wilhelm psychisch, am Hof bildeten sich rivalisierende Gruppen. 1595 wurde Jacobe unter anderem wegen Ehebruchs angeklagt und gefangen gesetzt.
Am Morgen des 3. September 1597 fand man die 39-Jährige tot im Düsseldorfer Schloss. Die Umstände ihres Todes sind bis heute nicht abschließend geklärt. Verdächtige Spuren am Hals sprechen für einen gewaltsamen Tod durch Erdrosseln, endgültig beweisen lässt er sich nicht.
Aus dieser Ungewissheit wuchs die Sage.
Und die Überlieferung bewahrt ein auffälliges Detail: Die „Weiße Frau” trägt ein rotes Band um den Hals.
Bernhardt zeigt an solchen Stellen, wie er mit Legenden umgeht. Über die Erzählungen vom schiefen Turm von St. Lambertus schreibt er, sie seien „historisch nicht belastbar”, zeigten jedoch, „wie sehr der eigentümliche Turm die Fantasie der Düsseldorfer über Generationen hinweg beflügelt hat”.
Das ist auch bei Jacobe der entscheidende Punkt. Die Legende ersetzt die Geschichte nicht. Sie wird selbst Teil davon.
Vom Gespenst zur Werbefigur, vom Täter zum Mythos
Dass solche Bilder ein erstaunliches Eigenleben entwickeln können, zeigt eine zweite „Weiße Frau”.
Anfang des 20. Jahrhunderts tauchte eine geisterhaft weiß gekleidete Gestalt in Düsseldorfer Werbeanzeigen von Henkel auf. Schlosskulisse, erschrockene Diener, eine Erscheinung in Weiß und dazu die beruhigende Botschaft: „Kein Spuk!”
Ob die Werbegestalter bewusst auf die Düsseldorfer Sage zurückgriffen, lässt Bernhardt offen. Die Ähnlichkeiten sind jedoch unverkennbar. Später entwickelte der Karikaturist Kurt Heiligenstadt die berühmte „Weiße Dame” von Persil, die jahrzehntelang auf Plakaten und Werbeuhren zu sehen war.
Auf ganz andere Weise zeigt das Kapitel über Peter Kürten, wie aus Geschichte Mythos werden kann.
Die Mordserie von 1929 und 1930 versetzte Düsseldorf in Angst. Der Beiname „Vampir von Düsseldorf” entwickelte ein Eigenleben, das weit über die tatsächlichen Verbrechen hinausreichte. Bernhardt weist ausdrücklich darauf hin, dass Fritz Langs Film „M – Eine Stadt sucht einen Mörder” keine unmittelbare Verfilmung des Falls ist, auch wenn Zeitgenossen darin Motive der Düsseldorfer Ereignisse wiedererkannten.
Später folgten Romane, Theaterstücke und Musik. Die Figur des „Vampirs”, schreibt Bernhardt, sei dabei „häufig stärker mythologisiert” worden, „als es die historischen Tatsachen rechtfertigen”. Kürtens mumifizierter Kopf wurde schließlich sogar zum Ausstellungsstück eines Kuriositätenkabinetts in den USA.
Bernhardt beschreibt damit zwei sehr unterschiedliche Mechanismen: Eine historische Figur wird zur Sagengestalt. Ein dokumentierter Kriminalfall wird zum kulturellen Mythos.
Ein Kapitel, in dem sich das Dunkle verändert
Besonders deutlich wird die Konstruktion des Buches im Kapitel „Brände in der Geschichte Düsseldorfs”.
Bernhardt kündigt den Zusammenhang selbst an: „Von den Scheiterhaufen der Hexenverfolgungen über die nationalsozialistischen Bücherverbrennungen bis zu den Feuerstürmen des Zweiten Weltkriegs und den Katastrophen der modernen Industriegesellschaft zieht sich ein glühend roter Faden durch die Düsseldorfer Stadtgeschichte.”
Das Feuer bleibt. Was es bedeutet, verändert sich.
Das Kapitel beginnt bei der Hexenverfolgung und führt über den Blitzschlag in St. Lambertus und den Schlossbrand von 1872 zum 11. April 1933. An diesem Tag verbrannte die Düsseldorfer Hitlerjugend auf dem Vorplatz des damaligen Planetariums Bücher. Heute steht dort die Tonhalle.
Seit 1993 erinnert in der Nähe eine Gedenktafel an die Bücherverbrennungen. Auf ihr steht ein Satz, den Heinrich Heine bereits 1821 in seinem Drama „Almansor” schrieb: „Dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen.”
Bernhardt verbindet die Ereignisse in einem Satz: „Nur fünf Jahre nach den Bücherverbrennungen wurden aus Angriffen auf Gedanken Angriffe auf Menschen und ihre Gotteshäuser.”
In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde die Große Synagoge an der Kasernenstraße verwüstet und in Brand gesetzt. Das 1904 eingeweihte Gotteshaus war nach Plänen des Düsseldorfer Architekten Josef Kleesattel entstanden. Die Feuerwehr schützte die angrenzenden Gebäude, die Synagoge selbst wurde nicht gerettet.
Heute erinnert ein Gedenkstein an den Ort. Seit November 2024 macht zusätzlich Mischa Kuballs dauerhafte Lichtinstallation „missing link_” einen Ausschnitt des verschwundenen Gebäudes wieder im Stadtraum sichtbar.
Auch die Geschichte der Synagoge von Gerresheim zeigt, wie wenig geradlinig Erinnerung verläuft. Sie überstand die Pogromnacht, weil das Gebäude damals als Lager genutzt wurde. 1984 wurde die ehemalige Synagoge von zwei jungen Männern in Brand gesetzt, kurz bevor sie zu einer Gedenkstätte werden sollte. Heute erinnern dort ein Gedenkstein und der Synagogenweg.
Derendorf: Geschichte mit Adressen
Im Kapitel über Verfolgung und Zwangsarbeit wird der ehemalige Güterbahnhof Derendorf zu einem zentralen Ort.
Am 27. Oktober 1941 begann der erste große Deportationstransport mit 1.003 jüdischen Menschen aus Düsseldorf und dem Regierungsbezirk in Richtung Litzmannstadt. Zwischen 1941 und 1945 wurden Bernhardt zufolge nahezu 6.000 jüdische Menschen aus dem Regierungsbezirk deportiert. Vor den Transporten wurden sie auf dem Gelände des städtischen Schlachthofs an der Rather Straße zusammengetrieben.
Bernhardt führt diese Geschichte zurück in den heutigen Stadtraum. Stolpersteine, Gedenktafeln und Mahnmale bilden ein dezentrales Gedächtnis der Stadt.
Er formuliert den Gedanken am Ende des Kapitels selbst: Sie erinnerten daran, „dass Verfolgung, Deportation und Mord nicht irgendwo geschahen, sondern mitten in Düsseldorf – in Straßen und Häusern, die noch heute das Stadtbild prägen”.
Zwei Namen
Ein eigener Abschnitt trägt die Überschrift „Zum Tode verurteilt”.
Karlrobert Kreiten, 1916 geboren, kam als Kleinkind nach Düsseldorf und trat bereits als Zehnjähriger in der Tonhalle auf. Er galt als einer der vielversprechendsten Pianisten seiner Generation. Nachdem er sich im privaten Kreis kritisch über den Kriegsverlauf und die nationalsozialistische Führung geäußert hatte, wurde er von einer Bekannten denunziert.
Am 7. September 1943 wurde Kreiten in Berlin-Plötzensee hingerichtet. An seinem früheren Wohnhaus an der Rochusstraße erinnert heute ein Stolperstein an ihn.
Leo Statz war Kaufmann und langjähriger Präsident des Comitees Düsseldorfer Carneval. Seine Ablehnung des Regimes ließ er auch bei Karnevalssitzungen erkennen. Zu einem beinamputierten Soldaten soll er 1943 gesagt haben: „Sie sind beinlos – aber nicht für Deutschland, sondern für Adolf Hitler.”
Auch er wurde aus seinem unmittelbaren Umfeld heraus denunziert: Ein Mitarbeiter seiner eigenen Firma meldete ihn der Gestapo.
Am 27. September 1943 verurteilte ihn der Volksgerichtshof zum Tode. Freunde, Weggefährten und zahlreiche Düsseldorfer versuchten, ihn durch Eingaben und Gnadengesuche zu retten. Tausende Briefe erreichten die Behörden in Berlin.
Bernhardt nennt das ein „bemerkenswertes Zeichen stillen Widerstands in einer Zeit, in der bereits eine solche Bitte als regimefeindlich ausgelegt werden konnte”.
Am 1. November 1943, dem Allerheiligentag, wurde Leo Statz hingerichtet. Ein Stolperstein an der Kronprinzenstraße 43 / Leo-Statz-Platz erinnert an ihn. Auch das Leo-Statz-Berufskolleg, die Kaufmännische Schule I der Stadt Düsseldorf, trägt seinen Namen.
Beide Geschichten zeigen, wie nah die Mechanismen der Verfolgung kamen. Bei Kreiten beginnt sie mit einer Bekannten, bei Statz mit einem Mitarbeiter.
Hungerjahre: Eine Stadt versucht wieder Alltag
Das letzte Kapitel handelt nicht von einem einzelnen Ereignis, sondern vom Überleben zwischen 1945 und 1948.
Von den rund 540.000 Menschen, die Düsseldorf zu Kriegsbeginn zählte, lebten bei Kriegsende noch etwa 235.000 in der schwer zerstörten Stadt. Fast die Hälfte des Gebäudebestandes war beschädigt oder vernichtet. Die Stadtgeschichte dieser Zeit, schreibt Bernhardt, sei „weniger eine Geschichte des Wiederaufbaus als eine Geschichte des Überlebens”.
Er übersetzt solche Zahlen in Alltag.
Am 6. August 1945 begann der Unterricht für die ersten bis vierten Volksschulklassen wieder. Viele Schulgebäude waren zerstört oder anderweitig belegt. Es fehlte an Schulbüchern, Heften und Brennstoff. In kalten Winterwochen fiel der Unterricht aus, weil keine Kohle zum Heizen vorhanden war.
Für viele Kinder waren die Schulspeisungen lebensnotwendig. Suppen aus Erbsenmehl, Getreideprodukten oder Hilfslieferungen waren mitunter die einzige Mahlzeit des Tages.
Im März 1947 entlud sich der Hunger auch öffentlich. Am 28. März zogen Zehntausende Menschen in Richtung Hofgarten. Zeitgenössische Berichte sprechen von rund 80.000 Teilnehmern, überwiegend Frauen. In den Menschenmengen war derselbe Ruf zu hören: „Wir wollen keine Kalorien – wir wollen Brot!”
Aus derselben Not entstand eine Verbindung, die Düsseldorf bis heute prägt. 1947 besuchte Phoebe Cusden, Bürgermeisterin der englischen Stadt Reading, die zerstörte Stadt. Hilfsaktionen folgten, zunächst wurden sechs Düsseldorfer Kinder nach Reading eingeladen. 1988 wurde daraus eine offizielle Städtepartnerschaft.
Nicht alles ist düster
Der Band bleibt trotz seines Titels keineswegs durchgehend schwer.
Bernhardt führt auch durch Düsseldorfs Unterwelt: durch alte Abwasserkanäle, die ehemalige Passage am Worringer Platz, U-Bahn-Stationen und verborgene Schichten der Stadt.
Da ist etwa der U-Dax, das Hartgummi-Maskottchen des Düsseldorfer Stadtbahnbaus. Oder die Geschichte des Carsch-Hauses, dessen historische Fassade für den Bau des U-Bahnhofs Heinrich-Heine-Allee Stein für Stein abgetragen und rund 23 Meter weiter westlich wieder aufgebaut wurde.
Beim Bau der Wehrhahn-Linie fanden Archäologen sogar einen rund 34 Kilogramm schweren Teil eines Wollhaarmammut-Stoßzahns.
Diese Geschichten geben dem Buch Luft. Sie zeigen außerdem, dass „dunkel” bei Bernhardt nicht automatisch „düster” bedeutet. Manchmal liegt die Geschichte tatsächlich nur unter der Erde.
Die Kürze gehört zum Konzept
80 Seiten setzen Grenzen. Bernhardt versucht nicht, daraus ein wissenschaftliches Nachschlagewerk zu machen. Im Vorwort schreibt er selbst, der Platz sei begrenzt und seine Auswahl subjektiv.
Eine Spukgeschichte funktioniert auf wenigen Seiten. Verfolgung, Deportation und Hunger erhalten mehr Raum. Diese unterschiedliche Gewichtung tut dem Band gut.
Die thematische Ordnung verlangt allerdings etwas Sprungbereitschaft. Nach Peter Kürten geht es zurück zur Magdalenenflut von 1342, bevor die nationalsozialistische Verfolgung folgt. Wer von vorne nach hinten liest, bekommt also keine kontinuierliche historische Entwicklung, sondern acht eigenständige Themenblöcke.
Das ist kein Fehler des Buches. Man sollte es nur nicht wie eine Chronik lesen.
Wer wissenschaftliche Fußnoten und ausführliche Forschungsdebatten sucht, muss an anderer Stelle weiterlesen. Wer wissen möchte, welche Geschichten sich hinter vertrauten Düsseldorfer Orten verbergen, bekommt viele Ausgangspunkte.
Zwischen „schaurig” und Erinnern
Eine Passage liest sich im Rückblick fast wie ein Kommentar zum Untertitel „Schön & Schaurig”.
Im Kapitel über die ersten Nachkriegsschulen zitiert Bernhardt einen Erlass des Düsseldorfer Schuldezernenten vom November 1945. Die Lehrer sollten einer Propagandalüge entgegentreten, die einer „in Nazibegriffen aufgewachsenen Jugend” einreden wolle, die Berichte aus den Konzentrationslagern „seien unwahr oder übertrieben”.
Zugleich heißt es dort: „Ohne eine unpädagogische Ausmalung aller schaurigen Einzelheiten zu betreiben, ist es nötig, den Schülern in großen Zügen die Wahrheit über die KZ-Lager vor Augen zu führen, damit Schuld und Verantwortung nicht bagatellisiert und vergessen werden.”
Diese Unterscheidung passt erstaunlich gut zu Bernhardts eigenem Buch.
Es erzählt vom Schaurigen, macht daraus aber keinen Selbstzweck.
Und Bernhardt zeigt noch einmal, wie kompliziert Erinnerung sein kann. Am 3. Oktober 1965 verbrannten Mitglieder einer religiösen Vereinigung unter der Oberkasseler Brücke Bücher, die sie für moralisch verwerflich hielten. Unter den Autoren war Erich Kästner, dessen Werke bereits 1933 von den Nationalsozialisten verbrannt worden waren.
Bernhardt weist ausdrücklich darauf hin, dass zwischen beiden Ereignissen „völlig unterschiedliche politische Motive” lagen. Die symbolische Wirkung des Feuers ließ sich dennoch kaum übersehen.
Das Ordnungsamt hatte die ursprünglich für den Carlsplatz geplante Aktion untersagt. Nicht wegen der Bücher, sondern wegen der Gefahr des Funkenflugs. Der damalige Oberbürgermeister bezeichnete die Verbrennung zunächst als „Dummejungenstreich”.
Solche Details sind es, die nach der Lektüre hängen bleiben.
„Dunkle Geschichten aus Düsseldorf” beginnt mit dem Versprechen des Schaurigen. Es bleibt nicht dort.
Am Ende geht es um etwas anderes: um Erinnerung.
Buchdaten
Thomas Bernhardt
„Dunkle Geschichten aus Düsseldorf. Schön & Schaurig“
Wartberg Verlag
80 Seiten, Hardcover
ISBN 978-3-8313-3644-9
12,90 Euro
erschienen am 14. Oktober 2026
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